"Die Geschichte macht uns stark"
Text: Sebastian Weiß aus De:Bug 170

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2013 soll ein BPitch-Jahr werden. Das fängt gut an mit Theatermusik auf Albumlänge von der Labelchefin und der neuen Compilation “Where The Wind Blows”. Im Interview lässt Ellen Allien die letzten Jahre Revue passieren und erklärt warum es sich bei ihrer neuen Platte um Gehirnspielzeug handelt.

Text: Sebastian Weiß

Ich habe den Eindruck, ihr habt mit dem Label BPitch 2012 ein wenig die Geschwindigkeit herausgenommen. Warum?

Ich bin froh, dass wir uns nicht jedes Jahr mit neuen Releases unter Druck setzen müssen. Wir haben einen so großen Back-Katalog, und der läuft. Aufgrund meiner Residency im DC10 habe ich letzten Sommer in Ibiza gelebt und mich ein wenig vom Business-Wahn befreit. Als ich zurückkam und wegen des Wetters in ein Loch gefallen bin, wusste ich: Ich muss wieder ins Studio.

Und herausgekommen ist “LISm”, Musik für ein Theaterstück.

Genau. Schon 2010 wurde ich gebeten, den Soundtrack für die Tanz-Performance “Drama per Musica” von Alexandre Roccoli und Sevérine Rième zu komponieren. Das traf sich total gut, weil ich schon seit Jahren einen Soundtrack machen wollte. Das ganze Konzept ist von der Beat-Generation der 50er inspiriert, es geht viel um Gegenkultur und Abgrenzung. Bei der Aufführung im Centre Pompidou Paris war ein großes, sinkendes Schiff mit riesigen Segeln zu sehen, das nicht untergehen darf – Kommerz versus Gegenkultur.

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Was war neu für dich an der Arbeit im Vergleich zu einem “normalen” Album?

Eigentlich wollte ich genau das machen, aber hatte keine rechte Freude daran, an Tracks zu basteln. Es nimmt mir total die Lust, immer in diesen Standard-Arrangements zu schwimmen. “LISm” vereint Collagen, Stimmungen und Soundscapes. Es sollte etwas werden, das kitzelt, wie bei guter Jazzmusik – eine kleine Reise, die dich immer mal wieder an andere Orte transportiert. Musik, bei der man selbst kreativ werden kann. Gehirnspielzeug.

Neben deinem Album gibt es aktuell auch die Label-Schau “Where The Wind Blows”. Mit alten Bekannten wie Chaim, Aérea Negrot oder Apparat, aber auch mit neuen Gesichtern. Über zwei Künstler müssen wir kurz sprechen: Neben der Neuentdeckung Joy Wellboy hat mich der Song von Eating Snow, dem neuen Projekt von Douglas Greed, echt umgehauen.

Totaler Hit, oder? Douglas Greed ist einfach genial. Er kann mit Vocals umgehen, ohne cheesy zu sein. Joy Wellboy kommen aus Belgien. Die sind eine richtige Band. BPitch wird 2013 deren und das neue Album von Safety Scissors veröffentlichen. Das wird groß, versprochen!

Wie kam die Zusammenarbeit zwischen Dillon und Telefon Tel Aviv zustande?

Das war immer mein Traum, die beiden zusammen zu bringen. Ich habe Dillon mal unseren Back-Katalog gezeigt und sie sagte sofort, dass Telefon Tel Aviv ihr Lieblingsalbum von BPitch sei. Die beiden haben sich nach der Kontaktaufnahme beinahe verliebt, das ist eine wirklich tolle Mischung.

Dein Label schaut bereits auf 14 erfolgreiche Jahre zurück. Gibt es eigentlich für dich Schlüsselmomente auf diesem langen Weg?

Die gibt es immer, aber die ganze Geschichte und die vielen Facetten des Labels machen die Marke BPitch aus. Alles was passiert ist, ist BPitch. Alle, die mitgearbeitet, mitgeholfen haben, konnten soviel lernen, so viel sehen. Ich könnte locker ein Buch über die ganze Zeit schreiben. Die Geschichte macht uns stark. Die Vergangenheit hat uns zu dem gemacht, was wir heute sind. Da ist im Nachhinein nichts falsch oder richtig.

Auch du hast dich verändert.

