Wir treffen DJ Koze in der Berliner Akademie der Künste um gemeinsam die Ausstellung "Embedded Art - Kunst im Namen der Sicherheit" zu besuchen.
Text: Ji-Hun Kim / Anton Waldt aus De:Bug 131


Montag, 12:15 Uhr. Tiergeräusche, verzerrte Tiergeräusche. Wieder und wieder. Dabei sind wir nicht in einer Zoohandlung, wir rufen DJ Koze an. Und der hat das allbekannte Tuten in der Warteschleife per Ringbacktone durch Soundsamples aus der Fauna aufgemöbelt. Stefan Kozalla/Adolf Noise oder den meisten als DJ Koze bekannt wird von uns zu einem Ausstellungsbesuch erwartet: ”Embedded Art – Kunst im Namen der Sicherheit“ in der Berliner Akademie der Künste. Der Pariser Platz zwischen Brandenburger Tor und Hotel Adlon ist auch heute in der Quote besiedelt: 10 Prozent Passanten, 90 Prozent Touristen. Gruppen strömen wie müde Walfische durch das schneematschige, graue Citymeer.

Montag Ruhetag
Es ist Montag und montags haben Museen bekanntermaßen geschlossen. Uns wird allerdings das Glück zuteil, von Kurator Moritz von Rappard eine ganz private Führung durch die Ausstellung zu bekommen. Der vermeintliche Haken ist dabei allerdings, dass der Großteil der Exponate elektronischer Natur ist. Und die Technik bleibt an einem freien Tag wie diesem aus. Die Führung stellt sich daher als eine Erfahrung in Sachen konjunktiver Kunst heraus, Vorstellungsausstellung, virtuelle Kunst auf eine noch virtuellere Ebene geschoben. Wir betrachten weiße Wände und lassen uns die Intention verbal erläutern.

IMG_8239

Wir reden über Filme und Installationen, die wir nicht sehen werden. “Eigentlich braucht man hier nicht mal Inhalte. So kann man sich vielmehr alles farbenfroh ausmalen, als einfach nur die Grafiken zu sehen, da wäre ich ja fast enttäuscht. Ein bisschen wie ein Film ohne Bild“, wird Koze später sagen.

Knackpunkt Interview
Es gibt in der Arbeit zwischen Journalisten und Künstlern ein grundlegendes Problem. Das Musikerinterview.
Es ist nicht ganz klar, welche der beiden Fraktionen die Fragenleier über die Idee des Albums, die Inspirationen, Karrierezukunft und wichtigste Vorbilder weniger allergisch findet. Stefan Kozalla mag dabei das “Verkaufsgespräche führen“, wie er selber sagt, am allerwenigsten an seinem Job. Musik ist OK, nicht mehr, nicht weniger. Es ist, als würde er genau das mit seinem ruhigen, konzentrierten Blick sagen wollen.

Koze der Humorist, Kosi der Spaß-Rapper unter den DJs, der Karl Valentin der House-Welt. Das Bild des ewig witzelnden, juvenilen Plattenunterhalters, der den Bass dermaßen aufdreht, dass sich die Mädels vor Angst in die Hosen machen. Wenig spiegelt sich von dem an diesem Tag wider. Stattdessen wirkt er vielleicht ein bisschen müde, ist dennoch fokussiert, hört aufmerksam jeder Erklärung zu, wird Fragen stellen.

IMG_8222

”Überempfindlich gegen äußere Eindrücke wie Licht, Geräusche, Musik, Gerede, Berührung und Erschütterung. Reizbar, zornig und ungeduldig. Hitziges, boshaftes Temperament. Tadelt andere, man kann ihm nichts recht machen. Beschwerden durch die kleinste Kleinigkeit. Er fühlt alles zu stark.”
(myspace.com/djkozeakaadolfnoise)

Reincarnations
”Reincarnations“ ist nach dem Ersterfolg ”Music is Okay“ von 2000 das zweite Remixalbum von DJ Koze. Im Gegensatz zu seinen fordernden, akribisch verschrobenen Solo-Produktionen als Adolf Noise oder der kompromisslosen Gangart der Sorte Monaco Schranze bringt Koze bei seinen Remixen den Fokus auf Song-Interpretationen. Häufig dominieren in seinen Remixen jene Tracks mit Stimmen.

Gerade das Kompilieren seiner langjährigen Arbeit als Remixer bringt eine empfindsame, transparente und tonale Seite des Schaffens von DJ Koze zutage. Es sind der smarte Pop-Appeal und flirrende Streicherhimmel über Hamburg-Harburg, die sich hier auftun. ”Reincarnations“ klingt wie ein zusammenhängendes Stück, wie ein konsistentes Album mit Vocal-Features von Matthew Dear, Dani Siciliano, Matias Aguayo oder der wieder reanimierten Hilde Knef.

