Beck's Green Box Project

Mit dem Green Box Project initiiert der Bierbrauer Beck’s rund um den Globus Kunst in den noch weitgehend unergründeten Gefilden der Augmented Reality. Der grüne Würfel ist dabei gleichzeitig Markenpräsenz und Schlüssel zur digitalen Erweiterung der Realität am Handy-Display, die im Umfeld der analogen grünen Boxen erlebt werden kann.

Als es an einem windig-frösteligen Dezemberabend auf der Kreuzung Tor-Ecke-Mollstraße knallt, haben wir wieder etwas gelernt. Über die einzigartige Konsistenz des Zufalls, über das Verhältnis von echter und digital erweiterter Realität und was uns in Zukunft noch alles auf dem Handy-Display erwarten könnte. Klingt kompliziert? Ist es tatsächlich ein wenig, aber immer schön der Reihe nach: Es geht um Augmented Reality (AR), die digital angereicherte Version der Dinge, die sich direkt vor unserer Nase abspielen, und welche Möglichkeiten sich in diesem neuen Raum für Kunst und Design eröffnen. Und um genau diese kreative Nutzung in der Augmented Reality nachhaltig zu fördern, hat der Bierbrauer Beck´s das Green Box Project ins Leben gerufen. Was Sinn macht, denn die digital erweiterte Realität ist ein gleichermaßen unbekanntes wie vielversprechendes Terrain. Künstler, Musiker und Designer haben gerade erst damit begonnen die Möglichen zu erkunden, die sich in diesem Feld eröffnen. Das Wissen um die Beschaffenheit der Augmented Reality ist derzeit noch so rudimentär, dass nicht einmal klar ist, ob es sich um einen neuen Raum, ein Medium oder um etwas völlig anderes handelt. Was die neuen Gefilde natürlich ungemein spannend macht, aber auch bedeutet, dass ein Unterfangen wie das Green Box Project sich nicht bis ins letzte Detail planen lässt. Beck´s leistet somit als Initiator echte Pionierarbeit, im Rahmen des Programms, das im Juli mit einer spektakulären Installation an der Freiheitsstatue in New York begonnen wurde, sollen in den kommenden Jahren insgesamt 1.000 AR-Projekte umgesetzt werden. Dazu soll sich der Kreis der Kreativen stetig erweitern, indem mit Bekanntheitsgrad des Projekts auch die Zahl der Einreichungen zunehmen. Welche Konzepte dann zum Zuge kommen, entscheidet eine Jury unter dem Vorsitz des Modefotografen Nick Knight und des Musikers Sam Spiegel.

 

Augmented Art?

Außerdem hat man sich vorgenommen, eine “neue Form der Augmented Art Galerie” zu entwickeln, wie Beck`s Manager Oliver Bartelt erklärt. Vorher gilt es allerdings noch, die Namensfrage befriedigend zu klären: Wie soll die Kunst im neuen digitalen Raum heißen? “Augmented Art” klingt stimmig, ist es aber nicht. Im Print könnte man aus “Augmented Reality Art” einfach “ARt” machen, dummerweise lässt sich das aber nicht vernünftig googeln, was im Sinne jugendlicher Witchhäuslichkeit vielleicht lustig ist, ansonsten aber schlicht unpraktisch. Aber auch wenn die Namensfrage noch offen ist, hat die Gestaltung bereits munter begonnen und nach 30 Green-Box-Installationen in amerikanischen und britischen Städten kam das Projekt Ende des Jahres auch in Berlin an. Womit wir wieder beim eingangs erwähnten, windig-frösteligen Dezemberaberabend wären, an dem die grünen Boxen mit einer Party im SoHo-Haus willkommen geheißen wurden.

Welche Realität?

