Ellen möchte auch mal mit Männern über Ärsche reden
Text: Michael Aniser aus De:Bug 142

Mit Dust hat Ellen Allien ein Sommeralbum geschaffen, auf dem ganz schön viele Gitarren gezupft werden. An einem Frühlingstag besuchen wir die BPitch-Labelchefin und DJ-Queen in ihrer Berliner Wohnung und fragen nach stimmigem Interieur, schönen Bäumen, der Philosophie des Auflegens und warum Jukeboxes ihr Leben verändert haben

Berlin-Mitte, Auguststraße. Erstmal warten, von einem Interview weiß der junge Mann an der Gegensprechanlage nichts. Er bittet uns dann trotzdem hoch in den fünften Stock. Hier, über den Dächern Berlins residiert die Techno-Chefin der Stadt. Umzugskartons an der Wand, in einem improvisierten Homestudio basteln zwei Jungs an Tracks. Die Wohnung ist hell und weiträumig – Berliner Minimalismus trifft hier geschmackvolle Einrichtungseinsprengsel einer permanent Weltreisenden: Stuhl aus Marokko, Katzenkunst aus Japan, integrierte Souvenirs eines Techno-Jet-Set-Lebens. Wir bekommen Wasser und klopfen zuerst Mal den französisch sprechenden jungen Mann auf Interessantes ab. Der sagt, er ist zum Musik machen hier und ein Interview interessiert ihn eher nicht so. Spannend zu sehen, wie zukünftige BPitch-Tracks entstehen: Die werden ja nun auch gebraucht, jetzt wo Paul Kalkbrenner weg ist.

Technobusiness
Ellen kommt direkt von einem Meeting, den Job als Label-Chefin und DJ nimmt sie mit der ihr üblichen Hansdampfigkeit, lässig hin. Wir fläzen uns auf das geschmackvoll gewählte Sofa und reden über Inneneinrichtung. Vielleicht gibt es ja bald auch BPitch-Möbel, Ikea-Remixe würden sich sehr gut machen neben der hauseigenen Modelinie. Ellens Wohnung wirkt nicht überfrachtet, alles hat hier seinen Platz. Wie die Tracks auf ihrem neuen Album Dust: aufgeräumt, aber mit bewusst gesetztem analogen Rauschen an den richtigen Stellen.

Der erste Track des Albums, “Ourutopie”, ein langsam plockernder Minimal-Track mit Glockenspiel. Ellen besingt darin einen utopischen Entwurf, der sich nicht an Zukünftigem orientiert, sondern die Gegenwart als bereits eingetretene Utopie versteht: “We are still here”. So lässt sich auch ihr Leben nachzeichnen. Bereits im Kindertagen hatte Ellen so etwas wie einen ersten Plattensponsor: Jemand in ihrer Familie hat die Jukeboxes in Berliner Lokalen aufgestellt und sie konnte dadurch die ganzen alten Singles abgreifen. So ausgestattet gab es dann wohl erste Sessions im Kinderzimmer: Proto-Mashpop aus dem Hause Fraatz, die Setlist würde uns interessieren. Dass sie ein paar Jahre später schon um die Welt fliegen würde um aufzulegen, konnte damals noch keiner ahnen. 

Rock’n’Roll
“Rolling and rolling around”, wie es im zweiten Track der Platte heißt. Bei einem Tourprogramm, das einem aufgrund von Vollgestopftheit und Flugkilometern ohne weiteres ein bisschen Angst machen könnte, bleibt Ellen ruhig. Sie ist es gewohnt, zwischen Flughafen, Taxi, Hotelzimmer und wieder Flughafen zu pendeln. Rock’n’Roll-Lifestyle, Zeit zum Feiern findet sich eigentlich immer. “Für mich ist Nachtleben so ein Rock’n’Roll-Faktor, bei dem ich abschalten kann. Da bin ich am Wochenende weggebeamt.” In ihrer Rolle als Label-Chefin berät sie dann auch gern mal jüngere Acts zum Thema Zeitmanagement und Gesundheit. Denn Gesundheit sagt sie, ist in dem Job super wichtig. Sie selbst macht zwei mal die Woche Yoga und trinkt selten beim Auflegen.

