Früher war er bekannt als der Sänger der "Kings of Convenience", dem norwegischen Traum jedes Pferdeposter-Halters. (Reicht es nicht nur zum Poster, sondern zum Pferd selbst, ist das Mundharmonika-Bootleg von Viggo Mortensen natürlich die erste Wahl.) Längst ist Erlend Øyes strubbliger Insektenkopf aber auch zur Fata Morgana jedes schlaflosen Afterhour-Ravers geworden. Mit Highfish als "The Whitest Boy Alive" oder mit Phonique durchstöbert er die Welten elektronischer Clubmusik. Jetzt wird er auch noch zum singenden DJ.
Text: Sami Khatib aus De:Bug 82

Der schüchterne One-Night-Stand

Es gibt Brillen von Charme und Scham mit Brillen. Und es gibt Erlend Øye. Der norwegische Wahlberliner hat derlei Dialektik gekonnt ausgetrickst und spielt diesmal mit bekannter Ausnahmestimme und neu erworbenem DJ-Handwerk zur integrierten Einmann-Show auf. Musste er für sein letztes Album “Unrest” noch sämtliche Producer von Morgan Geist bis Schneider TM selbst abklappern, reichen diesmal Studio, Mikro und zwei Turntables, um die begehrte DJ-Eignungsprüfung abzulegen. Auf seinem neuen Mix-Album für die “DJ-Kicks“-Reihe von K7 lässt der ”Kings of Convenience”-Sänger die Images eindeutiger Zuschreibungen zwischen Indiepop und Housetrack genüsslich zerschmelzen: Eigens für diesen Zweck produzierte A-Cappella-Stücke treffen auf Ricardo Villalobos Monumentaltrack “Dexter”, Röyksopps “Poor Leno” oder Justus Köhnckes “2 After 909”.

Debug:
Wie ist das Gefühl, als Sänger und DJ im Club aufzutreten? Ist dir die klassische Konzertsituation Singer-Songwriter / Publikum irgendwann zu statisch geworden?
Erlend:
Ich schätze die Clubsituation, vor allem wenn mein Gesang so funktioniert, dass die Leute nicht mir, sondern ihrem Tanzen die meiste Aufmerksamkeit schenken. Auf Konzerten kehre ich dagegen dem Publikum oft den Rücken zu …
Debug:
… was manchmal missverstanden wird. Ein roter Faden deiner Presserezeption ist tatsächlich deine vermeintliche Schüchternheit. Spielst du nicht auch ein bisschen mit der Vorstellung vom süßen Emo-Indie-Boy?
Erlend:
Wer? Ich! Wo steht das?
Debug:
In einigen Artikeln wird das Bild vom introvertierten Scandinavian Folk-Singer kolportiert. Womöglich liegt es auch an deiner Brille …
Erlend:
… in erster Linie wohl an meiner melodischen, Song-orientierten Musik. Die Tatsache, dass ich diese Brille trage, ist doch Beweis genug, dass ich gar nicht schüchtern bin. Mit dieser Brille wirke ich auf die Leute vielleicht eindringlicher. Früher hatte ich noch eine andere mit schmalerem Rahmen, etwa wie deine. Ich verlor sie, als ich in Manchester mit ein paar Kids zusammentraf, in deren Augen ich allzu “anders” aussah. Das Ergebnis war eine gebrochene Nase nebst demoliertem Brillengestell. Fuck you, dachte ich, jetzt erst recht, dann trage ich halt diese Brille.
Debug:
Zu Recht, sie bietet ja auch einen guten 200 Grad Panoramablick, fast wie bei teuren Kontaktlinsen …
Erlend:
… sind die immer noch so teuer?
Debug:
Wenn sich dein Album ordentlich verkauft, müsstest du dir auf jeden Fall welche leisten können.
Erlend:
Hah, du glaubst gar nicht, wie teuer das Album für mich war. Mit den Studiozeiten, Neuaufnahmen, Neuequipment etc. habe ich schon mehr ausgegeben, als ich als Vorschuss bekommen habe. Aber um auf meine Schüchternheit zurückzukommen: Wo stand das? Bestimmt in einem deutschen Artikel, oder?
Debug:
Ja, in Debug aber nicht, Ehrenwort.
Erlend:
Wahrscheinlich ein Magazin, das mich eher in einen Indiekontext einordnet. Für die sind alle Musiker schüchtern. Es ist sehr leicht, einen solchen Eindruck zu bekommen. Mit Kings of Convenience haben wir dieses Image zwar nicht offensiv befördert, aber auch nichts dagegen unternommen.
Debug:
Dein Publikum, solo oder mit Kings, ist verglichen mit Technopublikum sehr feminin.
Erlend:
Ja, sogar der männliche Teil des Publikums. Ich habe ja auch diese weiche, romantische Seite. Wenn ich ausgehe, bin ich sicherlich ein anderer Mensch, als wenn ich zu Hause bin. Das Publikum erwartet ja tatsächlich so etwas wie den schüchternen Nerd-Boy, was für mich auch Probleme mit sich bringt. Wie bei vielen anderen Männern gibt es Zeiten und Situationen, in denen du mit einer Frau nach Hause gehen möchtest, ohne ihren Namen oder Telefonnummer zu kennen. Die Frauen denken aber, ich wäre zu sensibel. Eine blonde Frau mit großen Brüsten hat vielleicht das gegenteilige Problem, wenn sie sich wirklich in jemanden verliebt. Die Frage ist immer, woran ist der andere interessiert, was sind seine Erwartungen an dich?

Images und Erwartungen wirken und führen meist ein garstig Eigenleben, nicht nur bei Brillenträgern. Mit “DJ-Kicks“ dürfte es dem Szenegrenzgänger gelungen sein, olle Bipolaritäten wie Intro-/Extrovertiert, Zuhause/Club oder maskulin/feminin dahin zu packen, wo sie hingehören: aufs Mischpult.