IMG_8427

Hochsicherheitstrakt
Bei der Ausstellung ”Embedded Art“ gibt es zwei unterschiedliche Sektoren, die oberirdische, wo hauptsächlich Projektionen von den unterirdisch gelegenen Exponaten gezeigt werden, und eben jenen unterirdischen Bereich, der nur gegen Aufpreis und per Führung zugänglich ist und wie ein Sicherheitstrakt geführt wird. “Also das Verhältnis von Original und Fälschung? Oben gibt es die Fälschung für einen Euro, unten im Hochsicherheitstrakt ist es doppelt so teuer. Wer geht wohin?“, möchte Koze wissen. Die meisten würden beides besuchen. “Ich finde es gut, wenn man etwas sinnfällig macht. Also nicht nur etwas an die weiße Wand zu hängen. Da haben wir uns überlegt: Ist es überhaupt noch ein Original, wenn es nur unter Hochsicherheitsbedingungen gezeigt werden kann, oder nicht? Kann man das entkoppeln?“, fragt der Kurator.

Original und Fälschung. Kopie und Remix. Oder wie war das noch mal mit dem Remix? “Keine Ahnung, was ihr euch da ausgedacht habt, zum Thema Remix …“ Stefan Kozalla guckt skeptisch, als wollten wir ihm eine intellektuelle Tretmine unterjubeln, die er hier auf musealer Bühne inklusive B-Note auch noch entschärfen müsste. Nach ausführlicher Einführung betreten wir schließlich den oberen Sektor, während im öffentlich zugänglichen Foyer Touristentrauben Schutz vor Graupelschauern suchen.

IMG_8325

”Gewalttätig. Jähzornig. Zanksucht bis zu Tätlichkeiten. Schimpfen. Fluchen. Arbeitsunlust. Ungeschicktes Benehmen; stößt sich leicht, verredet sich, verschreibt sich. Er ist hastig, sieht jeden boshaft an, der ihn etwas fragt, ohne zu antworten, gleich als ob er sich zähmen müsste, um nicht grob auszufallen; es scheint, als möchte er jeden, der ein Wort auf ihn redet, ins Gesicht schlagen, so gereizten und ungehaltenen Gemüts ist er.“
(myspace.com/djkozeakaadolfnoise)

Konjunktive Kunst
Das Hamburg-Berliner Kunstkomitee betritt von milchmattem Tageslicht durchflutete weiße Säle. Man müsse sich vorstellen, die Räume seien abgedunkelt, die Beamer würden alle laufen, die RFID-Lichtschranke, die zu den ersten Werken gehört, würde ihrer sensorischen Aktivität nachgehen. Eine Frage, die sich bei den verschiedenen Beispielen immer wieder stellt, ist, wie viel gebe ich von meiner Privatsphäre auf, damit ich bestimmte Leistungen in Anspruch nehmen kann. “Welcome to the Bentham Zone“ von Lutz Westermann thematisiert in einer Art Computerspiel die Probleme der Überwachungsgesellschaft.

Panoptikum
Angelehnt an das Jeremy Bentham’sche Konzept des Panoptikums gibt der “Spieler“ nicht nur immer mehr Informationen von sich Preis, umso länger er das Spiel navigiert. Auch steht er im Mittelpunkt der anderen Museumsbesucher, die nicht nur das Geschehen auf der Leinwand sehen, sondern auch ihn beobachten, ohne dass der Spieler etwas davon mitbekommen würde. Es wird erklärt, dass das Panoptikum ein Gefängnismodell ist, wo der Gefangene nicht mehr mitkriegt, ob er unter Beobachtung steht oder nicht, weil die Zellen strahlenförmig um einen zentralen Wachtturm angelegt sind. “Aber so kann man ja immer mit einem kleinen Vergehen vorchecken und wenn ich keine Reaktion darauf bekomme, dann kann ich das Eigentliche durchführen“, erkennt Koze. “Aber wenn man sich immer beobachtet fühlt, kommt man umso weniger auf die Idee, sich aus der Reihe zu bewegen“, erwidert von Rappard. “Das hat man doch heute schon bei Google”, befindet Koze: “Ich finde ja Google ist die Maximierung von Überhaupt-keinen-Schutzwall-mehr-Haben. Das, was dort mit der persönlichen Welt und der Außenwelt passiert, ist doch unglaublich.“ Weiße Leinwände flimmern weiter unbeleuchtet und füllen sich mit Sinn.

