Als Minimal-House noch ein offenes Buch war, besetzte Perlon gleich mehrere Kapitel. Acht Jahre und vier Label-Compilations später raschelt es immer noch mit Vollgas zwischen den Buchdeckeln.
Text: Hendrik Lakeberg aus De:Bug 103

Thomas Franzmann alias Zip sitzt in der Küche seiner Kreuzberger Wohnung und bemüht sich, den Stress der letzten Wochen beiseite zu schieben. Die Vorbereitung für die Veröffentlichung des Label- Samplers ”Superlongevity 4“ laufen auf Hochtouren und die Folgen eines 25-Stunden-DJ-Sets an der Seite von Ricardo Villalobos im ”Club der Visionäre“ stecken ihm noch merklich in den Knochen. Irgendwann im Laufe unseres Gesprächs fällt folgender Satz: “Vom Gedanke ist Perlon eigentlich immer noch so was wie ein Hobby. Das hört sich nach so vielen Jahren bescheuert an, aber so ist es einfach.” Seltsam, eines der markantesten und wichtigsten deutschen Techno-Label der letzten Dekade mit weltweiter Strahlkraft und immer noch ein Hobby? “Ja, das Gute ist, dass weder Markus noch ich darauf angewiesen sind, von Perlon zu leben. Ich verdiene das Geld mit dem Auflegen und Markus arbeitet als Optiker. Wir können uns also unsere Unabhängigkeit bewahren und müssen die Releases nicht nach Verkaufbarkeit aussuchen.”
Das klingt plausibel, aber trotzdem: Vielleicht reicht der Begriff Hobby einfach nicht aus, um Zips Verhältnis zu Perlon treffend zu beschreiben. Und wenn, dann ist es mindestens ein mit Leidenschaft und störrischem Idealismus betriebenes Hobby. Schiebt man die Hobby-Koketterie jedoch komplett beiseite, dann ist Perlon eine verstreute Patchworkfamilie und Zip ihr antiautoritärer Pate, der im Hintergrund dezent und verantwortungsvoll die familiären Strippen zieht.
Perlon liegt mittlerweile fast komplett in seinen Händen. Label-Kompagnon Markus Nikolai konzentriert sich vermehrt auf das Band-Projekt ”Morane“ und seine Optiker-Läden in Frankfurt. Dennoch bleibt er weiterhin zentraler Bestandteil der langsam, aber stetig wachsenden Perlon-Familie. Und die versammelt sich fast komplett auf der vierten Version der Labelcompilation Superlongevity. Für Zip sind die Compilations festliche Familientreffen und die wichtigsten Labelrelease überhaupt. Wir nehmen den Status Quo unter die Lupe und kommmen der erratischen Deepness des Label-Sounds auf die Spur.

Debug: Es hat sich aber relativ schnell nach eurer Gründung ein charakteristischer Perlon-Sound entwickelt. Trotzdem finde ich, es ist sehr schwer, den auf den Punkt zu beschreiben. Wie siehst du das?

Zip: Ich finde es erst mal gut, dass man den schwer fassen kann, aber ich gebe dir recht, er ist natürlich da. Vielleicht liegt das einfach daran, dass wir gar nicht so viele verschiedene Künstler sind. Das allein reicht natürlich nicht aus und man müsste die Ähnlichkeit der verschiedenen Künstler erklären. Aber das ist schon ein wichtiger Faktor, dass man im Grunde ja nur so ein Haufen Leute ist, der neue Sachen macht. Das wirkt nach außen dann wie ein geschlossener Sound.