Vom Raucherbalkon im zweiten Stock des SoHo-Hauses hat man einen Paradeblick über die weitläufige Kreuzung nahe dem Alexanderplatz. Aus dem Saal leuchtet es grün, hipper Slowstep und Gesprächsfetzen wehen durch die Balkontür und mischen sich mit den Verkehrsgeräuschen. Wir wollen gerade wieder hineinschlüpfen, als ein viel zu schneller Opel beim Abbiegen ein entgegenkommendes Taxi touchiert, sich tüchtig im Kreis dreht, um mitten auf der Kreuzung zum Stehen zu kommen. Noch bevor die Schrecksekunde vorbei ist, springt der Fahrer aus seinem Wagen und reißt theatralisch die Arme gen Himmel, als wäre dies das Ende einer wilden Verfolgungsjagd über US-Highways mit Live-Bildern vom TV-Hubschrauber. Die Geste lässt den Unfall noch surrealer wirken, als er es von unserem Logenplatz aus ohnehin schon war, da fragt man unwillkürlich: Ist das jetzt echt passiert? Oder hat da schon wieder jemand die Realität erweitert? Nach kurzer Verwirrung kommen wir schnell überein, dass da eben ein echter Unfall noch mal ziemlich glimpflich ausgegangen ist, schließlich hatten wir die Szene nicht am Handy-Display verfolgt, sondern technisch ungefiltert mit eigenen Augen. Also ist wohl gerade die reale in die erweiterte Realität eingebrochen und hat ausgerechnet so die Potentiale der Technik deutlich gemacht – zum Beispiel könnte in nicht allzu ferner Zukunft zu jeder Straße ein Unfallarchiv gehören, das vor Ort am Futurephone betrachtet werden kann. Vielleicht entwickeln sich daraus sogar neue Unterhaltungsformate und wir verbringen unsere Freizeit am liebsten an unfallreichen Verkehrs-Hotspots … abwarten.

Erweiterte Wahrzeichen

Um der prinzipiell allgegenwärtigen AR einen symbolischen Startpunkt zu geben, kommt beim Green Box Project der namensgebende grüne Würfel ins Spiel. Die markanten Quader mit exakt zwei Metern Kantenlänge signalisieren zunächst, dass es in ihrer Umgebung virtuelle Kunstwerke zu entdecken gibt. Dazu dienen die Kisten aber auch technisch als Trigger, wenn das grüne Quadrat mit dem Beck´s-Logo in einer Ecke von der Handy-Kamera erfasst wird, startet die “Beck’s Key App” (gratis für iOS und Android) das für diesen Ort maßgeschneiderte AR-Spektakel. Wo aus naheliegenden Gründen keine der Boxen zentral platziert werden kann, können die Bauwerke aber auch selbst diese Trigger-Funktion übernehmen, also etwa das Brandenburger Tor in Berlin oder die Freiheitsstatue in New York. Welche Möglichkeiten sich der Augmented Art beim Spiel mit solchen freistehenden, klar definierten Großstrukturen erschließen, hat der belgische Bildhauer Arne Quinze zum Auftakt des Green Box Project mit “Rock Strangers” gezeigt: eine 61 Meter hohe, abstrakte Flamme für die Statue of Liberty, die vor allem vom Wasser aus betrachtet zu beeindrucken wusste. Über dem Brandenburger Tor ließ unterdessen im Dezember das legendäre Künstler-Duo FriendsWithYou, das für seine Genregrenzen sprengenden Character-Designs bekannt ist, ein farbenfroh-fröhliches Figuren-Cluster namens “Magic in the Air” schweben und wabern – was man nach dem Stand der Planung aber leider nur bis zum 2. Januar erleben konnte, danach wurde die Installation “abgeschaltet” werden.

Virtueller Gelee

Auf dem Heimweg von der Berliner Green-Box-Party stolpern wir prompt noch einmal über das Thema: Neben der Installation am Brandenburger Tor gab es nämlich in der Tostraße auch noch die temporäre Appel Design Gallery, die ob ihrer monochromen, grünen Lichtaura nicht zu übersehen ist. Hier hängen eine Hand voll iPads im Schaufenster, auf denen die Geleeskulptur “Tropical Jellodrome” der britischen Food-Artists Bompas & Parr über dem obligatorischen grünen Würfel prangt. Die Installation hat einen eigenen, strengen Charme, allein weil sich mit den fixierten Displays die AR-Tricks nur abstrakt erschließt. Die Kombination aus vermeintlich strenger Konzeptkunst und aktuellen Gadgets erinnert uns daran, wie man als ins Museum mitgeschlepptes Kind auf Nam June Paik reagiert hat: so viele riesige, nagelneue Sony-Fernseher! Denkt man diese Analogie konsequent weiter, werden in 20 Jahren Sammler händeringend nach dem iPad 2 suchen, um die Werke der Augmented-Art-Pioniere stilgerecht betrachten zu können. Wer dann als AR-Pionier gilt, lässt sich heute naturgemäß nicht sagen, aber Quinzes “Rock Strangers” ist ein heißer Kandidat.