BPitch ist für sie eher Familie als Unternehmen – und da gibt es natürlich auch mal Ärger. Vor kurzem hat Paul Kalkbrenner das Label verlassen, kurzerhand noch einen Tourmanager abgezogen und jettet im neuen Team dem großen Geld hinterher. Jetzt füllt er Halle um Halle mit kreischenden Teenies. Ellen bleibt gelassen, so was komme vor. BPitch hatten zwar immer schon ein paar Indie-Acts unter ihren Fittichen, es scheint sich da aber, ausgehend von ihrem neuen Album, eine gewisse Verschiebung hin zu analogerer Musik bemerkbar zu machen. Im Track “Sun the Rain” beweist sie sogar Songwriter-Qualitäten, wenn sie zur Gitarre Sachen wie “Walking down the street, you take my hand and smile, Life’s so easy” singt. Ellen ist mit Bob Marley und Nina Hagen großgeworden. Indie war immer schon ihre Musik, früher hatte sie sogar mal so eine Art Band. Richtig mit Proberaum, über Jamsessions ging das aber nie hinaus. Punkrock-Attitüde statt Herumgefrickel ist es dann auch, was den meisten der Tracks auf Dust zugrunde liegt.

“Musiktechnik ist an ihrem Ende angelangt”, sagt sie und dass es ohnehin keine musikalischen Neuerungen geben kann, wenn nicht irgendwer ein neues Instrument erfindet. Wichtig für ihre Alben sind die Produzenten, die ihr dabei unter die Arme greifen, aktuell Tobias Freund. Während das letzte, Sool, ein wenig mehr Industrial war, sperrig und streckenweise verspult unzugänglich, erinnert Dust an laue Frühlingsnächte. Mädchenmusik? Tut man ihr damit doch unrecht? Weibliche DJs sind ja heute auch nicht mehr so selten, und doch fühlt sie sich immer noch ein wenig ausgegrenzt von den männlichen Kollegen. “Ich möchte auch mal über Ärsche reden mit denen!”, sagt sie. Obwohl ihr der ganze Afterhour-Kram langsam auf die Nerven geht, ist sie immer noch ordentlich unterwegs. Mit dem Stück “Should we go home” liefert sie dann gleich den passenden Soundtrack für 14 Uhr morgens. 

Clubkultur
Von einer Mainstreamisierung der Berliner Clublandschsaft will Ellen nichts wissen. Die in der Welt gesammelte Erfahrung rückt den allzu heimischen Blick auf die Veränderung des Partytreibens dann auch wieder angenehm grade, für hiesige Partymacher ist sie nur voll des Lobes. Und dass sich alle immer nur zudröhnen und wegmachen, findet sie jetzt auch nicht weiter schlimm. “Man zwingt ja auch nicht die Leute, man steckt ihnen keine Pillen in den Mund und macht die süchtig”, meint Ellen. Ausgehtechnisch finde eher eine Wende vom Proll hin zum Conaisseur statt.

Ellen sagt, das liegt am Internet und dass sich dadurch heutzutage weltweit jeder Idiot die heiße Scheiße ziehen kann. Daneben gibt es natürlich immer auch “kulturell-wertvolle” Inhalte, die auch vor dem Berghain nicht halt machen und es dadurch wieder Feuilleton-kompatibel machen. Sie selbst konzipiert auch gerade eine Kunstausstellung, um ihr Spektrum noch weiter auszudehnen. Getreu ihrer Lebensphilosophie: einfach machen. Es gehe auch nicht an, dass alle immer so rumjammern. Sie selbst kennt das Problem nicht, sie kam ja eher zufällig zum Plattenauflegen und falls sie künftig von einem 9-to-5-Job leben müsste, wäre das auch nicht so schlimm, beteuert sie.

From Berghain to Bergheim
Das Album erzählt eine ganz persönliche Geschichte. Den im Stück “My Tree” besungenen Baum gibt es so tatsächlich. Ellen Alliens Hometree, wenn wir den etwas abseitigen Avatar-Vergleich heranziehen wollen. Dust driftet im fortschreitenden Pluckern immer weiter aus städtischen in ländliche Gefilde. “Huibuh”, der vorletzte Track, eignet sich perfekt, um ins Auto zu steigen, aufs Land zu fahren und auf irgendeiner Wiese herumzuliegen. Ganz ganz weit weg von Afterhour. Vielleicht greift sie ja, wenn das so weiter geht, bald selbst zur Gitarre und nimmt ein Songwriter-Album auf. “From Berghain to Bergheim” oder so ähnlich. 

“Dust” ist bei BPitch/Rough Trade erschienen.

http://www.bpitchcontrol.de
http://www.ellenalien.de

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Elektronische Lebensaspekte.

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