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Elektronische Lebensaspekte.

Stetig besucht der skandinavisch-introvertierte Erlend Øye das garstig kühle Berlin und erwärmt uns mit seiner bebrillten Herzzerissenheit. Dass er bei einem Auftritt zur ”Sinead O’Connor im Schafspelz”-Heulbojen-Nummer gezwungen wurde, war aber eigentlich keine Absicht.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 69

Der Junge mit der Gitarre
Erlend Øye singt die skandinavische Rhapsodie

In manchen Restaurants passiert eigentlich nichts, was nicht auch in anderen Restaurants passieren würde. Na gut, es gibt nur ein Hauptgericht, indisch-ostfriesisch, und das gesetzmäßig mit Kartoffelbrei, die Bedienung kommt einem eher spanisch vor in Ringelshirt und Gummistiefeln und der Unfähigkeit, sich zu merken, wer Indisch-Ostfriesisch mit nordfriesischem Pilz und wer Indisch-Ostfriesisch mit nordamerikanischem Cranberry-Whiskey geordert hat, und vor der chinesischen Dekoration sitzt ein ehemaliges “Einstürzende Neubauten”-Mitglied (habe ich mir einschwätzen lassen) als imposanter Buffalo Bill-Impersonator, der ohne jeglichen Ironieverdacht Country, Punk und A-ha aus der Laptop-Jukebox bolzt. Sonst aber alles wie in jedem anderen Restaurant auch – und trotzdem fühlt man sich affektkitzelig angestachelt wie im besten Club. Toll. Manchmal steht auch ein lebensechter Musiker oder DJ zwischen Kartoffelbrei und Buffalo Bill. Dann schaltet das Barpersonal von der Jukebox auf die Live-PA um. Zweimal schon stand da ganz ohne Aufhebens diese Indie-Ikone, die das missing link zwischen A-ha und Punkballaden personifiziert, in ihrer ganzen 1,96m-Person mit 19,6 Zoll-Brille und mit 1,72m-Struppelkumpel (remember Simon & Garfunkel), und softlakonieschmachtet sich hinter die gelockerten Krawatten und abgespreizten kleinen Finger, die gerade “voulez-vous coucher avec moi ce soir” oder “fuck the police” in den Kartoffelbrei schreiben – alles megareflektierte Popaktivisten hier. Edle Einfalt und stille Größe in Berlins Mitte-Kantine. Toll. Die beiden spielen, der eine singt, “wie ein Engel auf Rädern”, flüstert mir meine Begleitung zu, die eine Menge von Rädern versteht, der Kreis zieht sich ehrfürchtig enger um die beiden Musikusse.

Störfall in Mitte

Plötzlich Atombombe, Supergau, Rumsfeld und Bin Laden über Berlin: Jemand hat von der Live-PA auf Jukebox zurückgestellt. Abgewürgt und überrumpelt stehen die Musiker da. Mitten im Konzert, mitten in der lyrischsten Herzensversenkung, der kollektiven. Bruch, Riss, Scheiße. Okay, glauben wir statt an Weltuntergang lieber an “Verstehen Sie Spaß?”. Halten Ausschau nach Frank Ekling, oder wie dieser silbergraue Elder Statesman-Moderator mit der Charmeurpenetranz eines Heizdeckenverkäufers heißt, und glauben an das gute Spiel. Die Indie-Ikone, die, wie mir Vertraute vertraulich versicherten, eher der schwierige Genie-Introvertierte ist, der in seinem Gitarrenbauch lebt, hub sichtlich irritiert, aber gefasst wieder an. Nur noch halbtoll.
Und dann der Supersupergau, die USA ziehen ihre Truppen aus Südkorea nicht ab ins Irak-Nachbarland Kuwait, weil, das haben sie den Südkoreanern versprochen, sagen sie. Dabei ist die Rechnung doch so, wissen hier alle unter dem Eindruck des Supersupergaus: Die USA lassen ihre Truppen nur da, damit sie sie nach dem Einkochen des Iraks nicht mühselig und kostspielig zurück zur nächsten scheinlegitimierten Front Nordkorea verfrachten müssen, das sauungute Spiel. “Why did you come along? It wasn’t for me”, singt das irakische Volk, dem Bush Rinderhirten-mäßig die adäquate Führung verspricht; singt die 1,96m-Popikone.

Verweinte Brillen sind tapfer

Und wieder wird der Saft nicht abgestellt, aber umgestellt auf die Jukeboxbeschallung, zum zweiten Mal, mitten im Liveset, mit System. Und kein Fritz Ekling weit und breit. Das ist weltpolitisches Mobbing, das hier vor aller Augen durchgezogen wird! Voll untoll.
Und doch, des getrübten Auges Träne seift die Stimme, die Giraffe im Schafspelz reift zur Sinead O’Connor im Schafspelz. Eine Träne geht auf Reisen, von Produzent zu Produzent, bis zehn Produzenten voll sind.
Aus diesem Drama des erdballerschütternden Alltags speist sich Erlend Øyes Soloalbum, vorsichtshalber mit elektronischen Gastproduzenten und ohne Gitarre aufgenommen. Was ihn in seiner Künstlersensibilität gerettet hat? Meine Begleitung entführte ihn auf ihren Rädern zum Sternezählen auf die Anhöhe weit, weit jenseits von den Gemeinheiten menschlicher Misskommunikation, putzte ihm die verheulte Brille und malte ihm ein paar EQs auf den Gitarrenbauch. Und? Niemand muss mehr sterben. Es leben die Kings of Convenience, es lebe Erlend Øye, es lebe das White Trash Restaurant, es lebe meine Begleitung.

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