Andy Meecham hat das richtige Händchen, wenn es um den in die Zukunft blickenden Retro-Vibe in Musik geht. Früher als Bizarre Inc. britische Äcker, Wiesen und Charts stürmend, ist er jetzt als Teil der Chicken Lips und Two Big Hundred dabei, den Soundtrack seiner Jugend neu einzuspielen. Für The Emperor Machine hat er jetzt alleine den Synthie angeschmissen.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 87

Italo Bizzarre
The Emperor Machine

Die Vertriebe sind sich nicht einig. Italo-Disco? Oder doch Acid-House, wie Tigersushi behaupten? Andy Meecham, ein Drittel von “Chicken Lips” und “The Big Two Hundred”, sitzt derweil in seinem Studio im englischen Nirgendwo zwischen London und Manchester, schüttelt ungläubig den Kopf und wühlt sich immer tiefer in seine psychedelischen Synthieberge. “The Emperor Machine” steht bereit, den Dancefloor zu übernehmen. Weder die kitschigen Tongue-in-Cheek-Perlen von Klein & MBO noch das endlose Zirpen der 303 standen Pate für Andy Meechams neuestes Projekt, sondern Dr. Who und sein munter Zeitsprünge absolvierendes Raumschiff “Tardis” aus der legendären BBC-Fernsehserie “Dr. Who” aus den 60ern. Jede Folge ein neuer Planet und jede Folge wieder dieser unglaubliche Soundtrack. Andy Meecham ist Fan. Schon seit Ewigkeiten. Irgendwann saß er zu Hause im Studio, Can, Kraftwerk und eben den Soundtrack von Dr. Who im Ohr, schmiss seinen Roland SH3A an, stapelte zum Spaß triolische Synthieschichten zu psychedelischen Monstern übereinander und stieg tief in die kaleidoskopartige Welt des 70er-Retrofuturismus hinab. “Pro Mars”, die erste Maxi, der Testballon dieser kleinen Freizeit-Fingerübung von Andy Meecham, schlug auf dem Dancefloor ein wie ein wohl dosierter Haschkeks. Endlich wieder mit geschlossenen Augen Pirouetten drehen. Kopfkino. Dann wurde es ernst, ein Album!

Rave war gestern
Andy Meecham sagt von sich selbst, dass er der typische Studio-Fummler ist. Auch wenn das mal anders war. Damals als er mit Dean Meredith, seinem Partner in Crime seit 16 Jahren, als Bizarre Inc. über die Äcker der britischen Raveolution und durch die Charts tobte. “Playing with Knives”, “I’m gonna get You”, Bizarre Incs. Acid-Klassiker mit Früh-Neunziger-Raveseligkeit verkauften jeweils über 150.000 Kopien. “Bei Bizarre Inc. hatten wir mit unseren ersten zwei Maxis schon unseren Zenit erreicht. Wir sind mit Hochgeschwindigkeit an die Spitze geschossen und waren genauso schnell wieder ganz unten. Jedes Wochenende standen wir als Headliner in irgendeinem Zelt auf einem der unzähligen Raves und haben gespielt. Ich kam sonntags oder montags nach Hause und hatte 800 Pfund in der Tasche. Und das jedes Wochenende. Es war unglaublich, wieviel Geld wir damals mit unseren Live-Auftritten verdient haben. Im Endeffekt war das der Kredit, um Chicken Lips und all die anderen Projekte starten zu können. Es war wundervoll.” Ein Hauch Nostalgie liegt in der Telefonleitung. Seufz. Aber weiter. “Nach ‘I’m Gonna Get You’ wollten wir ein Live-Jazz- und Funk-Album machen. Das war die Zeit, als Jamiroquai gerade mit seinem ersten Album herauskam. Aber unser Label wollte mehr Dance-Pop von uns. Wir waren aber ganz woanders.” Es folgte der Bruch und einige Zeit später die Wiederauferstehung mit Chicken Lips. Neue Baustelle, ähnlicher Erfolg. Auch wenn die Charts noch fern sind. Natürlich wieder gemeinsam. “Dean hat früher, in unserer Schulzeit, fünf Minuten von mir entfernt gewohnt. Wir waren Erzfeinde. Ich hatte damals ein DJ-Mixtape-Business mit meinen eigenen Mixen am Laufen und er auch. Wir waren Rivalen und haben uns einen grimmigen DJ-Battle geliefert. Eines Tages traf ich ihn im Studio, in dem ich einen Engineer-Job machen sollte. Ich dachte ‘Oh nein, dieser Dean… Scheiße.'” Aber nach kurzem Beschnuppern gab es doch ein Happy-End. Einer Kaffeepause sei Dank. Seitdem sind die beiden, wie gesagt, meist unzertrennlich, wenn es um Musik geht. Aber eben nur meistens.

“Aimee Tallulah Is Hypnotized” heißt das Album von The Emperor Machine. Wer ist Aimee Tallulah? Ein ungelöstes Rätsel. Andy schweigt. Aber er hat das hypnotisierende Wummern und Modulieren seines Roland-Synthies perfektioniert. Auch wenn einen die Querflöten manchmal aus dem psychedelischen Progrock-Sog herausschrecken lassen. Er vertont seine eigene Science-Fiction-Fernsehserie. Ein Kaleidoskop aus Jugenderinnerungen. “Ich mache jetzt die Musik, die ich geliebt habe, als ich Teenager war, und damals nicht machen konnte. Jetzt kann ich, und es macht unheimlich Spaß, die alten Einflüsse in eigene Tracks umzusetzen. Retro, aber dreckig und sleazy.”

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Elektronische Lebensaspekte.