Text: Mercedes Bunz aus De:Bug 08

Entmystifizierter Dilettantismus Ein Interview mit Jutta Koether Mercedes Bunz mrs.bunz@de-bug.de Wie man Arbeit in sein Leben einbaut, ist eine Sache über die zu wenig nachgedacht wird, definitiv. Dabei bildet genau das: was man tut, wo man angestellt ist, wie man sein Geld verdient, die Punkte, nach denen man Menschen anordnet, die einem über den Weg laufen. Ein Terror der Biographie, der sich gerne in harmlosen Fragen versteckt: “Und was machst Du sonst so?” “Ich bin Art Director, in einem Verlagshaus, Müllmann, Lehrer, Kameramann, Schriftsteller (gibt es das noch?), Verkäuferin, Physiker”. Alles klar, wenn’s paßt der Beginn einer wunderbaren Beziehung. Wichtiger als der Ort, an dem man geboren ist, wichtiger als die Verhältnisse, aus denen man kommt und mit Sicherheit wichtiger als die Sachen, die man so als verarbeitendes Ich erlebt, ist die Profession, anscheinend, und die Professionalität, mit der man sie erledigt. Professionalität bedeutet, die Regeln eines Systems zu beherrschen, zu leben, zu sein und komplett auszufüllen. Keine Irritationen bitte. Professionalität: ein Trick, jemanden dahin zu bekommen, mehr zu arbeiten, der gerne gepaart wird mit dem Beharren auf nur eine mögliche Arbeits-Identität, gebildet durch die Annahme, man könnte nicht zwei Dinge auf einmal tun. Ein Trick, weil das sorgt passenderweise gleich dafür, keine Ausweichmöglichkeiten zu haben, durch die man sein Produktionsfeld einfach so verschieben könnte. Jutta Koether gehört zu den Personen, die sich um sowas nie gekümmert haben, ohne, und das ist dabei nicht unwichtig, sich deshalb trotzdem das Recht zu nehmen, auch an “professionellen” Orten sprechen zu können. Oder, vielleicht auch andersherum, gehört Jutta Koether zu den Personen, die sich besonders viel damit auseinandergesetzt haben, und sich deshalb nicht um so etwas gekümmert haben. In den frühen Achtzigern stieg sie bei Spex ein, wurde Mitherausgeberin und Musikjournalistin sowie Kunstkritikerin. Gleichzeitig war sie Malerin und wurde schließlich Dozentin an der Hochschule der Künste Berlin, sowie an der “School of Visual Arts” in New York, wo sie mittlerweile auch lebt. “Your just a piece of action” lautet einer der Titel, den sie über einen Artikel schrieb und den sie aus “Blue Movie”, einem Film von Andy Warhol aufgeklaubt hatte. Vielleicht ist das ein Satz, der erklären könnte, wie man dahin kommt, sich nicht nur auf eine Arbeitsidentität zu einzuschränken. Ein Interview als Vorschlag, wie es anders gehen könnte. De:Bug: Wenn man so über Dein Leben scrollt, merkt man, daß Du beinahe aufgepaßt hast, daß Du nie unter einer Arbeitidentität eingeordnet worden bist. Also nie nur Malerin, nie nur Musikschreiberin. Es war immer auch ein anderer Teil Deiner Arbeit sichtbar. JK: Es gibt bestimmte Formen, mit denen das funktioniert. Es geht. Es ist möglich. Ich will nicht sagen, daß das so ständig über meiner Tür geschrieben stand: Hallo, hallo! Das mußt Du so tun. Aber es war sozusagen das, was meine Praxis immer wieder angetrieben hat, weil es extrem viel Einsatz erfordert. Das ist auch eines der Probleme dabei: Wenn man den Einsatz nämlich nicht bringt, verschwindet man halt. In dem Sinne habe ich das auch schon als – naja, das kann man vielleicht nicht wirklich politisch nennen… . Es war mir jedoch wichtig, daß so etwas auch hier, unter diesen Umständen und in meinem Bereich möglich ist. Ich war damals ja auch überhaupt noch nicht landflüchtig, im Gegenteil: Ich wollte das hier und an diesem Ort. So. In gewissem Sinn kam das einerseits durch eine Disposition, die ich eh hatte, andererseits war mir natürlich irgendwann auch bewußt – durch Selbstanalyse oder was auch immer: das liegt vor, das ist das Material, das sind meine Fähigkeiten. Dann habe ich mich bestimmter Modelle bedient, die aus dem literarischen Umfeld – Beatnik etc. – kamen, andererseits auch Modelle bestimmter Frauentypen, die