Natürlich, ich bin keine Jugendliche mehr. Das ist doch das Schöne am Älterwerden: die Reife, die damit einhergeht. Ich kann es kaum abwarten, 80 Jahre alt zu sein (lacht). In Japan werden Ältere ja sehr respektiert, da wird eine große Party gemacht und alle feiern dann deinen Special Day, weil es dort bedeutet: Du wirst wieder Kind. In Deutschland geht’s im Alter eher ums Bedauern und verhätschelt werden.

Spielt das Thema Alter eine große Rolle?

Klar! Ich bin nach wie vor ständig unterwegs, weiß aber auch, dass das irgendwann anders sein wird. Aber aufgrund meiner Lebensumstände habe ich mich z.B. gegen Kinder entschieden. Ich liebe Kinder, aber ich wüsste, ich könnte mit ihnen nicht das gleiche Leben führen.

Bereust du diese Entscheidung?

Ich bereue nichts, weil ich ein sehr positiver, flexibler und einfühlender Mensch bin. Sachen zu bereuen, da bin ich nicht der Typ für. Ich fühl mich wahnsinnig gut.

BPitch Control war Startpunkt für eine ganze Schar talentierter Newcomer: Paul Kalkbrenner, Modeselektor, Apparat, Ben Klock oder Sascha Funke fanden hier eine erste Plattform. So schnell wie der Hype um “Berlin Calling” sowohl die Hauptstadt als auch das Label international berühmt und attraktiv machten, so laut wurde auch prophezeit, dass vom Label nichts mehr zu erwarten sei. Du schaust aber ohne weinendes Auge auf die Zeit zurück?

BPitch war eine Geschichte von Menschen, die an die gleichen Dinge geglaubt haben. Nicht, dass wir die besten Freunde waren, wie es immer kolportiert wurde. Wir waren eher kreative Pole, die sich gegenseitig anziehen. Modeselektor zum Beispiel wollten schon immer ihr eigenes Label haben. Ich habe ihnen gesagt, ich kann das nicht für euch übernehmen. Ich möchte kein !K7 werden. Ich wollte nicht für andere eine Maschine werden, wir sind ein Kunstforum. Ich habe ihnen dazu geraten, wenn sie einen Brand aufbauen wollen, dann müssen sie BPitch verlassen.

Keine Wermutstropfen, dass die starken Zugpferde weg sind?

Das sind doch alles Veränderungen, die vollkommen normal sind. Irgendwann findet man heraus, welche Wünsche und eigenen Visionen man hat. Als Modeselektor und Paul weg waren, haben alle gedacht, jetzt ist es vorbei mit BPitch. Unsere Reaktion war eher: Cool, jetzt haben wir mehr Platz für neue Künstler. Wir haben uns neue Demos angehört und auf einmal kam Dillon um die Ecke. Jeder Mensch möchte sich gerne verwirklichen. So wie ich BPitch brauche, brauchen Modeselektor Monkeytown. Jeder sucht irgendwann nach einem Neuanfang.

Also ist nichts hängengeblieben?

Viele denken oder dachten immer, dass ich verletzt bin. Es ist nicht meine Familie, sondern Kollegen und Freunde, ein Künstleraustausch eben. Wenn ein Künstler das Label verlässt, ist es nicht, wie wenn mein Freund mich verlassen würde.

Nach all den Jahren vielleicht noch wichtiger denn je: Was ist die Philosophie von BPitch Control?

Wir waren nie und sind kein Konzeptlabel. Wir suchen bei unseren Signings nicht nach einem bestimmten Sound. Was alles zusammenhält, ist die Liebe zur elektronischen Musik. Es geht uns um Menschen, um Typen, absolute Freaks eben. BPitch war und wird weiterhin ein Charakter- Label sein. Wir sind sehr beweglich. Schau dir die Acts an: ob Aérea Negrot oder Camea, Baby G oder System of Survival, Douglas Greed oder David K – es gab bei uns noch nie einen Künstler, der dem anderen geähnelt hat. Alle Artists sind sehr speziell, ecken gerne auch mal an. Das liebe ich: Menschen, die einfach krass sind und etwas zu sagen haben.

Ellen Allien, LISm, und die Compilation “Where The Wind Blows” sind auf BPitch Control/Rough Trade erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.

2 Responses

  1. karl

    I am convinced We’ve read this exact same form of declaration anywhere else, it must be gaining interest with all the people.