Die Synchronisations-Kultur ist am Ende
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 119


Bild: Gadgets 2007 (Headset von FOMA-Handy von NEC, nur für´s japanische 3G-Netz), Text: Aus dem Jahresrückblick 2007 in De:Bug 119.

Ich tippe auf Hannover. Irgendwo da muss es eine Farm für Synchronsprecher geben. Dort liegen die deutschen Stimmen von Jack Bauer, Hiro Nakamura, Michael Scofield, Nancy Boldwin oder Fernando Sucre den ganzen Tag am Tropf der Langeweile, schauen aus dem Fenster auf die langweiligste Landschaft der Welt, essen langweilige Dinge. Mit der Droge der Durchschnittlichkeit werden sie so lange bearbeitet, bis sie im Synchronstudio dann wattiert genug im Kopf sind, um die grottenschlecht adaptierten Dialoge großer US-Fernsehserien mit maximaler Negativ-Emphase den Schauspielern in den Mund zu legen und eine ganze Nation an die P2P-Netze zu nötigen.

Die Synchronisations-Kultur in Deutschland ist am Ende. Komplett und endgültig. Hatte Captain Kirk noch Style, Columbo überzeugende Gutmütigkeit und von mir aus Bart Simpson einen eigenen, sendefähigen Charakter, geht seit Jahren im deutschen Fernsehen alles schief. Mit professionellem Desinteresse werden alle Alleinstellungsmerkmale der Fernseh-Charaktere im Fließband-Mörser bis zur Unkenntlichkeit zerrieben. Man könnte fast glauben, alle amerikanischen Schauspieler sind begeisterte Kleingärtner und Scientologen, denen in einem jahrelangen Training anerzogen wurde, dass der heilige Gral ihrer Karriere die vokale Gleichschaltung sei und Jack Bauer eben nur dann überzeugen kann, wenn er klingt wie ein Praktikant der Freiwilligen Feuerwehr Paderborn. Eine Lösung scheint es nicht zu geben. Es wäre einfach, die Schuld den privaten Sendern in die Schuhe zu schieben und ihrer Wirtschaftlichkeits-Doktrin anzulasten. Aber auch Veronica Mars klingt im ZDF wie Heidi auf Metadon.

Und bei “Heroes” reden die Japaner plötzlich Deutsch! In bester Päneler-Tradition. “Och, müssen wir jetzt echt die Welt retten? Boaahhh, laaaaangweilig, ey.”

Es geht nicht darum, den Slang und den Duktus des Originals zu imitieren. Auch das ist in der Vergangenheit überzeugend schief gegangen. Wo sind sie hin, die Sprecherinnen und Sprecher, die sich die Zeit genommen haben, sich mit ihrer Rolle auseinander zu setzen, wo sind die Redakteure hin, die sich bemühten, die Dialoge angemessen zu übersetzen, und wo sind die Synchron-Regisseure, die mit der Peitsche hinter den Sprechern standen und Herzblut forderten? Neulich durch Zufall “Prison Break” auf RTL geschaut. Den Anfang. Die Eröffnungs-Sequenz ist im Original nicht schlecht. In Deutschland aber singen da zwei sabbernde Schmuse-Rapper irgendwas von “Ich rette dich” und “Ich glaub an dich”. Gut, auch Heidi und Captain Future hatten in Deutschland andere Lieder als Opener, aber Christian Brunn konnte wenigstens Songs schreiben. Devise 2008: abschalten und zu seiner Torrent-Sucht stehen.

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Elektronische Lebensaspekte.