Zoe ist eine Mail-Software, die dein Postfach wieder lebendig aussehen lässt. Mit Weblogoberfläche und Datenbankstruktur verknüpft Zoe Mails nach Zusammenhängen und lässt sie nicht mehr einfach in Ordner-Hierarchien untertauchen. Wie Mails dank Zoe auch an der Oberfläche zum persönlichen Informationssystem werden, verfolgt Sascha Kösch.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 84

Googeling your Email
Mehr als ein Email-Client: Zoe

Ich liebe E-Mails. Und das lasse ich mir auch nicht von den paar hundert Spams jeden Tag vermiesen. Ich bin aber auch selber Schuld, wenn ich nicht alle paar Monate meinen E-Mail Account wechsle. Ich gehöre da halt zu den Fundamentalisten. Wenn ich ganz ehrlich wäre, würde ich sogar sagen, ich mag es Spamfilter zu konfigurieren. Da lernt man doch wenigstens was über Datenbanken und Mailprotokolle. Egal ob man manchmal fast anfangen möchte zu schreien, nur weil Melanie der Po weh tut. Als ordentlicher Mail-Fundamentalist halte ich HTML-Mail z.B. für ein Verbrechen. Warum ich dann trotzdem Zoe (mit zwei Punkten auf dem E) liebe, ist eher schwer zu erklären. Aber fangen wir mal vorne an.

Visionware

Zoe ist nicht einfach ein Email-Client mit webbasierter Oberfläche, und es ist kein Webmail-Interface für zu Hause, obwohl man Zoe so benutzen kann. Zoe ist vieles nicht. Im Allgemeinen betrachtet man Software ja gerne als ein Tool. Etwas, das funktionieren soll und einem die Ergebnisse liefert, die man haben will. Aber es gibt auch diese andere Art von Software, die eher eine Vision ist, eine, die Sichtweisen verändert. Ich mochte solche Software schon immer. Stalker als Browser z.B. war so etwas, falls sich jemand von euch daran erinnert. Zoe ist definitiv Visionware in einem Umfeld von Email-Software, das zwar den Erfordernissen des Kampfes gegen Zombie-Rechner hinterher programmiert, aber letztendlich seit den ersten Tagen von Elm (Electronic Mail for Unix) einem Paradigma folgt.
Email-Software hält sich im Allgemeinen für eine Datenbank mit zwei Darstellungsoptionen: Listenansicht und einzelne Datensätze (Emails). Irgendwann kamen dann noch die Ordner als Metalisten dazu. Zoe bricht mit diesem Ordner-Konzept unserer gewohnten Mail-Hierarchisierung, aber nimmt die Datenbank ernst und verbindet Daten auf eine Weise, die einem kein Mailprogramm vermitteln kann. Installiert man das Programm das erste Mal – es ist Java-basiert und funktioniert eigentlich auf jedem halbwegs modernen Rechner – öffnet sich eine feine CSS basierte Webseite, auf der man seinen Account konfiguriert. Danach ordnet Zoe Emails nicht einfach nur, sondern durchforstet die Daten nach Zusammenhängen und liefert eine Oberfläche, die einem als Blogsüchtiger sofort einleuchtet. Header mit Suchfunktion (der Claim von Zoe ist: “Googling Your Email”), Content mit einzelnen Mails wie Blog-Einträge. Rechts ein Menu mit Kalender, einer Übersicht von Leuten, die einem Emails geschickt haben, und Email-Listen (die Zoe automatisch erkennt und bündelt), sowie Attachments und Links (die Zoe wie so vieles andere aus den Mails herausfiltert). Auf einmal sind diese Massen an Emails nicht mehr Dinge, die in Kisten verschwinden, in die man immer seltener hineinsieht, sondern Strukturen, die an die Oberfläche schwimmen. Man liest nicht mehr nur das, was einem anhand der Subjects wichtig erscheint, sondern surft durch das persönliche Informationssystem, das Email heimlich geworden ist.

Die Mailmasse wird wieder Information

Seitdem ich gelegentlich Zoe benutze, ist selbst so eine langweilige Emailliste wie IDM plötzlich eine wichtige Informationsquelle geworden – allein wegen der vielen Links in den Postings. Es sind bei Zoe nicht mehr die einzelnen Mails, die zählen, sondern ihre Verbindungen. Zoe macht selbst aus den Absendern von Emails eine Datenbank. Alle Server aus Deutschland ansehen, von denen man Mails bekommt? Ein Klick. Eine Übersicht über alle Länder, von denen sie kommen? Schon da. Alle, die mir von von de-bug.de mailen? Klar. Alle Links aus der Netaudio-Mailingliste? Ein Klick.
Aber Zoe kann noch mehr. Denn es ist nicht nur ein Mailclient, sondern auch ein Mailserver. Wenn man will, kann man es als Relay für die eigenen Mails benutzen und hat so immer ein perfektes Archiv aller eigenen Mails im Netz, auf das man überall zugreifen kann. Man kann Zoe seine alten Mailboxen per Email schicken und es macht ein Mailarchiv draus, das dank der Suchfunktionen und Links nicht mehr nur Ballast ist, sondern eine Art eigenes Mailgedächtnis, das nicht nur erinnert, sondern arbeitet. Man kann es wie jeden Webmail-Account behandeln. Man kann RSS-Feeds in Zoe integrieren, ohne dass sie sich von Mails unterscheiden. Irgendwo im Netz installiert, könnte man Zoe als Webarchiv von Mailinglisten nutzen oder als Blog, das sich selber organisiert. Und Zoe ist grade mal bei Versionsnummer 0.5.9, der Sourcecode ist offen, Zoe kostet nichts und steht unter einer Creative Commons Lizenz. Und Zoe ist natürlich auch eine Suchmaschine. Intelligenter als das, was man unter diesem Namen kennt, weil es eben nur in der eigenen Informationssphäre sucht, die der persönliche Email-Account ist. Ein Mixtool, das einen das Netz und Email, Datenbanken und Searchengines in einem neuen Licht sehen lässt. Wer nicht nur Emails von Freunden bekommt, darüber hinaus eine DSL-Leitung und irgendwo einen freien alten Rechner hat und obendrein Software mag, die einen auf neue Ideen bringt, der sollte sich einen Zoe-Server aufsetzen. Und man wird nicht nur seine eigenen Emails nicht mehr wieder erkennen, sondern sie plötzlich auf ganz neue Weise wieder lieben lernen. Niemand wird seinen gewohnten Email-Client dank Zoe wegwerfen, aber jeder, der einmal Zoe benutzt hat, wird hoffen, dass man irgendwann nichts anderes mehr braucht und für den Rest Instant Messaging benutzten kann. Ich jedenfalls verpasse kein einziges Update von Zoe mehr.

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Elektronische Lebensaspekte.