1.000 Projekte in den kommenden Jahren: Beck’s Green Box Project ist ein Mammutunternehmen, mit dem der Bierbrauer die faszinierende neue Welt der Augmented Reality für die kreative Gestaltung erschließen will und steht damit in bester Tradition vorangegangener Projekte wie der Beck’s Fashion Experience, Beck’s It oder der Beck’s Gold Urban Experience.

Die Verbindungen von Kunst und Technologie sind in den letzten Jahrzehnten immer wieder thematisiert worden, mit der Green Box aber geht man einen Schritt weiter und stellt das System von Ausstellungen und Kunstpräsentation auf den Kopf. Die erweiterte Wirklichkeit der Augmented Reality (AR) eröffnet die Möglichkeit, den Ort der Ausstellung neu zu definieren, Kunstwerke nicht sein, sondern erscheinen zu lassen. Und das überall, in einem weltumspannenden Netzwerk, das die verschiedensten Bereiche von Design, Musik und Kunst in einer technisch vermittelten und dennoch sehr direkten Form erfahrbar macht. Augmented Reality ist dabei mehr als nur eine neue technische Form, denn durch die Nähe und Vertrautheit mit Smartphones und Tablets und nicht zuletzt die direkte Interaktion mit den Kunstwerken wird – trotz scheinbarer technischer Distanz – die Erlebbarkeit von Kunst zur Erfahrung einer neuen Welt, die den “White Cube” durch eine grüne Box ersetzt.

Augmented Food Art

Diese Direktheit der Erfahrung ist gleichzeitig auch Motivation für die Künstler, die aus allen Gebieten kommen. Kreative aus den Bereichen Fotografie, bildende Kunst, Design, Mode, Musik, Architektur oder Illustration betreten die augmentierte Galerie mit einer spürbaren Faszination für das neue Medium und der Aufregung von Entdeckern, die ihre Schritte in unbekanntes Terrain lenken. Mit Craig Thornton ist sogar ein Chefkoch in den Reihen der Green-Box-Kreativen zu finden, die bereits erste Erfahrungen mit dem neuen Medium sammeln konnten. Thornton ist Küchenchef in Los Angeles und für Kreationen mit sehr rohem Charakter berühmt, insbesondere wenn es um die Zubereitung von Fleisch geht, zudem er seine Gerichte in einer Präsentation servieren lässt, die unzweifelhaft darauf aufmerksam machen, dass man gerade ein Stück Tier verzehrt. Der Küchenexzentriker Thornton nahm die Anfrage zur Gestaltung einer AR-Installation begeistert an, seine Arbeit namens “Wolves In The Snow” entstand dann auf der Basis eines Fotoshootings mit einem echten Wolf. Für den staunenden Betrachter ist es natürlich stimulierend, wie Kreative aus allen denkbaren Disziplinen bereit sind für das Beck´s Green Box Project ihre eigene Disziplin zu verlassen, mit einem anderen Medium zu arbeiten und neue Wege zu erforschen. Denn genau das ist es doch, was Technologie einem letztendlich erlaubt: darüber nachzudenken was man mit seinem Leben anfangen will, welche Medien und Tools man benutzt.