das schon geleistet hatten. Das sagt zwar jede Frau eigentlich, die in meiner Generation mit Musikkultur zu tun hat, aber für mich war ein ganz entscheidender Punkt Patti Smith. Nicht unbedingt nur wegen der Musik, sondern wegen dieser Forderung: Ich nehme mir die Freiheit, ich äußere mich über Musik und zwar weder als reine Dillettantin noch als nur Musik, sondern ich will außerdem noch Messages verbreiten, ich will Poetry machen und ich will außerdem noch eine glamouröse Figur dabei abgeben. So. Das muß irgendwie gehen, obwohl man ja die bekannten Um- und Wiederstände kennt, die damals in der Kunstwelt vielleicht noch mehr als in der Musikwelt waren. Die Kunstwelt war ja – zumindest in den frühen Achtzigern – noch ein stark von einem bestimmten Jargon und Jive und bestimmten männlichen Ausrichtungen her geprägtes Umfeld. Da zu insistieren und zu zeigen: Hallo, das geht! Irgendwann ging es natürlich nicht mehr. Es gab an bestimmten Punkten kein Weiterkommen, wo ich dann einfach merkte, daß ich woanders Allierierte oder Möglichkeiten habe, in einem vielleicht mir doch etwas freundlicherem Umfeld. Wobei aber der Umzug nach Amerika den Preis der Sprache hatte. Das Plateau Spex hat damit eine andere Bedeutung bekommen, was aber auch gut war. Es ist einfach gut, nach einer bestimmten Anzahl von Jahren, in denen man ein bestimmtes Modell oder eine Praxis verfolgt hat, Veränderungen zu zulassen. Immer nur das gleiche zu wiederholen, ist ja auch nicht witzig. De:Bug: Es scheint als ob Schreiben Musik und Malerei bei Dir verbindet, es taucht in der Auseinandersetzung mit beiden Feldern auf. Du hast viele Malereiprojekte gemacht, bei denen Schreiben quasi dran teilgenommen hat. Mich interessiert hier aber besonders das Schreiben über Musik. Es gibt in dem Bereich nicht viele Frauen. Weißt Du noch, wie das bei Dir angefangen hat? JK: Ja, natürlich. Erstens habe ich immer geschrieben, ich habe quasi eine Neigung zum Schreiben und Lesen. Ich habe schon als Teenager für mich selber Texte gemacht, Eindrücke niedergeschrieben, mich für Dichtung interessiert, für Sprache. Der entscheidende Schritt war eine Koproduktion mit einem Freund, dem ersten, mit dem ich auch zusammengelebt habe, was zeitgleich mit Punkrock fiel. Wir hatten zwei Zine-Produktionen gleichzeitig. Die Idee “Punkrock” ging für uns über die Musik hinaus, es war beispielsweise auch: Jeder kann sein eigenes Zine machen, Schreiben, Produzieren. Egal ob man sich als Schriftsteller versteht oder nicht. Wir haben Kopiehefte mit seltsamen Mixturen aus poetischen Äußerungen, Prosatexten und übersetzten Lyrics gebastelt, die viel mit unserem Umfeld zu tun hatten und das war quasi von Musik und Aktion bestückt: zu Konzerten gehen, Sachen wahrnehmen, sich mit Musik auseineandersetzen, mit den Figuren, die da auftauchten. Über diese Aktivität hat uns nach ein paar Monaten Spex angesprochen. Spex hatte sich da gerade konstituiert, es hatte glaube ich eine Nummer gegeben. Ich bin damals darauf eingegangen und von da an habe ich “professionell” über Musik geschrieben. Über das, was mich an der Musik interessierte. Der allererste Text für Spex war noch so eine kleine Geschichte, also nicht Musik. Der erste Musiktext war über Nico. Ich war totaler Nicofan und das Interview war für mich ein großes Anliegen. Daß ich mich kompetent fühlte, über Musik zu schreiben, kam weil ich schon sehr sehr viel Musik gehört hatte. Eigentlich habe ich seit meinem 14. Lebensjahr Platten gehört und gesammelt. Wie das halt so ist, wenn man diese dillettantische, andere Ausbildung betreibt. Im Laufe der Jahre hat sich das weiter entwickelt, aber es gab eine Grundtendenz, eine Prägung, sich mit Figuren zu befassen, die gleicheztig literarische Figuren oder auf bestimmte Weise Dichterfiguren sind, die mit Musik arbeiten. Da habe ich auch das kompletteste Wissen. Man lernt natürlich auch, über andere Aspekte zu sprechen, Musik als kulturelles