Re-Konventionalisierung der Gesellschaft
Text: Jan Joswig aus De:Bug 119


Bild: Gadgets 2007 (GPS-Modul, das die Position von Kindern oder Ehemännern im japanischen 3G-Netz ans Handy meldet), Text: Aus dem Jahresrückblick 2007 in De:Bug 119.

Vor ein paar Saisons geisterte das Gespenst “Neue Bürgerlichkeit“ durch die Feuilletons. 2007 ist es Wirklichkeit geworden. Was ist daran interessant, wenn Paare um die dreißig plötzlich Kinder kriegen und in Kuschel-Kieze mit Öko-Siegel ziehen? Das ist einfach Älterwerden. Aber wenn diese gleichen Paare nur noch in Kleid und Anzug, beides farblich gedeckt, und mit Lederschuhen und Mantel zum Bäcker gehen und sich ängstigen, den Unterschied zwischen Blackwatch- und Burberry-Karo nicht aus dem Effeff zu beherrschen, dann hat die Re-Konventionalisierung der Gesellschaft gegriffen.

Parallel zum Terror der innenpolitischen Kontrolle setzt hier der Terror des ästhetischen Zwangskorsetts ein. Joschka Fischer konnte Anfang der 80er für Aufruhr sorgen, weil er Turnschuhe auf dem Polit-Parkett trug. Als in den 90ern die erste “New Economy“ durchstartete, konnte das niemand mehr nachvollziehen. Turnschuhe zum Anzug wurden Gang und Gäbe. Die steife Old Economy konnte abdanken und Casual Friday herrschte sieben Tage die Woche. Das bedeutete keine völlige Libertinage in Kleiderfragen. Es musste schon der Turnschuh von EB oder Bikkembergs sein. Aber diese relative Liberalisierung der Welt über dem Strich (Politik, Wirtschaft) eröffnete in angrenzenden Feldern (Jugend-Journalismus, Mode, Kunst) einen modischen Anarchismus, der in dem berüchtigten asymmetrischen Fetzen-T-Shirt mündete, durch das Berlin für eine halbe Saison zur internationalen Modemetropole aufstieg.

Danach streckte langsam die Re-Konventionalisierung ihre Fangarme aus. Und man war froh, dass die völlige Freiheit und Bezugslosigkeit wieder Verbindlichkeiten bekam, an denen man sich spielerisch reiben konnte. Vorher wusste niemand, wie lang eine Hose zu sein hat. Jetzt wusste es plötzlich jeder – und sprang mit dem Wissen um, wie es ihm passte. Mit dem Kittel-Jackett aus Freizeitmaterial begann es, dann kamen in Riesenschritten die Tuchhosen, Ballonröcke, Krawatten, Ankleboots, Trenchcoats, Handtaschen.

Und 2007 war das erste Jahr, in dem niemand mehr mit dem Wissen spielen konnte, sondern das Wissen ganz unspielerisch erfüllen musste, wenn er oder sie nicht als Paradiesvogel gebrandmarkt werden wollte. Was noch vor zwei Saisons modische Freiheit war, galt 2007 als clowneske Übertreibung. Die zweite New Economy rund ums Web2.0 kennt noch weniger Spaß als die erste (der Crash der ersten sitzt noch im Nacken) und die Re-Konventionalisierung hat ihren Terror-Status erreicht. Was wir davon haben werden? Ein Leinen-Hippie-Revival parallel zur Grundversorgung. Das wird erst mal Terror.

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Elektronische Lebensaspekte.