John Hughes II brachte uns "Kevin allein zu Haus". John Hughes III befreit seit zehn Jahren Chicago vom Assoziationsdiktat: Hefty statt House.
Text: Moritz Metz aus De:Bug 102

Auf welchem Label hat sowohl der Berliner Technokracher T. Raumschmiere ein Ambient-Album sowie die 70er-Jahre-Trompetenjazz-Legende Phil Ranelin eine Remix-Platte heraus gebracht? Logo: Hefty. Leser der Debug-Ausgabe 61 vom Sommer 2002 mögen sich dank Florian Brandlmeiers Labelportrait erinnern, was “hefty” auf deutsch bedeutet: Deftig, kräftig, saftig, dickwandig. Die Namensgebung ist ein zehn Jahre alter optimistischer Spaß des Labelgründers John Hughes, der ohne ernsthafte Anfangsambitionen dennoch wahr wurde. Als charmant-querköpfige Startstation in die Hall of Fame der elektronischen Weltmusik für Bands wie Prefuse73, mit denen Ultra-Talent Scott Herren (aka Savath&Savalas) schließlich bei Warp landete, oder für Telefon Tel Aviv, die ebenfalls zu einem Aushängeschild des Hefty-Sounds avancierten.

Der Sound? Nenn ihn nicht Elektronika, nenn ihn nicht Jazz, HipHop oder Postrock – nenn ihn einfach Hefty. Mal ist das bedacht angepitchter und gesampelter Electrosoul, mal fliegender Freejazz, Herzen-brechender Indietronic, Sythie-Folk oder zerstückelter Instrumental-HipHop … am Ende vereint alle Releases aber ein gemeinsamer Klangcharakter, der von warmer Nähe in urbane Lichtermeere wandert, analoge Welten öffnet und schließt, Instrumente meist den Stimmen vorzieht und stets eine nerdig-menschliche Spielfreude feiert.

DIY-Guys allesamt. Mit erfolgreicher Eigenbrötligkeit begann ja auch alles: Labelchef John Hughes darf die “III” hinter seinem Namen tragen, denn sein Vater heißt ansonsten genauso – und ist als Filmautor und Produzent für Populärwerke wie “Ferris macht blau” oder die “Kevin allein zu Haus”-Reihe verantwortlich. Der Junior war schon als Kind eher Musikfan, nahm alle lokalen Rapper und Highschool-Bands mittels 4-Spur-Recorder auf, wollte seine eigene Musik aber keinem bestehenden Label anvertrauen. So gründete John Hughes 1996 ein eigenes und bestückte den Katalog als “Bill Ding” erst mal mit fünf eigenen Werken.

Ohne dieses musikalische Startkapital wäre Heftys Roster und Profil nie so konstant gewachsen – bis heute: 10-40 Demos empfängt Hughes wöchentlich und betont, dass ihn das immer freut. Klar, auch Prefuse73 und Telefon Tel Avivs Karriere begann im CD-Player von John Hughes’ Auto. Doch trotz der Genialität seiner Künstler und neben seinem eigenen Musikprojekt Slicker wirkt Hughes stets musikalisch stilprägend. “Unser vorsichtiges Produzieren und Mastern macht, dass alle die komischen Sachen am Ende perfekt zusammenpassen.” Und weil ihm Freundschaft und ehrlicher Umgang mit den Künstlern fast genauso wichtig wie deren gute Musik ist, war er auch “immer freudig einverstanden, wenn Künstler größere Labels finden. Ist doch ein gutes Zeichen, wenn wir tolle Musik entdecken, bevor sie weltberühmt wird.” Offenheit zahlt sich in Kumpelkreisen sowieso aus, weshalb es Heftys Katalog bald auf 54 Releases und sieben Whitelabels bringt – darunter viele altverbundene Label-Lieblinge, die zwar längst woanders gelandet sind, aber herzlich gerne zu einem der Jubiläums-Releases noch mal ihren süßen Senf beigeben.

So stopft das mittlerweile professionell agierende Hefty-Team die Regale der Fans, Sammler und Neuentdecker mit drei CD-Paketen. “Hefty-Digest” blickt auf CD1 mit acht Tracks in die Vergangenheit zurück, während auf CD2 der besagte Scott Herren seine persönlichen Highlights in Form eines Prefuse73-Mixtapes kompiliert. Die Doppel-CD namens “Immediate Action” rollt Heftys gleichnamige und legendäre EP-Serie wieder auf, die im Sommer 2002 in Hochgeschwindigkeit, ohne Promotion und in limitierter Auflage in die Plattenläden gestellt wurde.

Auf den beiden “History is Bunk”-CDs wird dann alle Vergangenheit übermütig zu “Quatsch” degradiert und in die Zukunft geblickt. Neue Tracks von bewährten Labelartists – darunter L´Altra oder Slicker – sowie Remixe von geschätzten Freunden wie Jan Jelinek (~scape), Jimmy Edgar (Warp) und dem japanischen Elektronikguru Ryuichi Sakamoto (Island, Virgin, Ninja Tune etc.) untermauern, wie vielfältig der Output dieser Windy City am Michigansee mittlerweile geworden ist.

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Elektronische Lebensaspekte.