Text: Nico Haupt aus De:Bug 19

Das grüne Houseboat aus Münster Erobique schreibt Soundtracks, zu denen Jaques Tati Drogen genommen hätte Nico Haupt netzkraut@duesseldorf.heimat.de Foto: Astrid Milewski Erobique ist ein Lieber. Was ja heute nicht mehr treffsicher als Beleidigung oder Understatement kategorisiert werden kann. Der gute Mensch hat jedoch keine Jane Fonda-Homevideos zuhause oder ist besonders sportlich veranlagt. Das, was Carsten Meyer jüngst auf dem überwiegend hiphop-orientierten Label Deck 8 hingelegt hat, zeugt dennoch von meisterhafter Akrobatik. Ohne aufdringlich disco- oder electroid zu klingen, schaffte er ein brilliantes Erzeugnis mit Zitaten, die eigentlich keine sind, uns jedoch an verschiedenste Epochen erinnern. Fast zeitgleich zum Kinohit “Studio 54” veröffentlicht, hört man Tracks, die nur beim ersten unaufmerksamen Hören wie eine Persiflage klingen. Auf seiner Platte “Erosound” stimmt er treffsicher den Groove an. Erobique kommt rum und trifft Leute wie Gautsch, Fischmob oder Holger Hiller und kollaboriert mit ihnen auf die unterschiedlichste Weise. Gautsch bearbeitet einen Track, Hiller wird nur in einen Musiktalk verwickelt hat. Und dennoch: Auf dem “Lovesong” könnte Hiller Pate gestanden haben mit seinem schiefen Gesang, wie man es am schönfiesesten von der ersten Palais Schaumburg-Platte kennt. “Grünes Winkelkanu” wird zum schrägen, abgehackten green Houseboat. Erobique spielt mit angenehmen, moog-angehauchten Sounds, die gleichzeitig locker knarzen und knistern können. Eine Maxi, Bestandtteil der CD, widmet sich französischen Automodellen, auf “Funky Piependeckel” lässt er Bänder rückwärts laufen, und man hört schon fast den schmierigen Übergang von 79 nach 80 raus. Klar, auch das war Disco, es wurde wavig und der Roland regierte. Erobique hat seine Schulaufgaben gut gemacht. Und er ist auch romantisch. Als überzeugter Münsteraner, der mit der übrigen Musikszene nichts am Hut hat, widmet er einen Track seinem Nachbardorf Greven, und in “Dümmercamping” glaubt man, alte Hancock-Soundtracks oder Jaques Tati im Urlaub herauszuhören, der sich gerade eine Wasserpfeife angezündet hat. Erosound ist für 1999 das, was die Briten so noch nicht hinbekommen haben , die Deutschen zu jazzlastig trieben und Franzosen zu glatt verbastelten. Egal ob Erobique bei Money Mark, Acid Jazz oder sonstwo landen wird, er wird ein bescheidener Kerl bleiben, mit dem man gern ein Bier trinken möchte. Hier beginnt die wahre zirpende Easy Listening-Reise für das neue Millennium. Dann gehen wir erst an Land. Man möchte förmlich im Fahrstuhl stecken bleiben, mit seiner Ex-Freundin dort herumknutschen, über alte Odyssey-, Isley Brothers- und Chic-Platten sinnieren und sich darüber grämen, daß Disco so zur Massenkaschemme verkommen mußte. Erobique, ãErosoundÒ, ist bei Deck 8 / RoughTrade erschienen. DJ-Termine im Januar

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Elektronische Lebensaspekte.