In Bremen kämpfen nette Menschen mit Gitarre und Synthesizer für Clubkultur und elektronische Musik, weil die gar nicht so stumpf und reaktionär ist, wie sich das norddeutsche Jugendzentren so vorstellen. Esel heisst das Label, auf dem diese sympathischen Visionäre ihre Musik jetzt endlich veröffentlichen können. Selbst ist der Norden.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 46


Bei Nacht im Eselstall
Das Label Esel aus Bremen

“Diese alte Szene um so Leute wie Thomas Schumacher, die bekommen von Esel eigentlich nicht viel mit. Die haben sich hier ihr ganz eigenes Unsiversum geschaffen. Obwohl…, als er meine 10″ im Plattenladen gehört hat, meinte er nur verächtlich: ‘Bäh, was ist das denn?'” Ein breites Grinsen macht sich kurz auf Dennis’ Gesicht breit. Warum sollte man auch aufgrund solch missbilligender Kommentare beleidigt sein, läuft es doch für Dennis’ Label, das auf den schönen Namen “Esel” hört, verdammt gut. Nicht, dass die tausend Einheiten pro Platte jetzt mit einem Wimpernzucken verkauft sind, aber Esel und seine Protagonisten James DIN-A 4, Astroturf, Caulfield und Hausmeister, haben sich in den letzten Monaten von Köln bis Berlin eine Menge Freunde gemacht mit ihren von Minimal-Techno bis kurzen verspielten Popsongs mäandernden Tracks. Und es werden mehr.

Die Bremer Stadtmusikanten
Anders als in vielen anderen Städten, gab es in Bremen schon immer eine Menge Ressentiments gegen Techno und Clubkultur. Clubs gab es kaum, aber Discotheken und vor allem Bars wie Sand am Meer. Die meisten Clubs sind etwas außerhalb in der Nähe des Hafens oder am Hauptbahnhof. Doch dort, wo sich ein Großteil des subkulturellen Lebens abspielte, im Steintorviertel, hatte elektronische Musik nie eine Chance. Der Generalverdacht und Vorwurf, dass Techno hedonistisch, entpolitisierend und überhaupt stumpf und reaktionär ist, hielt sich gerade dort erstaunlich lange, wo sich andernorts in ähnlichen Zusammenhängen längst unabhängige Netzwerke und Infrastrukturen gebildet hatten. Die Ideeolgiefeindlichkeit des Dancefloors wurde nicht nur misstrauisch beäugt, sondern auch als Argument gegen Techno in Anschlag gebracht. Lieber Agit Pop als grade Bassdrum.
Lange hat es gedauert bis sich neben den etablierten Technogrößen wie eben Thomas Schumacher oder auch Jens Mahlstedt eine kleine, aber sehr agile und heterogene Szene formiert hat, die sich so langsam ihre eigenen Strukturen schafft. Das reicht von einem Label wie Esel bis hin zu meist monatlichen, unkommerziellen Veranstaltungen. Fernab von Clubcoolness bringen sie eine Mischung von Menschen zusammen, die in anderen Städten kaum noch denkbar ist. “In Bremen gibt es sehr viel Potential. Als kleines Label kann man das vielleicht ein bisschen besser ankicken, weil die Hemmschwelle nicht so groß ist, etwas zu machen oder bei uns abzugeben. Es muss ja nicht alles gleich brilliant sein. Hier ist noch alles sehr offen und wenig ausdifferenziert. Das macht vieles möglich.”

Die Protagonisten
Die in Vinyl gepresste Geschichte von Esel beginnt mit einer 10″, die nicht nur den schönen und bezeichnenden Namen “Funky as Fuck” trug, sondern auch mit einem liebevoll gestalteteten, handgemachten Siebdruckcover aufwartete. Das war vor nicht ganz einem Jahr. Seitdem ist die Esel-Familie gewachsen. Teilweise durch Zufall, aber in dem muss man sich erstmal finden. Doch in einer Stadt, die wie Bremen eigentlich nur anderthalb relevante Plattenläden hat, läuft man sich irgendwann zwangsläufig über den Weg. So zum Beispiel geschehen mit Caulfield, der Ende letzten Jahres ein melancholisch poppiges Minimal-House-Debut auf Matthias Schaffhäusers Label “Ware” veröffentlicht hat. Er kannte Dennis vom Sehen, aber von seinem Label Esel und den Produktionen als “James DIN-A 4″ hatte er erst mal keinen blassen Schimmer. Mittlerweile ist die erste 12” für Esel aber im Kasten. Yippie.
Oder Astroturf. Astroturf – was frei übersetzt wohl Kunstrasen heisst – sind Silke, die durch gemeinsame WG-Zeiten von Dennis Umtrieben als Labelchef wusste, und Thomas. Entstanden als musikalisches Abschiedsgeschenk für eine Freundin, macht jetzt gerade ihre erste 7″ die Runde. Milchglasmurmelpop nennt Dennis das, und manchmal ist man froh, dass man solche Schubladen einfach mal kurz aufmachen kann, um damit alles zu sagen. Dennis selbst ist als “James DIN-A 4″ aktiv und hat nach der 10” schon zwei Mini-Alben auf dem Buckel. Minimal Techno, der zwischen Knistern, Kicken und Kleinteiligkeit alles kann. Und das mit großen leuchtenden Augen.
Neu in der Esel Familie ist Hausmeister, der im letzten Jahr schon mit seinem Album auf Karaoke Kalk für einigen Wirbel gesorgt hat und mit Goldfisch & Dulz warten schon die nächsten Kids darauf, Bremen mit Minimal Techno zu versöhnen. Es bleibt spannend im Eselstall.

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Elektronische Lebensaspekte.