Pop mit i-Tüpfelchen
Text: Björn Bauermeister aus De:Bug 126


Was Kylie Minogue und Gollum verbindet? Das Glück, dass eine Isländerin für sie einen Song geschrieben hat. Ohne das musikalische Gespür jener Frau wäre Kylie nämlich um einen Grammy und der zweite Teil der “Herr der Ringe”-Trilogie um einen Moment des Wohlklangs ärmer. Jetzt hat Emilíana Torrini ihr eigenes neues Album fertig.

“Konfusion“ und “Kummer“ sind die Worte, die ihr in den Sinn kommen. Immer dann, wenn sie zurückschaut, auf “Love In The Time Of Science“ und “Fisherman’s Woman“. Diese beiden Alben und ihre persönlichen Assoziationen liegen für die seit mittlerweile fünf Jahren in Brighton lebende Isländerin aber gefühlte Lichtjahre zurück. Ganz nah und vertraut hingegen ist ihr die aktuelle Selbstvertonung “Me And Armini“, Emilíanas Befreiungsschlag. Sowohl im Hinblick auf den technischen Aufwand als auch auf künstlerischer Ebene regiert auf diesem Werk die kreative Anarchie.

Es ist weniger ein produziertes und durchkomponiertes, dafür aber ein von sämtlichem Ballast befreites Album geworden. Spontan und unbefangen hat Emilíana sich von dem, was sich für sie im Hier und Jetzt zutage förderte, treiben und förmlich gehen lassen. Das Ergebnis: ein Schwanken zwischen extremen und intimen Stimmungen im Leben der Emilíana Torrini. “Es ist definitiv eine manisch-depressive Platte. Und deshalb ist sie für mich auch so nah am Leben, so unverfälscht, bunt und gegensätzlich.“

Dabei ist die Isländerin mit italienischen Wurzeln in der Vergangenheit speziell durch jene Musik bekannt geworden, die alles andere als nah an ihrem eigenen Leben war. Zum Beispiel ihr kurzweiliger Ausflug auf den Dancefloor, als das Management von Kylie Minogue anrief und Emilíanas Künste abonnierte. Eine runde Stunde voller Freude und Freiheit dauerte es, bis “Slow“ in Sack und Tüten und verkauft war. Wie passt dies zur emotionalen Dichte und Tiefe eines Torrini-Albums?

“Im Grunde hat auch solch ein Song sehr viel mit mir zu tun. Denn man trägt ja mehrere Charaktere in sich und kann in den Songs, die man für andere schreibt, die eigenen Untiefen ungeniert ausleben. Diese Seiten zu entdecken und für sich zu nutzen, ist eine nicht unwesentliche Erfahrung.“ Dann klingelt das Telefon, Australien ist am Apparat und will Kylie-Fragen stellen. Emilíana regt sich nicht. Sie ist zu sehr mit dem beschäftigt, was sie beschäftigt: die Reflektion ihrer Lebensabschnittsvertonung. “Oftmals verstehe ich erst ein paar Monate später, was ich in einem Song gesagt, gefühlt und zum Ausdruck gebracht habe.“

Diese Erkenntnis ist im Falle ihres neusten Albums größer denn je, weil Emilíana sich so wenig Kopfzerbrechen und so viel Bauchgefühl geleistet hat, wie sie es sich zuvor niemals getraut hatte. Damit balanciert sie auf einem Drahtseil zwischen Euphorie und Unglück und nippt und dippt derweil im Pop, Reggae, Folk und Singer/Songwritertum. “Me And Armini“ ist somit ein lebendigbunter Gefühlshaufen geworden, auch wenn er in jeder Sekunde ganz stringent von einem erzählt: dem “Loslassen“.
http://www.emilianatorrini.com

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Elektronische Lebensaspekte.