Text: riley reinhold aus De:Bug 03

Ersatz Audio

Making Business Our Music

Es geht um Adam Miller, jenen Mann der es geschafft hat, in Detroit eine Art von Electro zu erfinden, die mathematisch beseelt immer wieder auch Pop Heroen wie Gary Newman, Visage oder John Fox zitiert und somit eine Außnahmestellung innerhalb des Genres Electro etabliert hat. Der ehemalige Kunststudent mit Abschluß, der sich gerne dem ‘Hard Edge Geometric Painting’ widmet, bezeichnet seine Musik selbst als sauber, intelligent und nicht didaktisch. Nach Adam Millers Auffassung gilt es, den ursprünglich aus den 80ern kommenden Synthy Pop weiterzuentwickeln und auszuschöpfen, b.z.w. dessen kompositorische Taktik. Im Unterschied zu vielen Electro Bands aus den USA hat man die Tragik bewußt aus den Stücken verbannt und eine komödiantische Form des Ausdrucks gewählt. Die Bezeichnung von Past-Playful, also über die Grenzen der Verspieltheit hinaus gehend, kam von einem Freund aus Detroit und beschreibt für Adam Miller die Qualität eines Großteils seiner Stücke.

Im Unterschied zu vielen amerikanischen Electroproduzenten, besitzt Adam Miller nicht den klassischen Background für eine Musik wie Electro – hat ihn nie wirklich besessen. Stattdessen bleibt er einer Frage nach den Einstürzende Neubauten nichts schuldig, denn seine Liebe in den Achtzigern galt New Wave und Punk. Darüber hinaus ist die Tatsache, daß er sich mit seiner Musik keiner direkten Zielgruppe verschreibt, keine Musik für die Öffentlichkeit schreibt, sondern wie er es sagt, Kunst für andere Künstler macht, eine ungewöhnliche Voraussetzung, die bisher ihre Früchte in exzellenten Platten getragen hat. Ein auffallendes strategisches Merkmal seiner Stücke ist die Fähigkeit sich immer für kurze Zeit dem Hörer zu verweigern, um dann, als wäre nichts gewesen, nachzugeben. Eine solche humorvolle Eigenschaft, mit der man selten genug bei zeitgenössischer elektronischer Musik verwöhnt wird, findet man stärker in der Independent (Gitarren) Kultur. Diese Auffälligkeit hat er für sich selbst in dem Terminus ‘Perpetual Postponed Gratification’ festgehalten. Nach einem halben Duzent erschienener Platten (Artificial Material), die von ihm und seinem Freund Ian ( Le Car) von Kim Serano (Ersatz 003/Abschlußarbeit für das Oberlaine College Of Music.) und Third Electric kamen, eilt ihnen ihr Ruf voraus, die Innovativsten auf dem Electro Sektor zu sein. Ihr szene-unabhängiges Arbeiten, sie gehören weder der Underground Resistance, noch der Direct Beat, DJ Godfather oder Ectomorph Possee an, hat dazu beigetragen, daß jede Platte für sich ein unkompromisloses Stück Kunst ist. In Europa ist Ersatz Audio längst auf einen Kult-Status avanciert. Alleine 70% und mehr von seinen Platten werden nach Europa exportiert. Laut Adam Miller plant man in der nahen Zukunft Platten in kleineren Abständen zu veröffentlichen. Seine Platten, unter dem Namen Artificial Material auf seinem eigenem Label Ersatz Audio, haben dazu geführt, dass er sich vor Compilationsbeiträgen derzeit kaum retten kann. Stücke für Electrecords (Köln), Interdimensional Transmission (Detroit), Sabotage (Wien), Serotonin Loop Compilation (New York), Rough Trade- Advanced Vol. II, e.t.c. sorgen dafür, daß es ihm momentan etwas zuviel wird, obwohl er täglich Stücke produziert die gut genug sind, um sie wegzugeben. Seine Arbeiten auf Ersatz Audio und seinem Sublabel Monoplaza, daß ursprünglich als Output für etwas anders geartete Musik gedacht war, haben sich momentan angeglichen. Wie er selbst sagt, ist der Pfad zwischen beiden sehr schmal geworden. Was mit Monoplaza in Zukunft passieren wird, weiss er nicht. Momentan produziert das Projekt Remixbeiträge, und12″s wie z.B. für das Wiener Label Sabotage, daß als erstes europäisches Label den Kontakt zu ihnen hergestellt hatte. In diesen Tagen ist ihr Mini-Album mit zehn Stücken auf Sabotage erschienen, das sich als Konzept dem 80er New Wave widmet und da besonders der ‘Metamatic’ LP von John Foxx (ehemals Member bei Ultrafox, siehe Review!). Von den zehn Stücken der Platte sind vier dem Thema ‘Haushalt-Roboter’ gewidmet, sprich dem Aufräum- Roboter, dem Roboter der in der Garage am Auto arbeitet, der Food Machine, die kaputt ist und dem Roboter-Arzt der neben dem Sterbebett steht. Beim letzteren, “Final Auto Attendant”, hört man das Sample “Mama” aus Ingmar Bergmanns Film ‘Das siebte Siegel’, der sich explizit mit dem Tod beschäftigt. Vom Konzept her beginnt die Platte temporeich und endet in langsamen Beats. Ein änliche Abstufung zeigt sich auf dem Vierfarb-Vollcover mit Rosen Motiv, daß Abstufungen von einer feinen bis zu einer großen Pixel-Auflösung zeigt. Auf der Rückseite findet man zwei Abbildungen von 80er Jahre Business-Gebäuden aus Detroit, die für Adam die Quintessenz dieser Epoche beinhalten. Interessant in dem Zusammenhang mit Le Car und so etwas wie eine kleine Geschichte am Rande von Adam Miller ist, daß sein selbstdesigntes Cover für die zweite Veröffentlichung von Le Car auf Monoplaza, daß in Cartoon Art zeigt, wie ein Truck einen Renault rammt, diese bedrohliche Situation tatsächlich vorwegnahm, sich ein halbes Jahr später in einer Renault Anzeige aus den 80ern eine änliche Darstellung fand, in irgendeinem dieser dubiosen amerikanischen Geschäfte, die ihr Leben mit dem Verkauf von Gegenständen finanzieren, an die ein Europäer noch nicht einmal beiläufig zu denken pflegt. Wer verschwendet einen Gedanken daran, daß es möglich wäre Werbung aus Magazinen herrauszureißen, um sie dann an einem Stand zu verkaufen? Die Überraschung war derartig groß, daß Adam Miller die limitierten Promos mit diesem Poster bestückte.

