Deutsche Stammtisch-Blogger in Aktion
Text: Janko Röttgers aus De:Bug 119


Bild: Gadgets 2007 (Bewegungssensor-Modul des Baukasten-Handhelds von Bug Labs), Text: Aus dem Jahresrückblick 2007 in De:Bug 119.

Anfang 2006 hatte jemand bei der Bremer Medienagentur Construktiv eine dumme Idee. Construktiv war damals dabei, die Social-Bookmarking-Seite Del.icio.us für den deutschen Markt zu kopieren. Aus unerfindlichen Gründen entschied man sich dafür, den geklonten Dienst “Mister Wong“ zu taufen, komplett mit grinsendem Cartoon-Chinesen als Logo. Sensiblere Geister fragten sich schon damals, warum ein deutsches Start-up einen Chinesen als Maskottchen und Namensgeber wählt. Ihnen fiel auch auf, dass der Zeichentrick-Wong gut zu dem Stereotyp des hilfreichen und unterwürfigen Chinesen passt – komplett mit Schlitzaugen, freundlichem Lächeln und leicht gebeugter Haltung. Fehlt eigentlich nur noch die Rikscha. Oder eben der kleine Penis. Dem Construktiv-Team entgingen diese feinen Details offenbar. Klar, wer so viel Zeit in das Kopieren eines Geschäftsmodells steckt, kann sich nicht auch noch um die Herkunft des eigenen Maskottchens kümmern. Zum Glück nahmen einige US-Blogger Mister Wong diesen Job im Mai ab. Das Blog “8 Asians“ (www.8asians.com) hielt Logo und Namen für einen schlechten Witz und kommentierte: “Das ist, als ob der Ask.com Butler und Uncle Ben einen illegitimen asiatischen Sohn hätten.”

Im Juli startete Mister Wong dann einen Ableger in den USA, und plötzlich war die Debatte um Namen und Logo auch in Mainstream-Blogs präsent. Construktiv wachte auf, entschied sich für einen klaren Schnitt, trennte sich vom Logo und veröffentlichte eine Entschuldigung. Damit hätte die Affäre eigentlich zu Ende sein können. Doch Mister Wong hatte die Rechnung ohne die Stammtisch-Fraktion der deutschen Blogosphäre gemacht. Diese beschwerte sich lauthals darüber, dass die Firma zum Opfer des US-amerikanischen Political-Correctness-Imperialismus geworden sei. Rassistisch sei nicht das Logo, sondern die Kritik daran.

Überhaupt: Rassismus in Deutschland? Das gab’s doch noch nie! So fragte ein erregter Blogger: “Wer zum Teufel hat denn was gegen Asiaten oder speziell Chinesen!?” Na, ganz bestimmt nicht die Jungs aus Hoyerswerda und ihre klatschenden Nachbarn. Sicher auch nicht das Mädel, das sich über den “Chinamann” lustig macht, wenn ihr der vietnamesische Straßenhändler in der Berliner Mitte-Bar Blumen anbietet. Und erst recht nicht der Spiegel, der Chinesen in Deutschland gerne mal in Titelstories pauschal als “gelbe Spione” anprangert. “Ich finde es schade, dass Mister Wong einfach so einknickt”, befand mehr als ein Blogger. Andere fragten sich allen Ernstes, wie viele Asiaten es denn in den USA überhaupt gebe und ob man wirklich auf sie hätte Rücksicht nehmen müssen.

Den Vogel schossen schließlich die obligatorischen Verschwörungstheoretiker ab. Deren Fazit: “Das Ganze wurde von Yahoo inszeniert”, denn schließlich arbeite einer der US-Blogger “mit offensichtlich asiatischer Abstammung” bei dem Konzern. Und hat mal einer deren CEO angeschaut? Der asiatisch-amerikanische Kulturimperialismus lauert eben überall. Leider haben die gelben Spione sich noch nicht daran gemacht, deutsche Blogs zu kopieren. Sonst könnten wir 2008 auf solche Dämlichkeiten verzichten.

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Elektronische Lebensaspekte.