"Der Einfluss der Berliner Schule steht uns auf die Stirn geschrieben."
Text: Michael Döringer aus De:Bug 167


Foto: Leonardo Greco

Drei junge Amerikaner greifen auf die “Berliner Schule” und deutsche Vintage-Elektronik zurück und machen sie für uns in einem doppelten Re-Import erst richtig liebenswert.

Was soll man beängstigender finden: dass es so scheint, als würde jeder amerikanische Twen in Besitz eines analogen Synthesizers klingen wollen wie Klaus Schulze, oder dass drei dieser Jungs zusammen schon mehr Musik in den Äther geschickt haben als der mittlerweile im Rentenalter angekommene deutsche Synthesizer-Pionier in seiner ganzen Karriere? Wenn John Elliott, Steve Hauschildt und Mark McGuire zusammen Musik machen, nennen sie sich Emeralds und haben noch nie einen Hehl daraus gemacht, wo ihre wichtigsten Bezugspunkte liegen: “Der Einfluss der Berliner Schule steht uns auf die Stirn geschrieben, das sollte ziemlich offensichtlich sein”, bekannte Hauschildt vor drei Jahren. Jede zweite Band macht sich zwar gern interessant durch Verweise auf Krautrock und deutsche Elektronik, natürlich liebt jeder Can und Kraftwerk. Solche oft bemühten Behauptungen haben die Emeralds nicht nötig. Wie niemand sonst belebten sie auf ihren unzähligen Tapes, CDRs und Alben sowie ihren Solo-Werken nicht den frühen Psychedelic-Rock von Bands wie Amon Düül II oder Faust, sondern die fast ausschließlich elektronischen, Synthesizerbasierten Sound-Abenteuer von Tangerine Dream, Popol Vuh oder Cluster wieder neu. Diese “Kosmische Musik” ist zwar vor allem im US-Underground zu einer beliebten Referenz geworden, richtig populär ist der Sound aber nicht. Weil die meisten dieser Künstler nach ihrer Hochphase Mitte der 70er in einer esoterisch-kitschigen Sülze baden gingen, die New Age vielleicht zu Recht für alle Ewigkeit zum Bad-Taste-Genre gemacht hat. Die Emeralds machen diese Epoche wieder unendlich anziehend – die Arpeggiobessesenen Synth-Arbeiter Elliott und Hauschildt und Gitarrist McGuire, der einzig legitime Nachfolger von Manuel Göttsching und ein verhuschter Paganini der Loop-Pedals und Melodieschichten. Jetzt, zwei Jahre nach dem fabelhaften “Does It Look Like I’m Here”, meldet sich das Trio aus Cleveland/Ohio mit einem neuen gemeinsamen Album zurück. Alle drei haben sie zwischenzeitlich Solo-Platten gemacht (John Elliott zusammen mit Sam Goldberg als Mist), bloß keine Pausen zulassen! Entfernt man sich nicht irgendwann voneinander, wenn es so viele Projekte neben der Band gibt?

“Mit jedem Tag werden wir älter, ändern uns und leben verschiedene Leben in unterschiedlichen Bahnen”, schreibt John Elliott aus Cleveland. “Aber wenn es um Emeralds geht, kommen wir alle an einem Punkt zusammen, an dem wir uns glücklich fühlen. Zwei Jahre haben wir uns mit dem neuen Album Zeit gelassen, aber nur knapp drei Wochen gebraucht, um es zu schreiben und fertig zu stellen, in exakt der Abfolge, die jetzt auf dem Album ist.” Elliott kümmert sich um die Editions-Mego-Labeltochter Spectrum Spools, alleine das scheint ihn zu einer Art Frontmann zu machen, zu jemandem, der sich nicht nur gern in seiner eigenen Musik verliert. “Just To Feel Anything” ist zu 100% ein Emeralds-Album geworden, doch mit etwas überraschenden Neuerungen. Manche Tracks werden von Beats getragen, ihr Aufbau wirkt extrem ausformuliert und das Sound Design akkurat ausgetüftelt. Bloßer Fortschritt ihrer Fähigkeiten, oder hört man hier neugewonnene Einflüsse? “Wir haben viel Zeit mit dem Mix verbracht, die neuen Songs klingen so viel ausdefinierter und satter”, freut sich Elliott. “Andere Einflüsse gibt es nicht wirklich. Mich inspiriert von Thin Lizzy bis New World Aquarium zwar wirklich alles, aber nichts so sehr wie mein tägliches, persönliches Leben. Wenn du es wegen der Drummachine als Techno labeln willst, von mir aus. Ich glaube die Rhythmen passen einfach sehr gut zu den präzisen Arrangements und der Struktur der Gitarren und Melodien.”

Import-Geschäfte

Das wirklich Besondere an den Emeralds ist einerseits, was für ein merkwürdig funktionierender Kulturtransfer hier stattfindet, ein doppelter Re-Import: Junge Amerikaner greifen auf die Formen deutscher Vintage-Elektronik zurück und machen sie für uns vielleicht erst richtig interessant, liebenswert, weil diese phantasievollen, harmonischen Songs im Grunde ja auch absolut undeutsch sind, nicht so strapaziert wie die technoide Phase von Kraftwerk. Und weil sie einen ganz anderen Vorstellungsraum aufmachen, in den wir als junge Mitteleuropäer wiederum unsere medialen Phantasien und Sehnsüchte von einem vage imaginierten Lebensgefühl der USA mit der realen romantisch-tristen Jugend von John, Steve und Mark in Cleveland, im berühmten Mittleren Westen, aus der introvertierte Musik der beste Fluchtweg ist, überblenden können. Was dadurch auf einem abstrakt-emotionalen Level möglich wird, welche Spiritualität die Musik der Emeralds erreicht und wie ein Kernthema von New Age – Transzendenz – auf einmal eine lebenswichtige Rolle spielt für im Grunde traurige Mittelklassekids, das alles rechtfertigt den Zugriff aufs Archiv. Die Emeralds wollen sich mit den Hörern in ihrer Musik verlieren, um das eigene Bewusstsein zu schärfen, nicht um es zu verlieren, sagt John Elliot: “Wir sprechen unsere Generation an, weil wir einen emotionalen Effekt haben, der angenehm ist. An dem Punkt passiert die Magie zwischen uns dreien. Nostalgisch, ja, natürlich. Besorgt um die Zukunft? Absolut. Der ‘Moment’ hallt anders nach als die Vergangenheit oder die Zukunft, und ich glaube wir haben die Gabe, ihn aufnehmen zu können.”

Emeralds, Just To Feel Anything, ist auf Editions Mego erschienen.

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