IMG_8258

Ich geh dann mal in die Snare
Zwar bekommen wir an dem Tag kaum etwas zu sehen, zumindest aber zu hören. Im nächsten Raum werden zwei Soundinstallationen ausgestellt. Eine davon ist von Steve Goodman. Er arbeitet mit Direct Audio Beams, einer Technologie, die eine fokussierte Schallübermittlung ermöglicht. So können unter anderem sonische Waffen produziert werden. Schalldruckwaffen, die wie Kanonen wirken. Die speziellen Boxen können also einen bestimmten Abschnitt im Raum beschallen, ähnlich einem Soundschlauch. Malmende, überbordende Frequenzen überstülpen den Raum. Die nüchternen Mägen wackeln. Faszination ob der Mächtigkeit des Klangs macht sich breit.

DJ Koze: Im Club gäbe es ja ganz interessante Möglichkeiten. So wie “ich geh mal in die Snare für zehn Minuten”.

Debug: Oder: Ich geh mal in den Remix. Eine Paradeanwendung war wohl, dass das Pärchen auf dem Sofa sitzt und der eine will fernsehen und der andere will lesen. In der Werbung und im Militär hatte das seinen Ursprung. Dass man Stimmen im Ohr von Leuten produzieren kann.
DJ Koze: Das ist sehr Fantasie-anregend.

Debug: Oder der Cola-Automat, der dir sagt, komm, trink, du hast Durst.

DJ Koze: Am besten flüsternd. Hey du … Aber im Club zu sagen, ich geh mal in die HiHat, ist doch großartig, oder gleich mit verschiedenen Musikrichtungen. Ich habe hier den Drum-and-Bass-Schlauch, da den anderen. Aber kann man den Strahlungswinkel denn auch einstellen? Wenn das rhythmisch gleich stark ist, müssten sich ja komplett neue Stücke generieren lassen.

IMG_8201


Der Subbass brummt noch immer. Die Physis der Installation wird dem Hamburger DJ zu stark. Er flüchtet sich in eine ruhige Ecke. Mit Sound zu experimentieren, Möglichkeiten auszuloten, scheint aber schon immer eine Dömäne von Stefan Kozalla gewesen zu sein. Momentan plant er eine Adolf-Noise-Kopfhörertour. Alle Besucher bekommen Kopfhörer und nur dort ist der Sound des Konzerts zu hören. “Ich mach das zusammen mit Mense Reents und wir werden jetzt im Laufe des Jahres zwei kleine Touren machen. Dafür haben wir auch 300 Kopfhörer von Sennheiser gesponsert bekommen. Da ist im Raum dann kein Ton zu hören außer den akustischen Instrumenten, die wir spielen. Es entsteht eine ganz besondere intensive Stimmung, jeder Ton hat eine Bedeutung und alles ist superkonzentriert. Die Uraufführung in Köln war ein deepes, tolles Erlebnis. Wir hören das Gleiche, wir haben auch keine Monitore, sondern die gleichen Kopfhörer wie die Zuschauer. Man redet nicht wirklich, man stimmt sich nicht ab, aber man spürt etwas Unsichtbares und das war so toll. Natürlich ist die Musik von Adolf Noise auch prädestiniert dafür. Wir samplen Dinge live, dann läuft das mal aufs Glatteis und kriegt dann wieder eine Form.

Debug: Das Publikum. Wie reagiert es? Weiß es, wann es applaudieren soll?

DJ Koze: Ich hatte ganz ehrlich noch nie so ein befriedigendes Moment in meinem Leben, weil man auf der Bühne etwas macht, ohne dass es irgendwie funktionieren muss. Es muss nicht rocken, man ist auch nicht schweißnass. Es war einfach hochkonzentriert und die Leute haben auch einfach eine tiefe Freude verspürt.

IMG_8280

Wider dem Lautstärke-Diktat9
Der Konsistenzzwang des Dancefloors, das Vierviertel-volle-Lautstärke-Diktat der Clubwelt genügen DJ Koze nicht, haben es wohl aber auch noch nie getan. Man kann immer neue Ideen entwickeln, andere Wege suchen, seinem Anspruch auch durch veränderte Techniken gerecht werden. Die Begeisterung für die Intimität der Adolf-Noise-Kopfhörertour unterstreicht, dass das Bild des ewig nach Euphorie heischenden Plattendrehers mehr als unzureichend ist. Das Nachdenken, die Kritik, das weltliche Unbehagen sind Aspekte, die den Zwischenraum zwischen gesampleten Gunther-Gabriel-Parolen und elegischen House-Hymnen mit Substanz füllen können.