Phänomen oder wofür ein bestimmter Stil steht, aber der literarische Aspekt war für mich der erste und prägendste. De:Bug: Deine Texte benutzen keine, ja, wie soll man sagen, typische Form von Musiktexten oder von Journalismus. Kannst Du die Konzeption Deiner Texte beschreiben? JK: Die wichtigste Anregung war Borroughs. Mit 15 habe ich Freejazz entdeckt und Bourroughs. Borroughs war derjenige, der vor aller Theorie postmodernes Schreiben praktiziert hat. Er hatte genau diese Ingredienzen: einerseits Personen auftauchen zu lassen, den Exzess, das haltlose Reden, was aber nie mit dieser Sentimentalität und diesem Schwulst drumherum als Dichteregeo auftrat. Also eine Form der Aneignung, des Adaptierens, Aufklaubens, Zitierens usw. Dem ganzen hat er dann seinen Jive verliehen, seinen Rhythmus. Es gibt einen bestimmten Grund, außer das Bourroughs Kultperson schlechthin war, weshalb sich extrem viele Musikleute auf ihn bezogen haben. Nicht nur weil das der irre Junkie war, oder so, die Texte haben einen Rhythmus. Sie sind nicht musikalisch im alten Sinne, sie sind nicht harmonisch, sie sind disharmonisch. Es ist quasi Disharmonie, wie sie im Freejazz auftaucht, sie ist strukturiert. Die Techik, die verwendet wird ist nicht endloses Gitarrengewabere, es ist nicht wahwahwahhhh. Es hat eine Form und es ist endindividualisiert. Das hat mich sehr interessiert, weil dadurch immer wieder Lücken entstanden, in denen man sich dazu- und wieder wegschalten konnte, ohne sozusagen ein Geniepaket zu kaufen. Wenn es bei mir also eine Konzeption gab, dann war es die: Daß ein einzelner Kopf oder ein einzelnes Denken durch eine Form des Exzesses, eines gewissen Wahnsinns, eine Art von Subjektivität konstruieren konnte. Die Texte selber waren vielleicht kryptisch oder irre, aber sie waren immer gefüllt mit Information von anderen. Ich habe versucht, mich zu einer Art Gefäß zu machen: Ich lasse erstmal ganz viele Dinge zu, die sammele ich. Meine Art, Texte aufzubauen, war auch so. Wenn ich ein Thema oder ein Interview in Aussicht hatte, habe ich außer dem Musik Hören immer schon Texte dazu gelesen, bin Verbindungen, die mir auffielen, nachgegangen. Ich habe auch viele andere Leute gefragt und dann Fragmente von all dem zusammengeschüttet. Dauernd auf Zettel geschrieben, Sammlungen angelegt und aus denen Text rausgezogen, in Kombination mit den Äußerungen des entsprechenden Künstlers. Es war nie so: Hier bin ich, und ich habe jetzt was zu sagen. Die Texte waren dazu auch viel zu inkohärent. Ich wollte nicht sagen: Ich, Ich, Ich. Natürlich taucht ein ‘Ich’ auf, daß diese Konstruktion bastelt. ‘Ich’ als Person bin da aber weniger drin aufgetaucht. De:Bug: In den meisten Deiner Texte nimmst Du die Rolle einer Beobachterin ein, dh. wenn sich mit etwas identifiziert wird, dann mit dem Beobachten. Gleichzeitig gibt einem das die Möglichkeit, in der Mitte des Geschehens zu sein. Du greifst selten auf die Konstruktion eines “Wir” zurück, die man ansonsten bei Spex ja öfter antrifft, etwa als Ort von “kultureller Dissidenz” oder so. Wie kommt das? JK: Mmmh. “Wir” ist einfach eine Konstruktion, genau wie alles andere auch. Es ist nicht so, daß ich das ablehne oder sage: Das gibt es nicht. In bestimmten, temporären Situationen, begrenzt, ist es sogar extrem wichtig, um Aktionen hervorzurufen. Im Moment denke ich, da steht gerade wieder was an, daß man so einen Moment des ‘Wir’ wiederherstellt. Schwierig zu sagen. De:Bug: Was bedeutet Dissidenz für dich? JK: Überhaupt nichts. Ich kannte das Wort gar nicht, ehrlich gesagt. Nur aus der politischen Sprache. Das hat für mich irgendwie…, da gibt es keine…, da habe ich keine Erklärung für. Das klingt blöd, aber das ist ein Begriff, an dessen Füllung ich nicht mitgearbeitet habe, den ich auch nicht benutzt habe, würde ich jetzt mal so sagen. De:Bug: Hast Du im Kopf gehabt, jemanden mit Deinen Texten spezifisch anzusprechen? Wie würdest Du das selber