Die Preise sind eingesammelt, das Lied mit Elton John gesummt, die Tournee vorbei und auch die Plastikpuppe auf dem Markt. Eminem hat die Leute zu den ungewöhnlichesten Allianzen getrieben und in zwei sich ankeifende Lager gespalten. Zeit für die Analyse, warum sich seine Serial-Killer-Masche so gut verkauft.
Text: mercedes bunz aus De:Bug 47

Ästhetischer Widerstand mit Eminem
Ich rock die Scheiße fett
Eminems Raplyrics, in denen Schwule gebasht werden und Frauen am laufenden Band dahingemetzelt (“Bitch I’m a kill you! / You don’t wanna fuck with me / Girls leave — you ain’t nuttin’ but a slut to me”) sorgten nicht nur in den USA für überfüllte Mailinglisten, News-Meldungen in den Tageszeitungen und Mahnwachen vor den Konzerten. Eminem ist ein wirklich guter Entertainer, skandierten die einen. Vielleicht, aber das auf Kosten von Marginalisierten, hielten die anderen dagegen. Knotenartige Koalitionen entstanden. Ausgerechnet Lynne Cheney, die konservative Ehefrau des republikanischen Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten, fand sich plötzlich auf einer Seite mit den Homosexuellen wieder. Linke dagegen, die darauf verwiesen, dass Eminem ebenfalls eine marginalisierte Gruppe, die der armen Weißen, repräsentiere, bildeten eine Phalanx mit rechten Political-Correctness-Gegnern, die immer noch Angst davor haben, man könnte ihnen ihre Klischees verbieten und damit ihr wohlgeordnetes Weltbild durcheinander bringen. Nichts dagegen, dass Eminem rappen kann und ein cleverer Junge ist, doch ganz sollte man darüber nicht vergessen, in welchem Kontext er spricht und wie sein Bashing bei wem ankommt.
Fakten, Fakten, Fakten
Superstar-Rapper Eminem ist berühmt geworden für seine gepressten, maschinengewehrartigen Rapsalven mit Serialkiller-Content. Er ist 28 Jahre alt, kommt aus Detroit und debütierte – nein, nicht 1999 mit dem Album “The Slim Shady LP”. In der Tat bastelt Marshall Mathers an Tracks und seinem Ruf in der Hiphop-Szene schon seit 1990. Zunächst rappte er unter seinen beiden Initialien M&M, die erst später zu Eminem umgeschrieben wurden. Erstes, heute verschollenes Album war “Infinite” 1996, das von Liebe, Einigkeit und Durchhalten in harten Zeiten gehandelt haben soll. Ganz andere Töne als heute also – und die kamen nicht sehr gut an, damals – daraus hat Eminem gelernt.
Seine Eltern trennten sich, als er zwei war. Er wuchs zunächst bei einer Tante auf und zog schließlich mit seiner Mutter nach Detroit in ein schwarzes Arbeiterviertel. In der Schule war er eher klein, blass, hatte eine große Klappe und wurde einmal krankenhausreif geschlagen. Nach der Schule wurde nicht lang gefackelt und das Leben der Musik gewidmet. Eminem tourte durch Battles und Radiostationen und jobbte nebenbei in einem spießigen, rustikalen Restaurant. Er ist also nicht, wie viele andere weiße Rapper, von der Musikindustrie gepusht worden, sondern hat sich den Plattenvertrag und den Respekt der schwarzen Rapper erarbeitet. Ebenso wie seine Mum, die mit 15 Eminems Vater heiratete, lernte Eminem seine Noch-Ehefrau Kim kennen, als sie 12 und er wenige Jahre älter war. Seit sechs Jahren haben sie eine Tochter, Halie. Seitdem Dr. Dre ihn 1997 im Radio hörte und in den Kader aufnahm, ging es für Eminem Schlag auf Schlag. 1999 erschien mit Dr. Dres Hilfe “The Slim Shady LP” und verkaufte sich 3 Millionen mal. 2000 folgte die “Marshall Mathers LP”, und die war innerhalb weniger Monate schon 5 Millionen Mal weg. Die Preise, die es auf diesen Erfolg regnete, sind zuviele, um sie hier einzeln aufzuführen. Doch es sind die großen, anerkannten der Branche darunter wie der Grammy. Im Gegenzug hat sein früheres Umfeld sich von ihm abgewendet. Mutter Debbie Mathers verklagte ihren Sohn wegen Verleumdung auf 10 Millionen Dollar und Ehefrau Kim, zu der auf Eminem eintätowiert steht “Kim – verrotte in Frieden”, hat die Scheidung eingereicht.