Debug: Der Perlon-Sound hat so etwas Erdiges, Organisches im Vergleich zu anderen Minimal-Labels. Es besteht eine indirekte Verwandtschaft zu House …

Zip: Ja, das ist auf jeden Fall wichtig. So von ’95 bis ’97, als ich angefangen habe, mich für die ganze Clubkultur richtig ernsthaft zu interessieren, bin ich als erstes mit House in Verbindung geraten. Eigentlich durch zwei Platten oder Erlebnisse. Wir tourten damals mit Bigod 20 – Markus Nikolais und meiner ersten Band – durch Amerika. Dort waren wir auf dem Major ”Sire Records“ gesignt. Wir wurden durch die Firma geführt und kamen an diesem obligatorischen Promoschrank vorbei. Man drückte uns die damaligen Veröffentlichungen des Labels in die Hand. Unter diesen Platten befand sich eine Baby-Ford-CD, das ”BFORD 9“-Album. Das war für mich eine ganz wichtige Platte.
Der andere große Einfluss waren Tapes, die mir mein Bruder geschickt hat, der damals in London lebte, alles Mitschnitte von DJ-Sets auf dem Piratensender Girls FM. Besonders beeindruckten mich die DJ-Sets von Luke Solomon. Die waren sehr houselastig, aber in so einer verrückten Spielart, mit unerwarteten Wendungen, dass manchmal völlig unklar war, was in dem Set als nächstes passieren würde.

Debug: Wie entscheidest du eigentlich, was auf Perlon veröffentlicht wird?

Zip: Ausschließlich nach persönlichem Geschmack, das hat sich ganz gut bewährt. Ich bin in der Beziehung relativ klar und lasse mir eigentlich nie eine schon fertige Maxi mit drei oder vier Stücken geben. Meistens wähle ich zwischen mehreren Tracks des Künstlers aus und bestimme die Reihenfolge dann komplett selber. Wie die einzelnen Releases aber zustande kommen, ist extrem unterschiedlich. Viele Perlon-Künstler wohnen in Berlin. Luciano, Ricardo Villalobos, Matt John und Cassy. Das sind Leute, mit denen ich häufig in Kontakt stehe. Wir sehen uns im Studio oder ich höre durch Zufall einen ihrer neuen Tracks. Ricardo zum Beispiel spielt neue, unveröffentlichte Stücke oft direkt von CD im Club. So höre ich ohnehin viel Musik und kann gleich einhaken und fragen, ob ich das nicht veröffentlichen kann.

Debug: Stellst du bei Perlon eine Entwicklung fest?

Zip: Mit Sicherheit gibt es eine Entwicklung bei jedem einzelnen, aber ich habe da keinen Masterplan, der das Label in eine bestimmte Richtung drängt, überhaupt nicht. Es gab sicher spezielle Veröffentlichungen, die andere Türen aufgemacht haben. Zum Beispiel Ricardos Album “Thé au harem d’archimedes“, das ich persönlich und nicht nur, weil wir es veröffentlicht haben, als Album wahnsinnig gut und geschlossen finde. Es hat total viel Spaß gemacht, das rauszubringen. Uns war natürlich klar, dass die Erwartungen, die sich mit Ricardos steigender Bekanntheit aufgebaut haben, unglaublich groß waren. Das Album kontrastiert das ja eigentlich ganz gut, und obwohl es so sperrig wirkt, verkaufte es erstaunlicherweise sehr gut und ist bislang unser erfolgreichstes Release. Es ist eben nicht die Platte, auf die sich jeder einigen kann, die auf jeden Fall gespielt wird. Genau das finde ich aber reizvoll.

Debug: Gibt es eigentlich so etwas wie eine Perlon-Philosophie?

Zip:Nein, ich glaube nicht. Das ist aber auch alles dauernd im Wandel. Am Anfang war das sicher so ein Family-Gedanke. Die ersten 20 Platten zumindest stammen fast komplett aus einem Kreis von so 10 Personen. Vielleicht kann man das ganz gut am Beispiel von den Demos beschreiben, die ich bekomme. Per Post ist es nicht möglich, uns welche zu schicken, da wir unsere Adresse nirgendwo abdrucken, aber Demos per E-Mail lassen sich nicht vermeiden. Ich bekomme immer wieder ganz nette E-Mails, in denen jemand ganz begeistert sein Stück anpreist und schreibt, dass das perfekt zu Perlon passen würde. Und man merkt einfach ganz klar, da hat jemand versucht, den Perlon-Sound nachzuahmen. Ich meine das nicht böse, aber das geht in den meisten Fällen total daneben.

