Island exportiert zwar Sigur Ros, GusGus, Mùm oder Björk. Aber wohl nur, damit man im Lande nicht bei Punk und Bigbeat gestört wird. Ein komisches Land, in dem man sich durch Ankotzen das Schlangestehen vor den Clubs verkürzt. Debug hat sich mit Leib und Seele hineingeworfen.
Text: Fares Al Hassan aus De:Bug 66

Junge Mädchen schieben Kinderwagen durch die Straßen von Reykjavik. Dieser erste sonnige Festivaltag im Oktober schmeichelt mit Temperaturen unter dem Gefrierpunkt und es ist still, schick und modern in der nördlichsten Hauptstadt der Welt. Das soll das Ibiza des Nordens sein? Offensichtlich Norden, aber Party im Eis? Mein Sherpa, Ivar Orn aka Paraworld, Musiker in der Elektro-Formation LBH Krew, lacht. “Hey man, this land is full of contradictions. You gotta see, man.” Rund um die Stadt liegt ein weicher Moos-Flokati auf endlosen spitzen Lavafeldern.
Die Landschaft Islands ist brachial, doch nirgendwo wirken die Kontraste der Inselrepublik stärker als in Reykjavik. Futuristische Kirchen stehen neben Heimstätten für Elfen. Zehnjährige verehren gleichzeitig David Beckham und Saga-Autoren aus dem 13. Jahrhundert. Zwischen Mitternachtssonne und Dauerdunkel wird auf dieser Insel mehr gedichtet, gemalt und musiziert als irgendwo, und nirgendwo wird mehr Prozac verschrieben. Mit der Einwohnerzahl Berlin-Friedrichshains ist Reykjavik der Brennpunkt einer Musikszene, die die internationale Musikwelt begeistert und regelmäßig Björks, Mùms und GusGus in die Welt jenseits des Atlantiks schickt.
Unser erster Landeanflug führt uns in den Rockschuppen “Grandrokk”, zur Geburtstagsparty des legendären Bad Taste Labels. Während Bibi Curver auf 4 Turntabeln und diversen antiken Klangkörpern seine Beats in die Nacht sendet, erzahlt mir Sigi, alias Sigtryggur Baldursson, Ex-Drummer der Sugercubes, an der Bar von seinem aktuellen Projekt. Er werde, sagt er, die Rhimma, die komplexe tausendjährige isländische Reimform, in Perkussion umsetzen. Ich nicke verständnisvoll.
Ein paar Straßen weiter steigt im “Spotlight” die Thule Records Nacht. Unter nackten Männerkörpern präsentiert ILO, was ein gut gemischtes Knistern ausmacht, bald darauf abgelöst von Biogen, dem Thule-Highlight des Abends. Als die bessere Hälfte des Ex-Duos Ajax produziert Biogen Remixe für Sigur Ros und Mùm und bettet den Club für eine Stunde in einen sanften Ambientklang. So weich, dass wir fast Kritikal Mazz im “Gaukur ì Stong” (Papagei auf Stange) verpassen. Trotz Airwaves ist um eins Zapfenstreich in Reykjavik und Augen zu und schon ist Freitag.

Nette Leute, brachiale Sitten

Während der Norden der Insel von Schneestürmen geschüttelt wird, beginnt der zweite Tag mit Sonnenschein und der Präsentation des Debütalbums der Überraschungsband des Festivals. Das Apparat Organ Quartet lädt ein in den fünften Stock der noblen Bar “Apothek”. Die Mischung aus Kraftwerk, Trans Am, Steve Reich und italienischer Horrorfilmmusik hat den fünf Musikern in den bunten Anzügen einen Platz im morgigen Hauptprogramm eingespielt. Während die schweigsamen Herren auf uralten Stilophonen eine kleine Quadrille spielen, hüpfen sechs Mädchen der Ballettakademie im Takt dazu. Der Andrang vor Reykjaviks angesagtester Bar “Kaffibarrin” ist riesig. Seit Damon Albarn ca. 5% davon gehören, steht die Bar als Muss in jedem Reiseführer. Trotz Biggi Meira von GusGus an den Technics lässt es sich nicht lange aushalten zwischen Anzug-tragenden Wikingern und wir fliehen zur Punklegende Einar Orn ins “Idno”. Wie die meisten Isländer steht der Ex-Sugercube auf Deutschland, vor allem auf deutschen Punk. Es tut weh, den kreativen Kopf der Sugercubes die Neubauten kopieren zu hören.
Der beste Ort für späte Partyfreuden ist ein kleines Haus abseits des Laugavegur namens “Sirkus”, und es empfängt uns mit offenen Armen und übersteuerten Eurythmics. Die hier feiern, nennt man in 101-Rvk “Sirkus-Kid”. Die fröhlichen Gesichter und bunten Gestalten stecken an und der Strom der tanzenden Menschen dreht sich wie ein Strudel um die kleine Bar bis plötzlich ein Gong ertönt und Sikka, die 46-jährige Direktorin des Sirkus, uns mit harter Hand in den kalten Morgen entlässt. Die Straßen sind übersät mit Scherben. Auf dem Heimweg erzählt mir jemand, dass die Bar abgerissen wird und ich denke, scheiße.
Der Samstag steht im Zeichen des finalen BlackaliciousHivesGusGusFatboyAufgebots und beginnt mit Alka Seltzer bei einem der seltenen vier Stunden Konzerte des Minimal-Duos Vindua Mei im schneeweißen “Skapparin”. “We love Deutschland, die geben uns immer so gute Kritiken”, erzählt Runar. “Our new Album will therefore be called Germans are People too”. Abschluss dann im “Laugardalshoell”. Der Opener Blackalicious scheitert noch am steifen isländischen Publikum, die Hives mit Jagger-Imitator Ahlqvist rocken dann tatsächlich das Haus und übergeben die aufgetauten Isen an Heimspieler GusGus, die nur im ersten Song vom scheidenden Daniel Agust unterstützt werden. Routiniert lässt Fatboy Slim die blonde Meute schließlich doch noch in die Nacht kochen und grinst debil. Wir hauen ab.
Und noch während der Slim spinnt, brennt auf dem Laugarvegur still ein Haus ab. Das sieht irgendwie wunderschön aus unter dem kalten Vollmond.
Wir klettern über die Feuerwehrabsperrung. Bevor die verplante Polizei uns bemerkt, rauchen wir meine letzte Zigarette, schießen den letzten Film voll und aschen in das langsam gefrierende Löschwasser.

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Elektronische Lebensaspekte.