Unterirdisch
Sich durch die Botengänge und Katakomben eines Museums zu bewegen, ist alles andere als konzeptuell oder ästhetisch. Wir durchqueren klaustrophobisch anmutende Flure, kommen uns vor wie im Backstage eines U2-Konzerts, passieren Kellerräume mit der Aufschrift “Sarah Wiener Müllkammer“. Die Kellergewölbe der Akademie der Künste wirken profan, wo sonst leere Glasvitrinen gelagert werden, stehen diese nun gefüllt mit Fotoserien verschiedener Künstler. Nirgends scheint der White Cube weiter entfernt als hier. Sprinkleranlagen an niedrigen Decken wollen uns ungefragt Scheitel ziehen. Überall gibt es Überwachungskameras, die das Geschehen in die oberen Geschosse projizieren sollen. Bilderreihen zur Terrorfahndung, fotojournalistische Kunstserien aus Karachi, eine Dokumentation einer Hausdurchsuchung.

“Die Polizei stürmt rein und hat den Verdächtigen sofort platt gemacht“, erläutert der Kurator. Nein, auch diese Kunst ist nicht komisch. “Das ist ein trauriger Montag“, stellt Ex-Fischmobber Koze fest. Als nächstes sehen wir eine Bilderserie aus dem Umfeld der Hamburger Zentrale der 9/11-Terroristen um Mohammed Atta. Koze erkennt sofort seinen heimischen Kiez wieder. “Die hätten auch Fotos von mir haben können. Ich wohne genau in der Straße, in der die konspirative Moschee der 9/11-Attentäter liegt. Wenn über das Thema berichtet wird, gibt’s meistens ein Foto von meinem Kebab-Laden. Wir haben auch oft auf der gleichen Wiese in Sankt Georg Fußball gespielt, wie Freunde aus der gleichen Szene. Als ich 2003 mal einen gefragt hatte, was er von den Nachrichten hält, gingen sofort alle Vorhänge runter. Ich habe mich ein bisschen wie ein V-Mann gefühlt.“

Das nihilistische Interview
Durch enge Räume mit bewusst verlegtem Bauschutt zwängen wir uns weiter. Die Kritik an neuen Sicherheitsmechanismen beinhaltet auch die Auseinandersetzung neuer Waffentechnologien. Non Lethal Weapons oder gar Waffen, die gar keine Spuren der körperlichen Gewalt hinterlassen, werden immer mehr zur Spielwiese der menschenfreundlichen altruistischen Waffenindustrie. Wie das Active Denial System, eine Mikrowellenwaffe, die wie ein Wasserwerfer einen Strahl sendet, der knapp unter die Haut geht und dort ein brennendes Gefühl erzeugt, ein traumatisiertes Opfer hinterlässt. Wir starren auf einen dunklen Fernsehschirm, auf dem sonst das entsprechende Video läuft. Bilder von humanistischem Terror spielen sich in den Köpfen ab.

Realisiert werden jene Bilder beim letzten Stück unserer Führung. Zwischen Museumscafé und den Wänden des Nobelhotels befinden sich glasüberdacht Wohnzimmervitrinenwände der Machart post-gelsenkirchener Barock. Wie billige Särge sehen die schwarzen Wohnmöbel aus. In der Mitte ein alter Fernseher, auf dem ein Video der deutschen Polizei zu sehen ist. Im Selbstversuch müssen Polizisten die Wirkungen eines Tasers auf sich wirken lassen. Eine Waffe, die mit harpunenartigen Ankern Hochstrom in die Glieder des Beschossenen schnellen lässt. Todesangst im Selbstversuch, zeitgemäße Produktpromotion. Polizisten brechen schreiend zusammen, DJ Koze schreckt auf, wendet sich ab, hält sich den Bauch und stöhnt bei jedem Beschuss. Jackass-Masochismus als politische Realität. Sein sensibles Gemüt wird durch die visuelle Gewaltdokumentation sichtlich überstrapaziert. Dennoch ist er brennend an einer Kopie des Tapes interessiert. “Das schaue ich mir mit meiner Freundin an“, erläutert er seinen gemeinen Plan. Auf unserem Plan stehen dagegen noch Fragen zum Remixalbum. “Was ich im Moment am liebsten mache, ist die Fragen zu googlen und per Copy and Paste zu einer Antwort zu kommen. Dabei entsteht auch immer etwas Wahres.“ Aber heute ist ja Montag, die Monitore bleiben schwarz und zeigen so erst recht Wahres.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

One Response