Die neue Heimat
Text: Katharina Seidler aus De:Bug 173

IMG_5503

Mit ihrem zweiten Album “DVA” festigt die britisch-tschechische Musikerin Emika ihren Status als dunkle Prinzessin in den Randbereichen von Dubstep, Techno und Pop. Zwischen Club und Konzertbühne, Orchester und Bassgewalt, Prag, Berlin und London gibt es so einiges auszubalancieren.

Text: Katharina Seidler, Bild: Lars Hammerschmidt

Emikas Mutter war traurig. Sie war traurig, wenn sie in Großbritannien war und traurig, wenn sie heim nach Prag fuhr, und überhaupt hatte das Wort Heimat seine Bedeutung verloren. Gesprochen hat sie mit ihrer Tochter nie darüber, seit sich die Eltern mit ihr als kleines Kind der eisernen Hand des Kommu-nismus entzogen und nach England ausgewandert waren. Wie genau die Geschichte ablief, weiß Ema Jolly bis heute nicht, aber die Melancholie, die auf dem Gesicht ihrer Mutter lag, hat sich ihr eingebrannt. Nun hat sie sie in Musik verwandelt. “Hush”, der erste Track auf ihrem neuen, zweiten Album “DVA”, vereint viele ihrer Wurzeln: ihre klassische Musikausbildung in Klavier und Komposition, ihr Sound-Design-Studium, ihre tschechischen Wurzeln. Es ist ein Stück sogenannter E-Musik, eine knappe, fast schon serielle Komposition, eingesungen von der tschechischen Sopranistin Michaela Šrůmová. “Ich habe mir vorgestellt, was mir meine Mutter wohl sagen würde, damit ich mich sicher und geliebt fühle. Sie selbst half mir dann, das Ganze in ihre Muttersprache zu übersetzen”, erzählt Emika. Der Text des Songs handelt vom Verlorensein und existenziellen Ängsten: “Wenn ich genug Glück habe und hier bleibe, was passiert dann mit dem, was wir waren?”

Ab der zweiten Nummer der Platte, “Young Minds”, einem ziemlich sicheren Hit mit eingängigem Fanfarenmotiv und blubbernder Bassline, zeigt sich die 27-Jährige wieder so, wie man sie von ihrem selbstbetitelten Debütalbum kennt: als dunkle Herrscherin über tiefe Bässe und verworrene Wege, auf denen sie Elemente aus Dubstep, Trip Hop, Techno und Sound-Experiment mithilfe ihrer Stimme in darke Popsongs verwandelt. So selbstbewusst sich die Musikerin in Sachen Sound-Ästhetik und Lyrics bereits auf Album Nummer eins aus dem Jahr 2011 gegeben hat, so schüchtern wirkte sie bis vor kurzem noch auf der Bühne.

IMG_5485

Als wir einander das letzte Mal begegneten, es war fast auf den Tag genau ein Jahr vor diesem Gespräch, hatte Emika prinzipiell noch keine große Lust, ihre Musik live aufzuführen. Abends auf der großen Bühne des Donaufestivals in Krems stand eine scheue junge Frau im viel zu knappen Kleid und schwindel-erregend hohen Highheels, die sich hinter der Wand aus Bass und perfektem Klang verstecken zu wollen schien. “Ich habe lange nicht verstanden, dass es beim Performen nicht darum geht, cool und fashionable zu sein, sondern dass die Leute zur Show kommen, um mich zu sehen und keinen sexy Clown”, sagt sie heute. Eine Panikattacke auf der Bühne während eines wichtigen Konzerts in Genf führte zur Kehrtwende. “Obwohl ich mich auf der Bühne wegen tech-nischer Schwierigkeiten kaum selbst hören konnte und nach der Show ein schreckliches Gefühl hatte, gratulierten mir die Leute euphorisch und nannten mich eine ‘echte Künstlerin‘. Da habe ich eingesehen, dass die Unvoll-kommenheit zu mir dazugehört. Mein Zugang zum Auftreten und Musik-machen im Allgemeinen hat sich seitdem komplett verändert.”

