Angst im schrumpfenden Markt
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 119


Bild: Gadgets 2007 (Headset von Bang & Olufsen), Text: Aus dem Jahresrückblick 2007 in De:Bug 119.

Auf einmal spürt man bei allen Angst. Es hilft irgendwie Nichts, seit der Jahrtausendwende zu predigen, dass MP3s der neue Musikmarkt sind. Man kommt nicht drüber hinweg zu fürchten, dass fast alle schlecht vorbereitet sind. Ok, mittlerweile macht fast jedes Label seine Promo über MP3s. Und da spart man auch was: Porto. Aber das ist immer noch kein neues Geschäftsmodell. Auf einmal sieht man ein, dass die digitale Welt vielleicht nicht so cool sein könnte und da wirklich andere Gesetze gelten.

Beatport als Parasit

Das Problem begann damit, dass Vinyl sich vor ein paar Jahren immer mehr von allem, was nicht Dancefloor war, befreit hat. Platten, die ihren Wert nicht dadurch bestimmen, wie sehr sie kicken oder ob sie einfach aufzulegen sind, wurden richtig selten. Und das machte kurzfristig auch Sinn. Denn all die Label, die am schnellsten eingesehen haben, dass eigentlich nur noch DJs (ob sie nun nur davon träumen oder wirklich auflegen) Vinyl kaufen, hatten in den letzten Jahren die besten Chancen, ihr Business aufrecht zu erhalten. Wir haben uns eine neue Monokultur herangezüchtet. Eine europäische Monokultur obendrein, die unerwartet stark pulsiert und Berge von Releases raushaut, Elektroniker aus allen Erdteilen zu uns auswandern lässt, aber es ist immer noch eine Monokultur.

Da braucht es immer nur einen Parasiten und alles scheint zu wackeln. Und als Parasit wurde auf einmal Beatport ausgemacht. Von der VUT, die vor Knebelverträgen warnte, vom Pro-Vinyl-Zusammenschluss der großen Deutschen Vinyl-Distributoren, die Vinyl zwei Wochen Vorlauf vor dem digitalen Release geben wollen, und natürlich von den Minimal-, Dancefloor- etc. Labeln, die – irgendwie immer noch überrascht – sehen, dass sich da eine neue Macht bildet, gegen die kein anderer MP3-Shop ankommt.

Alles muss raus

Aber warum nicht? Bleep, lange Zeit einer der Vorreiter, was MP3-Shops betrifft, kam mit den Releases nicht hinterher, die deutschen Distributoren sind stellenweise spät eingestiegen und verlassen sich auf ihr eigenes Programm an Labeln, und die Label selber verlassen sich nicht auf sich selbst. Dabei ist immer noch nicht so klar, ob es überhaupt grundlegende Überschneidungen zwischen digitalen DJs und Vinyl-DJs gibt. Ob MP3 wirklich eine Konkurrenz ist oder einfach ein anderer Markt. DJs mit digitalen Systemen wie Serato und Scratch sind hierzulande immer noch relativ rar (und nicht selten Amis). An die CD-Player trauen sich häufiger welche, vor allem auch Engländer, die schnell entdeckt haben, das CD-Rs die neuen Dubplates sind. Aber bedenkt man, wie einfach sich ohne Vinyl auflegen lässt, geht es ihm immer noch verdächtig gut.

Man muss sich wirklich wundern, warum niemand das so genannte Beatport-Monopol wirklich angeht. Denn sie machen zwar einiges richtig, aber es ist wirklich nicht schwer, sich bessere Plattenläden im Netz vorzustellen. Beatport hat früh erkannt, was – bestes Beispiel Amazon – “Long Tail” bedeutet. Sie veröffentlichen nahezu alles. Das Konzept “gut sortierter Buchladen” ist im Netz nicht unbedingt Erfolg-versprechend. Sie haben gecheckt, dass eine Verbindung zur Hardware – Beispiel Apple – verdammt wichtig ist, und sich mit früh mit Native kurzgeschlossen. Und hey, sogar Web 2.0 haben sie dieses Jahr – vor allen anderen im MP3-Business – entdeckt. Widgets gibt’s seit Februar und seit Sommer sogar eine Community (Beatportal). Warum niemand das vorher entdeckt hat, ist uns völlig unverständlich.

Offene Schnittstellen

Doch man kann immer noch etwas tun. Selbst als Label, selbst wenn die MP3-Shops des eigenen Vertriebs nicht ganz hinterherkommen. Widgets z.B. gibt es wie Sand am Meer und selbst ohne sich – mühsam vor allem in der Abrechnung – einen eigenen Shop zu bauen, kann man mit weit höheren Gewinnen als bei jedem MP3-Shop Tracks online verkaufen und andere mitverkaufen lassen. Es ist wirklich ein Mysterium, warum fast kein Label das macht. Und warum sie sich – dankt lustiger Flashseiten – häufig immer noch den Blogs verschließen. Und auch die MP3-Shops hierzulande haben noch – das Internetgeschäft ist ja kein Mysterium – Berge von Möglichkeiten auch jenseits der schon von Beatport realisierten.

Offene Schnittstellen z.B. (APIs). Gebt den Leuten Zugriff auf eure Daten, lasst sie damit spielen. Oder Zugänglichkeit. Schließlich findet bei Beatport alles im höchst geschlossenen Flashsystem statt. MySpace etc. haben doch auch alle verstanden, warum also nicht auch den Rest von Web 2.0? So verständlich wie die Warnungen vor dem Sterben des Vinyls durch MP3 auch scheinen, die Lösungen sind vor allem da, wo man es besser machen könnte. Im Netz, wie auch auf Vinyl, wo einfach – verständlich durch den Marktdruck – zu wenig gewagt wird. Aber, die gute Neuigkeit: In den USA, wo der CD-Markt schrumpft wie überall, erreicht Vinyl Wachstumsraten, die an die von Downloads herankommen. Mit was? Indie.

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Elektronische Lebensaspekte.