Deutschland im Konsolenfieber. Schlimm das. Doch das Netz kann heilen. Um seinen Lieben den definitiven Spielspaß zu ermöglichen, muss nicht gleich die neuste Konsole gekauft werden. Wie wäre es mit einem Trip in die Vergangenheit der Heimcomputer und Spielautomaten? Die Emulationen dieser Dinosaurier erfreuen sich immer noch großer Beliebtheit. Modem scharf machen!
Text: Konrad Braun aus De:Bug 43

Vorwärts in die Vergangenheit
Immer noch der heiße Scheiß: Konsolen-Emulationen

Für alle, bei denen die Midlifecrisis kurz bevor steht oder diejenigen, die sie als Frühzwanziger schon weit hinter sich gelassen haben und das Fest der Liebe nur mit verbittertem Zähneknirschen überstehen können, gibt es jetzt vielleicht noch einmal die Möglichkeit, die Freude nachzuempfinden, die bei einem Geschenk aufgestiegen ist, das in den 80er Jahren sehr häufig auf den Wohnzimmertischen darauf wartete, von feucht-fiebrigen Teenagerhänden zerfleddert zu werden. Einer der Teenager aus dieser Zeit ist Schwede und heißt Hakan Sundell, er muss sehr begeistert von seinem Weihnachtsgeschenk gewesen sein, nämlich so begeistert, dass er nach eigenen Angaben einige Jahre damit verbracht hat, den erfolgreichsten Heimcomputer der 8-bit Ära in die letzte Ecke auszuschnüffeln, um etwas zu erarbeiten, das seinem Ansporn, die ultimative 64er Emulation zu hacken, tatsächlich sehr nahe kommt. Emulation von klassischer Hardware ist eine tolle Freaksportart, und das Stadion heißt Internet. Mir wurden von meinem Freund unter meiner Atemlosigkeit einige vorgestellt, erst M.A.M.E.(multiple arcade machine emulator), ein codefreies, kostenloses Programm, das die Romdaten von ca. 2000 alten Spielautomaten interpretiert, die eine Horde von Enthusiasten rund um den Programmierer der Urversion Nicola Salmoria der Hardware entlockt und für M.A.M.E. optimiert haben. Lustig ist die Philosophie der Leute um das Projekt M.A.M.E., die mit ihrer Arbeit die Spiele aus vergangenen Tagen vor dem drohendem Abrutschen ins “oblivion” retten wollen und selbstverständlich “strictly non-profit”-mäßig unterwegs sind. Es gibt natürlich Parteien in diesem Spielchen, die die soeben beschriebene, selbstlose, ganz neuartige und lebendige Form, Geschichte aufzuschreiben, total unsupi finden. Es handelt sich hierbei um – es kann mühelos erahnt werden – die Automatenhersteller, die teils auf die Copyrights pochen, teils aber das Treiben zurückgelehnt dulden, da aus diesem historischen Material außer den Spielenamen, die für Neuauflagen verwendet werden können, tatsächlich kein Profitsegen mehr droht. Eine weitere Emulation heißt Stella. Hiermit ist es möglich, das prähistorisch anmutende Atari VCS 2600 nachzudaddeln, die komplette, gezippte Romsammlung des Systems passt mühelos auf zwei 3,5 Zoll Disketten, das ist etwas skurril in Hinsicht auf die Tatsache, dass ein Rom zu den besten Zeiten bis zu 100 DM einbrachte.

Konsole vs. Heimcomputer

Was das VCS 2600 für Atari war, nämlich der erfolgreiche Versuch, die Spieleautomaten in abgespeckten Versionen vor den Wohnzimmerfernseher zu bringen, um so einen neuen, gigantischen Markt zu eröffnen, war für die Hersteller der sogenannten “homecomputer” wie beispielsweise Sinclair, Amstrad (hierzulande: Schneider), Commodore oder ebenfalls Atari der Versuch, den damals noch viel zu teuren Profirechner mit Computersystemminiaturen für das Kinderzimmer oder den Hobbykeller nachzubilden. Ein Modell dieser Generation heisst Commodore 64 und er hat, betrachtet man sein 8-bittiges Umfeld zu seinem Erscheinungsjahr 1983, ein paar tolle Eigenschaften, seinen dreistimmigen Soundchip beispielweise, ein richtiger kleiner Synthesizer. Der C-64 ist mit 0,98 MHz getaktet und hat einen Gesamtspeicher von 64 KB, das passt 2048mal in einem heute fast schon üblichen 128 MB Speicher. Der “Brotkasten”, wie er liebevoll von seinen Liebhabern aufgrund des unförmigen, ulkigen braunen Gehäuses genannt wird, hat seine riesigen Verkaufserfolge (10 Millionen Exemplare) auch sicherlich der aggressiven Raubkopierszene dieser Zeit zu verdanken. Crackcrews rund um den Globus sorgten für die blitzschnelle Verbreitung der Software, oftmals vor dem eigentlichen Veröffentlichungstermin. Die Emulation des C64 mit dem Titel “CCS 64” von Hakan Sundell kann als Sharewareversion kostenlos runtergeladen werden, exklusive Luxusfunktionen wie Geschwindigkeitskontrolle des Programms oder die Möglichkeit, den C-64 Sound im Wav-Format zu samplen, müssen mit 30 Dollar Sharewaregebühr bezahlt werden. Das Programm bietet in den Grundfunktionen die Möglichkeit, die komplette, aktuelle Situation der Emulation durch Tastendruck, schwupp, einzufrieren und später wieder aufzurufen, Letzteres eignet sich natürlich prima, um sich durch schwierige Stellen in Spielen zu schummeln. Es gibt ein von Sundell gebasteltes, komfortables Optionsmenü, das einem den nervigen Befehlsweg zum Laden eines Programms im Basic des Computers erspart und sich um alles rund um die Systemeinstellungen und die ergänzende Hardware des C-64, wie etwa die Simulation des Ladevorgangs durch das virtuelle Diskettenlaufwerk 1541 kümmert. Wer an die Software für die genannten Emulationen kommen möchte, braucht nur auf die angegliederten Links auf den Homepages der erwähnten Programme zu schauen, von hier aus beginnt dann eine Eiersuche durch das ganze Netz, die einen vielleicht auch noch über das nächste christliche Fest rettet. Frohe Ostern !

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Elektronische Lebensaspekte.