Debug:Was interessiert dich an Musik?

Zip: Schwierig zu erklären. Die Atmosphäre, die ein Stück verbreitet, wenn ich es das erste Mal höre. Ich weiß eigentlich relativ direkt, ob ich Stücke gut finde oder nicht. Ein Stück muss für mich Gefühl haben, Seele, Wärme. Das sind alles blöde Worte, die abgedroschen klingen, aber ich finde, man kann schon einen Unterschied hören zwischen ganz grob gesagt musikalisch komponierten Stücken und solchen, die einfach nur nüchtern programmiert wurden. Es ist ja wahnsinnig einfach geworden, Musik zu produzieren. Das ist grundsätzlich auch nicht schlecht. Es führt aber dazu, dass unglaublich viel Musik existiert. Klar gibt es Leute, die setzen sich hin und machen nach einem Jahr schon so gute Musik, dass sie eine fast zeitlose Qualität hat, aber das ist sehr, sehr selten. Vielleicht ist Zeitlosigkeit etwas, das mir wichtig ist.

Debug:Deepness und Soul also als Hauptkriterien?

Zip:Ja, ein Gefühl, das ich natürlich nicht analytisch auseinander nehmen kann. Das hat ganz viel mit dem Mensch zu tun, der die Musik macht. Wie die Verbindung ist zwischen ihm und dem Stück. Ob das echt ist, ob er es geschafft, hat seine Persönlichkeit, seine eigene persönliche Idee von Musik auf dem Band oder im Computer festzuhalten.

Debug: Ich finde, Perlon-Stücke wachsen nach mehrmaligem Hören, brauchen oft Zeit …

Zip: In gewisser Weise gebe ich dir Recht. Das ist natürlich manchmal schwierig, weil viele Leute Platten, die nicht sofort ins Ohr gehen, gar nicht erst kaufen. Im Endeffekt finde ich aber genau das eigentlich gut: dass es gegeben ist, dass man sich länger mit der Musik beschäftigen muss, um sie richtig schätzen zu lernen. Das ist ja auch eine ganz gute Voraussetzung, um die Musik dann länger gut finden zu können. Musik ist für mich nichts Schnellebiges, das man einfach nur benutzt.

Debug: Musik sollte dem Hörer also etwas abverlangen?

Zip:Ja, zum Teil sehe ich das so, aber ich würde das auch nicht so klar aussprechen, weil ich nichts verlangen kann. Schon gar nicht von den Leuten, die unsere Platten kaufen.

Debug:Wo läuft Perlon gerade eigentlich besonders gut?

Zip: Japan ist zurzeit ziemlich stark. Unsere Verkäufe in Frankreich sind innerhalb der letzten zwei Jahre besonders gewachsen. Auffällig ist auch, dass in Italien viel mehr unserer Platten gekauft werden. Da findet so ein kleines Aufbegehren statt. Das merkt man auch daran, dass mittlerweile Perlon-Acts auf Parties gebucht werden, dass man sich traut uns einzuladen. Ich war kürzlich zum ersten Mal in Padua bei Venedig und habe zusammen mit Matt John in so einer richtigen Disco-Disse gespielt, mit Spiegeln und Kugeln, und irgendwie waren die Leute da auch genauso. Uns kamen erst die größten Bedenken, ob das funktionieren würde. Wir haben aber unbeirrt die heftigsten, komischsten Sachen gespielt und die Leute sind so richtig abgegangen. Das ist sowieso das Schönste, wenn man vor Leuten spielt, für die der Sound noch neu ist. Wenn es dann funktioniert, dann macht das unglaublich viel Spaß.

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Elektronische Lebensaspekte.