einschätzen, worauf richten sich Deine Texte? JK: Die unterschiedlichen Textsorten von mir sind an unterschiedliche Leute gerichtet, an unterschiedliche Blicke. Die Plattenkriktiken wurden von anderen Leuten gelesen als z.B. eine Textsorte, die für mich ganz entscheidend war, die ich auch für mich dort installiert habe, die Kolumne “Mrs. Benway”. In “Mrs. Benway” wurden im weitesten Sinne ästhetische Standpunkte verhandelt. Was mir dabei vor Augen stand, war der Versuch, ja, so ganz doof, Leute für andere Wahrnehmungsformen zu sensibilisieren. Manchmal indem man was macht, worüber sich Leute aufregen, manchmal indem man eine Information einfach wirklich straight schreibt, um sie erstmal auf den Tisch zu legen. Ups, was ist denn das. Es war für mich auch so ein Experimentierfeld: Wie kann man eine bestimmte Sensibilität hervorrufen, wie kann man Leute dazu hinbringen, da mal hinzugucken. Und das über unterschiedliche Reize. Mal durch Füttern, mal durch Irritieren. Mal auch durch die Kombination oder einer Collage von Inhalten: So, die können alle nebeneinander stehen, das zeige ich euch jetzt, das führe ich euch jetzt mal vor, daß das geht. Sachen, mit denen ich mich befaßt habe, haben natürlich auf die Kolumne eingewirkt. Ich vergesse auch nicht, daß das Schreiben ein Teil, ein Forschungszentrum ist, dessen Resultate sich auf meine künstlerische Arbeit niederschlagen. Ich lasse das nicht so oft raushängen. Für mich ist es aber nicht getrennt. De:Bug: In den letzten Jahren ist der Mangel an Schreiberinnen immer offensichtlicher geworden. Der Musikbereich gleicht einer Jungsdomäne, in der einem als Mädchen immer der Makel etwas besonderen und außerordentlichen anhaftete, so daß man quasi immer nur als Ausnahmesituation sprechen konnte. Ich habe irgendwie das Gefühl, daß Clara Drechsler (die damals auch bei Spex war) und Du noch nicht in so einer Rolle gesteckt habt, daß die erst später entstanden ist. JK: Daß wir Frauen waren, wurde eigentlich nicht thematisiert. Eine bestimmte Art, Texte anzugehen, stieß manchmal auf Probleme, aber daß da plötzlich zwei Frauen waren, die da was sagen wollten, das war überhaupt gar kein Problem. Ich weiß nicht. Es ist natürlich so, daß Clara und ich, das klingt jetzt schon ziemlich stumpf und fast antifeministisch, wir waren beide so völlig…, das war so völlig klar, für uns. Wir wollten das und wir haben das gemacht. Es war eben in einer historischen Situation des “jeder darf machen, wenn das irgendwie einen coolen Effekt erzeugt, es ist egal wer du bist oder wie du aussiehst”. Das traf so zusammen. Daß sich das dann bei Clara und mir in einem besonderen, zwar voneinander verschiedenen, aber anderen Schreiben oder Sprechen praktiziert wurde, war völlig in Ordnung. Das war ja bei den Jungs genauso, die haben sich auch auf unterschiedliche Arten entäußert, und es hat sich dann erst später anders entwickelt. Vielleicht war es so: wir waren uns der Sache, unseres Status schon bewußt, aber wir haben das nicht früh genug als politisch wichtige Sache verstanden. Ich habe es irgendwann gemerkt und mir gedacht, man muß jetzt noch mehr Frauen reinholen und auch andere Beziehungen zu Texten zulassen. In der Zwischenzeit haben sich die Strukturen von Spex verändert und da waren dann auch unsere Stimmen gar nicht mehr so sehr drin. Vielleicht kam es dadurch zu einer noch – was weiß ich – einer noch männlich geprägteren Ausrichtung. Ich denke mir heute manchmal, wenn ich mir zu einem früheren Zeitpunkt, also 1991 oder 1992, mehr darüber bewußt gewesen wäre, dann hätte ich dafür sorgen können, daß anderen bei meinem Zurücknehmen mehr Raum hätte geboten werden können. Daß ich mich da bei dem Erhalt eines bestimmten Freiraums hätte mehr einsetzen können. Das ist halt nicht passiert. Das hat wiederum auch mit der Musik zu tun oder meinem doch relativ eingeschränkten Segment von Musik, mit dem ich mich befaßte. Eine nachwachsende Generation füllte