Weiße Leinwand

Für die meisten der bisherigen Künstler ist die Augmented Reality natürlich etwas völlig neues, weshalb Beck’s ihnen beim Green Box Project eine Crew kompetenter Techniker an die Seite stellt, die den Kreativen helfen, die Grenzen und Möglichkeiten der Plattform zu erkennen und das beste aus den jeweiligen Ideen herauszuholen. Der Mäzen als Medium einer neuen Form von Augmented-Art-Galerie und Sprungbrett in eine mögliche Zukunft der Kunst. Denn die digital erweiterte Realität ist ja im wahrsten Sinne eine nagelneue, unbeschriebene, weiße Leinwand. Und während man in den meisten Medien stets durch die physikalischen Gegebenheiten eingeschränkt wird, lösen sich die Beschränkungen in der Augmented Reality größtenteils in Wohlgefallen auf, womit sich der Kreativität neue, ungeahnte Möglichkeiten eröffnen. Bislang ist es ja vor allem eine gewisse Nutzbarkeit von Information, mit der sich die verschiedensten Softwares und Umsetzungen von Augemented Reality befassen. Einfachere Navigation im Raum, die Sichtbarmachung der uns überall umgebenden Informationsräume direkt abgebildet auf der vertrauten, sichtbaren Umgebung. Der Schritt, den Beck’s mit The Green Box Project geht, ist eine Öffnung dieses neuen, in Zukunft immer omnipräsenteren Raumes einer digitalen Umgebung für die gesamte Bandbreite der Kreativität.

Kunst am Himmel

Ein weiterer Faktor der Inspiration von Kunst durch Augmented Reality ist die Befreiung von den physikalischen Gegebenheiten. Auf der Ebene des realisierten Projektes, das es erlaubt, an einem Ort verschiedenste Bilder- und Klangwelten zu realisieren, Objekte physisch unmöglich zu morphen und Klang und Bild in freien Konstellationen miteinander zu verknüpfen. Dabei ist Augmented Reality auf eine Art sehr demokratisch und egalitär, weil sie der Kunst ermöglicht, überall stattzufinden: Man kann einfach über die Straße laufen und ein virtuelles Kunstwerk am Himmel sehen. Eine Befreiung, die gleichzeitig auch ermöglicht, sich mit den einmaligen Eigenarten bestimmter Orte auseinanderzusetzen, eine Beziehung zu bestehenden Objekten aufzubauen, einen Kommentar oder eine andere Sichtweise zu formulieren.

Artphone

Gleichzeitig spielt das Green Box Project schon durch die Form der Installationen mit der Verheißung einer neu zu entdeckenden Zukunft. Ausgelöst werden die Kunstwerke durch den Schlüssel im Wappen des Beck’s-Logos, der sozusagen den Schmuckkasten der Kunst zusammen mit dem eigenen Smartphone oder Tablet aufschließt und einem so den Zugang zu einer immer wieder überraschenden audio-visuellen Welt öffnet. Eine Box birgt ja in sich schon ein Geheimnis. Etwas das uns hoffen lässt, mit Empfindungen, Erwartungen und Geschenken spielt und so Kunst nicht als Aufgabe oder reine Erfahrung vermittelt, sondern als einen direkten persönlichen Bezug zur eigenen Handlung. Das alles wird verstärkt durch die Intimität und gleichzeitige soziale Allgegenwärtigkeit, die nur ein Gegenstand wie ein Smartphone vermitteln kann. Etwas, das wir immer und überall mit uns tragen und unsere Kommunikation und den Umgang mit der Realität immer mehr begleitet und gelegentlich auch bestimmt.

Jelly Architecture

Und so gehen die Kunstwerke des Green Box Project auf die verschiedensten Weisen eine Beziehung mit dem Betrachter und der Green Box als Objekt ein. Ein Projekt wie “Super AR Avatars” von Reed+Radar verwickelt einen zum Beispiel ins Spiel mit den verschiedenen Seiten des Quaders. Auf diesen müssen Zug um Zug Rätsel gelöst werden, um die nächste Ebene zu erreichen, was das Spielerische in der Augmented Reality Art zur Geltung bringt, die sich damit fast schon wieder einem Videogame nähert. Aber es gibt auch sehr direkte Formen, die einen einfach aufgrund ihrer unmöglichen Präsenz beeindrucken und die Absurdität, aber auch die Reinheit der Begeisterung in ein Objekt fassen. Wie Bompas & Parrs “Jelly Architecture”, bei dem ein monströser, einsamer Wackelpudding auf der Green Box vor sich hinwackelt. Im Laufe des Jahres wird das Beck’s Green Box Project als Installation und wandernde Augmented Reality Galerie weiter um den Globus ziehen und diese Art neuer Kunsterfahrung für jeden erlebbar machen.

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Elektronische Lebensaspekte.

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