Olivier Alary und Chanelle Kimber basteln mit ihrem gemeinsamen Projekt Ensemble an kleinen Tracks mit umso grösserer Seele. Was auf den ersten Blick wie mit Casios gespielte englische Shoegazer Hymnen daherkommt, entpuppt sich schnell als erster Schritt einer längst überfälligen Neuerfindung des Pop. Mit viel französischer Lässigkeit. Digitalchansons. Voilà.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 39

Fucked up, aber Pop
Ensemble

“Ich werde bei Interviews oft damit konfrontiert, dass Ensemble große Ähnlichkeiten mit Oval hätte. Nur…Oval bedeutet mir rein gar nichts. Ich bin an Musik interessiert”, erzählt Olivier Alary, der allein schon am Telefon soviel Charme versprüht, dass man ihm jedes Wort glaubt. Vielleicht weil er Franzose ist, vielleicht weil er einfach recht hat. Das Ensemble Album “Sketch Proposals” vergoldet auf jeden Fall die Schnittstelle, auf die sich im kommenden Jahr mit Sicherheit alle stürzen werden: Elektronik meets Song. Zusammen mit Sängerin und Freundin Chanelle Kimber gelingt das auf ganz wunderbare Weise. Hin- und hergerissen zwischen einer Indie-Schluffigkeit und einer Harmonie-süchtigen Frickelei findet jeder sein Sitzkissen. Garantiert.
Oval also. Oder lieber: Wie aus einem Post-90er Verständnis digitaler Medien musikalische Trademarks werden. “Es gibt Aufnahmen des MIT aus den 80er Jahren, die auch schon mit CD-Skipping arbeiten. Nichts Neues also. Es geht mir um Pop und darum, die herkömmliche Art und Weise dieser Musik neu zu durchdenken.” Gelungen ist den beiden das auf dem ersten Album dem eigenen Empfinden nach zwar ganz gut, zukünftig wollen Ensemble aber noch kleinteiliger arbeiten. “Mir sind bei der Musik vor allem die Harmonien wichtig, in denen soll man sich wohlfühlen. Nur…ich fühle mich bei reinem Noise oft genauso wohl. Auf dem Zusammenspiel beider Komponenten liegt derzeit das Hauptaugenmerk. Die erste Platte ist sehr sauber. Nicht, dass die nächste dreckig werden soll, aber ein bisschen Verwirrung muss her. Mich interessieren diese subtilen Veränderungen, wie eine Dissonanz sich fast unmerklich auflöst. Das kann man dann klanglich entsprechend kommentieren, die eigentliche Dissonanz ein bisschen unangenehm klingen lassen und so die Aufmerksamkeit auf die folgende Harmonie legen. Alles muss alles sein können. Melodie Rhythmus, Rhythmus die Melodie, die Vocals wieder etwas Anderes.” Die Inspiration kommt für Olivier dabei mehr aus der Vergangenheit als aus der Gegenwart. Komponisten wie der Deutsche Gottfried-Michael Koenig, lange Jahre im elektronischen Studio des WDR tätig, haben schon Ende der 60er Jahre das vorgemacht, was Mouse On Mars heute perfektionieren. “Strukturen interessieren mich. Und Koenigs Musik, genau wie die von Jan Werner, ist stellenweise so dermaßen detailliert strukturiert, dass das Ergebnis nur noch nach einem großen Zufall klingt. Dennoch ist alles flüssig. Ich mag den Prozess der Musikentstehung, die Arbeit im Studio. Wenn man aber auf der Platte diesen Prozess immer noch hört, bin ich gelangweilt. Deshalb möchte ich gerne mit akustischem Material arbeiten, um den eigentlichen digialen Prozess zu verschleiern. Ein Streichquartett wäre toll, aber da traue ich mich noch nicht ran. Ich vestecke mich noch eine Weile hinter dem Prozess.”

Ab auf die Fähre…

…sagte sich Olivier Alary ständig in den 90ern. Zwar hatte er in seiner Heimat Tolouse eine Band, mit der er jede Woche andere Musik spielte, glücklich machte ihn das aber nicht. “Ich hatte eine Radiosendung damals und wollte unbekannte Musik spielen. Also gaben wir uns in der einen Woche als ostdeutsche Heavy Metal Band aus, dann wieder als obskures Geisterbahn Trance Projekt ,oder wir machten New Wave… Zu diesem Zeitpunkt war ich ständig in London und hatte Chanelle kennengelernt. Sie besuchte mich in Tolouse und wir erfanden diese New Wave Band ‘Background Control’, die einzig und allein Visage veralbern sollte. Da merkten wir aber, dass wir uns nicht nur so mochten, sondern auch gut zusammenarbeiten konnten. Also verabschiedete ich mich von Tolouse und zog nach London. In Tolouse kann man keinen Plattenvertrag bekommen. Die Stadt ist bedrückend, und es gibt zuviele Drogen.” Unbeliebt hatte sich Olivier bereits früher gemacht. Als er die Plattensammlung seiner Eltern mehr oder weniger konzeptionell in einem dieser Plattenspieler zerstörte, bei denen man die Platten ähnlich einer CD einfach in einen Schlitz schob. “Klar konnte man auch mit diesen Geräten scratchen. Nur waren weder die Platten noch das Gerät wirklich froh darüber. Zu meiner Erstkommunion bekam ich dann von meinem Grossvater ein Tonbandgerät. Endlich konnte ich alles aufnehmen, was ich wollte. Russisches Kurzwellenradio zum Beispiel. Ich hatte keine Ahnung von Cut-Up, aber ich habe sowas Ähnliches versucht damals. Kleine Collagen, bei denen es vor allem um Klang ging.” Und Klang schreibt sich mittlerweile Pop bei Ensemble. Fucked up, aber Pop. Gut so.

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Elektronische Lebensaspekte.