The Way I am
Eminems Biographie als White Trash Kid ist für sein Image auffallend zentral. Untypisch für heutige Popstars werden biographische Stationen für Fotos nachgestellt (Eminem bringt den Müll des Restaurants raus) und tauchen in Videos auf (Eminem mit Ex-Ehefrau Kim und Tochter Halie). Unzählige Fotos vom aufwachsenden Eminem auf trashigen Sofas sind von eminem.com aus dem Netz herunterzuladen. Authentizität wird wieder großgeschrieben, denn sie wird benötigt. Als Möglichkeit, sich als Weißer eine gleichberechtigte Sprecherposition im Hiphop zu erarbeiten – der Gangsta-Rapper wird zum Serial-Killer. Das kann man ja noch einsehen und für gut befinden. Dann ist da als zweiter Punkt die “Realness”. Die Show ist echt. Oh Mann, da hat einer wirklich was erlebt. Und das ist im Popsystem ein klassischer Hardrock-Schummel-Zug der banalen Differenzproduktion gegenüber anderen Popstars. Die sind ja alle nur geschminkt und tun so, aber hier geht es richtig zur Sache. Drittens kann man praktischer Weise die schlimme Kindheit als eine Legitimation benutzen, den Hass zu Wort kommen zu lassen. Ich rede nur von dem, was ich erlebt habe, das gibt es wirklich. Bewunderung stellt sich ein. Der Zlatko-Effekt: Da traut sich einer was.
In der Tat laufen die Beleidigungen Eminems jedoch in einem klar passenden Rahmen ab. Sie richten sich brav gegen jene Gruppen, die im Hiphop-Genre traditionell negativ auftauchen – nämlich Weiber und Homos. Hier übertritt einer nicht die Grenzen eines Genres, hier formuliert sie einer nur detaillierter und in einem neuen, weißen Rahmen aus.
Der KuK-Konflikt
Auch die politische Deutung dieser Grenzauslotung ist nicht ausgeblieben. Die Kritik an Eminem ist dabei einer gewissen Machtlosigkeit ausgeliefert. Einerseits kann man wohl davon ausgehen, dass die Proteste gegen Eminem die Verkäufe anheizen. Andererseits wird man bei Diskussionen sofort auf die Seite der lahmen Spielverderber unter die Decke mit bürgerlichen Spießern gesteckt (ibah), die die Welt verbessern möchten, indem sie Eminem verbieten, mit Motorsäge auf der Bühne aufzutreten. Immerhin: Würde Giorgio Agamben Hiphop hören, wäre für ihn Eminem der lebende Beweis, dass sich der Ausnahmezustand mitten in die Gesellschaft delokalisiert hat. Sicher ist jedoch, dass die politischen Rezeptionen von Eminem exakt den Grundkonflikt der Linken zwischen Kultur und Klasse spiegeln: Die Klassen-Linke feiert Eminem als die Sichtbarmachung des weißen asozialen Elends und ist bereit, Neben-Widersprüche, also Homosexuellen-Bashing und Frauenquälphantasien – auch mal stehen zu lassen. Statt ‘Straight Outta Compton’ ‘Straight Outta Trailer Park’, wie Heiko Zwirner in der Jungle World schrieb. Allerdings müsste man darüber nachdenken, ob arme weiße Asoziale nicht langsam die Schnauze voll davon haben, in der Öffentlichkeit immer als Monster gedacht zu werden.