das mit anderen Musikrichtungen, die zur Verhandlung standen, was mir auch klar war und wo ich nicht darauf bestanden habe: Ja, ich will jetzt aber mein Ding weiter machen. Nur die, die dann als erste damit ankamen, waren keine Frauen. Das waren dann… halt Jungs. Ab einem bestimmten Punkt mußte ich mich mit anderen Sachen mehr befassen, das Forschungsfeld hat sich verschoben. Darüber habe ich bestimmte Entwicklungen in der Musik zwar mitgekriegt, aber nicht mit den Details und der für mich doch nötigen Basis, die ich hätte haben müssen, um darüber zu schreiben. Da habe ich mich nicht mehr ‘in charge’ gefühlt. Ich finde es auch nicht richtig, sich dranzuhängen, nur weil das angesagt ist. Es ist besser, wenn die Leute, die mit dem Material ständig zu tun haben, darüber schreiben, nicht ich. Das ist doch normal, oder? Ich habe hier und da noch einen Text abgeliefert, aber mein Schreiben hat ab dem Zeitpunkt hauptsächlich in der Kunst stattgefunden. Was bei Clara die Übersetzung geworden ist, ist bei mir die Kunst und die Lehre oder wie auch immer. De.Bug: Diedrich Diedrichsen hat mit seinem Text “The Kids are not allright” für sich einen Bruch zu dem, wie er bisher Jugendkultur angeordnet hat, formuliert, in dem es grob darum ging, daß Musik und bestimmte Zeichen nicht mehr so fest wie bisher mit bestimmten politischen Inhalten verankert sind. Gab es bei Dir auch so einen Bruch? JK: Vielleicht war es nicht exakt so wie bei Diedrich, aber die Entwicklung so rein generationsmäßig ist bei uns sicher sehr ähnlich. Wir haben ja auch sehr lange bei Spex eine Linie verfolgt. Ich habe mich ab dem Moment ziemlich zurückgezogen. Ich merkte einfach, da ist was zu Ende gegangen, da ist ein Bruch passiert. Ich mußte erstmal gucken, von wo aus ich überhaupt noch sprechen kann. Wo ist mein Platz. Rein örtlich gesehen hat das für mich auch die Abwendung auch aus Deutschland bedeutet, danach habe ich viel mehr Zeit in Amerika verbracht, am Anfang noch mit extremen Gewissensbissen, daß ich dann irgendwas hinter mir lasse und nicht mehr weiterverfolge. Im Laufe der Zeit fängt man natürlich an, sich an dem neuen Ort neu zu verhalten. Wenn wir nochmal ganz zurück auf diesen Dissidenzbegriff kommen sollten: Ich glaube, es gibt bei mir eine Funktion in meinem inneren Computer, die einfach eine extreme, ja, nicht Phobie ist, aber das Verhindern einer totalen Professionalisierung betreibt. Da sitzt irgendwo ein Glaube oder irgendwas. Ich setzte mir Ziele, was ich erreichen will und welche Aussagen ich machen will, aber gleichzeitig will ich ein Voll-Professionalisiert-Werden in einer bestimmten Funktion, in einem bestimmten Bereich verhindern. Da habe ich irgendwie Widerstände. Ich habe an solchen Punkten in meinen Entscheidungen immer Shifts eingebaut, wahrscheinlich schon teils unbewußt. Ich bin nicht Journalistin geworden, ich bin auch nicht nur Malerin geworden. Ich bin auch nicht nur Lehrer. Ich meine, es gibt viele Leute, die so Mischformen betreiben, aber bei mir ist das schon fast so internalisiert. Ich kann mir das auch gar nicht vorstellen. Ich kann nicht nur Bilder malen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was ich dann malen soll. Das würde gar nicht funktionieren. Das Einbauen von ständiger Irritation und Shifts ist Teil meiner Produktionsweise. Das liegt nun mal so vor. Das zieht zwar immer den Geruch des Dilettantismus mit sich und hat natürlich irgendwas fieses: Der glückliche Dilettant, dieser Mythos vom kreativen Dilettantismus. Darüber bin ich mir auch im klaren, aber ich habe beschlossen, mich davon nicht unterkriegen zu lassen. Es kommt darauf an, wie man das handhabt, in wie weit man das auf seine Flagge schreibt. De:Bug: Wie Spookey? JK: Das hast du jetzt gesagt. Naja, man kann den Dilettantismus eben auch professionalisieren. Ich finde das halt nicht befriedigend.

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Elektronische Lebensaspekte.