Während Emikas letztes Album noch mit der Hilfe des Berliner Mastering-Meisters Rashad Becker entstanden ist, stammt der Nachfolger zur Gänze aus Ema Jollys Heimstudio in Berlin. Vom Songwriting zum Mixing, Mastering und dem Arrangement des 28-köpfigen Streichensembles, das ihren klassischen Background in den Songs viel präsenter werden lässt, hat sie es im Alleingang produziert. “Die Arbeit mit Rashad war fantastisch und ich habe viel von ihm gelernt. Dennoch hatte ich nach der Fertigstellung des Albums meine Zweifel, ob ich mich nun überhaupt Record-Producerin nennen durfte – ich hatte es ja nicht alleine geschaffen.” Vom Sound im Sinne von Qualität und der Perfektion des Klangs hat Emika nicht zuletzt durch ihren früheren Job als Sound-Designerin bei Native Instruments genügend Ahnung. Dennoch hat sie sich dieses Mal dafür entschieden, die Prioritäten zu verschieben. “Ich habe mir vorgestellt, dass das Studio eine Bühne ist und vor mir ein Publikum steht. Ich habe sehr viel mit meiner Stimme und meinen Maschinen improvisiert und beschlossen, dass ich meine Seele und meine Gefühle einfangen und mich nicht mehr so sehr um Sound und Mixing kümmern will. Dadurch, dass ich den Fokus verändert habe, hat sich das Album auf einmal quasi selbst gemixt. Wenn etwas zu laut ist, drehst du es eben runter, wenn du etwas magst, wird es herausgearbeitet. Du musst damit nicht bis zum Schluss warten.” Wenn Hank Shocklee, legendärer Gründer und Produzent der HipHop-Giganten Public Enemy, auf “DVA” als executive producer auftaucht, meint das seine Rolle als Freund und Berater vor allem in einer Sache: Er war die Person, die nach einem Jahr intensiver Skype-Sessions zwischen Deutschland und den USA voller Gespräche über Politik, Gott und die Welt den finalen Satz sagte, als Emika ihm erstmals ihr Material schickte: “I ain’t fuckin with this, man. Das hier ist fertig, du musst es herausbringen.” Auch bei Ninja Tune – wo Emika früher als Praktikantin gearbeitet hat und das seitdem als ihre Labelheimat und, neben einer Bristoler Gruppe rund um Leute wie Rob Ellis alias Pinch, auch als freundschaftliche Homebase fungiert – zeigte man sich angetan: “Es waren die Menschen bei Ninja, die mich darin bestärkt haben, meine klassischen musikalischen Wurzeln auf dieser Platte stärker heraus-zuarbeiten”, sagt Jolly.

Das Budget, das ihr vom Label für die Platte zur Verfügung gestellt wurde, war innerhalb weniger Stunden verbraucht, als sie mit einem Streichensemble der Prager Philharmoniker arbeitete. Während es in einer normalen Orchester-aufstellung unter 120 Leuten zwei Kontrabassisten gibt, hat Emika für ihre Aufnahmen mit 28 Musikern gleich vier von ihnen gebucht.
“Sie glaubten zuerst an einen Fehler. Ich versicherte ihnen dann, dass das alles schon seine Richtigkeit habe: Ich stehe einfach auf sehr viel Bass. Bei Orchestermusik kommen die Höhepunkte ja normalerweise eher aus den Höhen der Geigen, aber ich wollte lieber einen Dubstep-Zugang wählen, bei dem die Power und das deepe Gefühl aus der Tiefe kommen.” Diese orchestralen Einspielungen ziehen sich als eingestreute Elemente durch einzelne Tracks auf “DVA” und schlagen sich auch in Balladen wie “Dem Worlds” oder “Primary Colours” nieder. “Totally different” zu ihrem Vorgänger, wie Emika die neue Platte im Interview nennt, klingt sie dennoch nicht. Ein bisschen hat sich der Novelty-Effekt ihrer sehr eigenen musikalischen Identität vielleicht schon verflüchtigt, weswegen man dem Debütalbum mit Tracks wie “Drop the Other” oder “3 Hours” mitunter etwas höheres Ohrwurmpotential attestieren mag. Genug Details und gute Ideen zum stundenlangen Lauschen, Entdecken und Staunen bietet der Nachfolger dennoch zuhauf. Die fünfzehn Tracks sind vielschichtig, aber aufgeräumt, vor allem aber haben sie zwei Seiten, die Emika je nach Aufführungsort herauskehren kann: eine vertrackt-rhythmische, treibende, deren deepe Basslines sich über ein Soundsystem im Club in ordentliche Anschieber verwandeln können, und eine poppig-einfühlsame, über deren instrumentaler Ordnung natürlich Ema Jollys Stimme thront und die auch im Kontext einer Konzertbühne am Avantgarde-Elektronikfestival funktionieren kann.

Diese Zweiseitigkeit ist überhaupt das zentrale Thema in Jollys Musik und Leben. Das Hin- und Hergerissensein zwischen zwei Ländern und zwei Sprachen, Club und Klassik, schlägt sich auch im Albumtitel nieder. “DVA” bedeutet auf Tschechisch Zwei, kann also die Doppeldeutigkeit der Dinge ebensogut bezeichnen wie den simplen Platz in Emikas Longplayer-Katalog. “Meine englischsprachigen Fans sprechen das Wort aber eher wie ‘Diva’ aus”, erklärt Emika, womit ihr früheres Auftreten auf der Bühne als auch ihre heutige, ziemlich singuläre Stellung im Musikzirkus gemeint sein könnte.

Emika, DVA, ist auf Ninja Tune/Rough Trade erschienen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.