Die Kultur-Linke ist dagegen der Meinung, dass das Marginalisiert-Sein von Eminem noch lange nicht erlaubt, auf alle anderen Marginalisierten verbal drauf hauen zu dürfen. Zwar ist das Abbilden von Gewalt nicht mit ihrer Herstellung identisch. Das Abbilden von Klischees jedoch schon. Das sollte man nicht vergessen. Und da hilft auch der in der Spex von Tobias Thomas herbeigerufene “Aber es ist doch Kunst, die darf das”-Schleier wenig – zumal man sich wunderte, warum exakt eine Ausgabe vorher deutsche Hiphopper mit denselben dumpfbackenen Lyriks an die Wand genagelt wurden.
Zumindest in einem hat Tobias Thomas jedoch recht: ein Close Reading von Eminems Texten ergibt, dass Eminem einem nicht den Gefallen tut, sich für eine der beiden Seiten zu entscheiden. Auch wenn seine Musik eher durchschnittlicher bis marginaler Qualität ist – seine Positionierung ist um so cleverer. Das Duett mit Elton John – hier in seiner Eigenschaft als Homosexueller – oder die Lyrics von “Stan”, in denen er einem durchgeknallten Fan rät, Hilfe zu suchen, markieren eine reflektierte Sprecherposition. Doch man darf eines nicht vergessen: In Eminems Texten und Auftritten selber ist es nur eine Position unter vielen, die er so gekonnt einnimmt. Und zwar gegenüber der ständig variationsreich aufgerufenen stupiden Traumfigur einer egomanen Allmächtigkeit, die männlich-pubertierende Jugendliche so gerne pflegen, eine marginale. Dann doch.
Let me Entertain you
Was an Eminem letzten Endes so faszinierend ist, ist ein perfektes Spielen mit den Regeln und Anforderungen des Entertainments. Mit Eminem kann man lernen, wie Musikverkaufen heute funktioniert. Denn schon lange wird Popmusik nicht mehr von einer kulturellen Avantgarde vorangetrieben, hinter der der abkupfernde Ausverkauf wetzt. Konsequenter Weise ist mit der Ausdifferenzierung und Vervielfältigung des Undergrounds der Mainstream ebenso ein eigenes Feld geworden – und dieses Feld hat Eminem im Griff wie keiner sonst. Wer in diesem Feld mitspielen möchte, muss den Anschein des Neuen vermitteln, ohne mit dem Bisherigen zu brechen. Eminems Ausgangsposition als weißer Hardcore-Rapper ist spektakulär genug. Für den gemeinsamen Nenner der Kompatibilität mit Hunderttausenden von Ohren sorgt dann sein Exekutive-Produzent Dr. Dre mit bachartigen Spinett-Loops. Wiedererkennbar. Eingängig. Ohrwurm. Und Variation von bereits Bekanntem, denn jeder Depp kennt das aus der Warteschleife.
Allgemein kann man zwei Tricks beobachten, die in die üblichen Wiederholungen das Neue importieren: das neue Genre und der Skandal. Während die englische Popmusik, der allgemein die intelligentere Herangehensweise nachgesagt wird, am liebsten auf ersteres zurückgreift und in regelmäßigen Abständen einen Hype um einen neuen Stil ausruft, schafft die amerikanische Popmusik Anschlüsse durch den Skandal. Stichworte hier: Sex und Gewalt. Die Mädels von Madonna über Foxy Brown bis zu Britney Spears greifen dabei auf ersteres zurück, die Jungs auf die Gewalt. Eminem gehört natürlich logischerweise zu den Jungs. Er praktiziert mit seinen wohlgesetzen Überschreitungen eigentlich nichts anderes, als die konsequente Umsetzung dieser Regel, die Sammy Deluxe neulich auf den Punkt gebracht hat: Du musst sie provozieren, damit sie über dich reden. Und um über dich mitreden zu können, müssen sie dich hören und also kaufen.
Fazit: Eminem ist ästhetischer Widerstand, wie ihn sich das Musikestablishment nicht besser erträumen könnte.

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Elektronische Lebensaspekte.