Klingen Geschichten über die Detroiter Partyszene momentan immer etwas wehmütig so mag Adam Miller dies in seinem Fall nicht bestätigen wollen, sondern muß zugeben, daß wenn er live spielt, was er nicht gerne tut, aber dann doch macht, nicht selten 1000 Leute in ein entlegenes, aber doch offizielles Warehouses kommen. Meist ist die Anlage derartig überproportioniert kräftig, daß es Spaß macht, obwohl er zugibt den extremen Bass Kick im Magen in seinem Alter (c.a. 30) nicht mehr zu brauchen. Außerhalb von Detroit hat er bisher in den USA noch nicht gespielt, was nicht daran liegt, daß er es generell nicht wollen würde, es aber dazu noch nicht kam. Die nächste Party in Detroit auf der Adam live zu hören sein wird, findet anläßlich der vierten und letzten Veröffentlichung der ‘From Beyond’ Serie des Detroiter Labels Interdimensional Transmission statt. Mit ihm zusammen werden IF aus Den Haag und andere der Serie auftreten. Ich treffe Adam und seine Freundin Nicola anläßlich ihrer ‘Tour 2000’, die sie mit Third Electric machen, einen Tag nach dem Auftritt im Kölner Kunstwerk, wo ihr digitales Equippment, daß er aus Platzersparnisgründen für die Tour benutzt, nach der Hälfte seines Auftritts den Geist aufgegeben hat. Um es optisch etwas interessanter zu gestalten und weil er das Knöpfedrehen generell ziemlich langweilig findet, singt seine Freundin durch den Vocoder. Trotz der technischen Schwierigkeiten gefällt ihm die Party und am nächsten Tag im Münchner Technoclub Ultraschall gibt es keine Probleme und die Resonanz ist ebenso groß.

Bei meiner letzten Begegnung in Wien mit Le Car, dem gemeinsamen Projekt von ihm und Ian Cinch, war man mit schmalem Schlips und Anzug aufgetreten, ganz im Sinne eines Gary Newmann, jetzt sitzt mir Adam Miller gegenüber mit hochgeklapptem Sonnenbrillen-Aufsatz, weinroter Boxershorts und könnte dem Sex Pistols Film Great Rockn’Roll Swindle entsprungen sein, was seiner Freundin auch zu gefallen scheint. Irgendwie sieht der Mensch durch seine kleinen delikaten Features durchaus englisch aus. Seine extrem markierten Nasen-Flügel hätte auch ein Sid Visious mit all seiner Anstengung nicht besser hinbekommen können. Schwarz markiert wie Striche sind seine kurzen Seiten-Haare und seine Brille schaut wie der Katzenaugenscheinwerfer eines Citröns aus. Smart ist wohl das Attribut für eine solche Person, die es verlernt hat, ihre klassische Bildung als Musiker in den Dienst der Aktivitäten bei Ersatz Audio zu stellen, aber ein eigenes System erfunden hat, Kompositionen schriftlich niederzulegen. Seine extrem flinke aber zugleich galante Art läßt ihn immer einen Zug schneller sein, als die meisten Menschen die ihm begegnen. Kurze Antworten liegen ihm mehr als jegliche Essays, wie er sagt und wie man selbst erfahren darf. Schmitzig vermerkt er, daß er Spaß gehabt hat, die Multible Choice Antwortkästchen während seiner High School Zeit kurvenreich mit einem Kringel zu versehen. Adam E Miller ist ein technikbesessener Workaholic, der fünf Tage in der Woche von 9-17.00 im Museum arbeitet und danach ins Studio geht. Anfänglich strukturierte er seine Stücke auf Millimeter Papier, wie geschehen bei seiner ersten Artificial Material, mit der Zeit kamen die Ideen auf natürliche Weise. Neue Veröffentlichungen auf Ersatz Audio kommen von einer Person, die schon auf Djax Up Electro Platten veröffentlicht hat und die man nicht nennen darf, sowie von Third Electric, Ian Robot, solo und ihm selbst, der sich einen neuen Namen suchen wird, weil es langsam Zeit wird. Zudem wird es eine Compilation auf dem New Yorker Label Serotonin geben, mit einem Stück von Le Car, Third Electric und Synapse. Für das ost-deutsche Label Science haben Le Car ein Stück für die kommende CD Compilation gemacht.

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Elektronische Lebensaspekte.