ESG sind neben Liquid Liquid die Groove-Götter der "No Wave"-Szene aus dem New York der 80er. Von Miles Davis bis Wu-Tang Clan hat sie so gut wie jeder gesampelt, Bands wie Out Hud oder !!! wären ohne sie nicht denkbar. Jetzt zeigen sie mit brandfrischem Album, was der Takt in der Bronx noch immer geschlagen hat.
Text: Nikolaj Belzer aus De:Bug 104

Fünf Oberarme für einen Beat
ESG sind mächtig zurück

Da sitzt sie vor mir, Renée Scroggins, tief eingesunken in die Ledercouch im obersten Stockwerk der Fondation Cartier. Hinter ihr durch die komplett verglaste Wandfassade schimmern die Dächer von Paris nach dem letzten Frühlingsregen. Panthéon, Notre-Dame, man hat einen weiten Blick von hier oben, bis zu den Wäldern am Stadtrand. Die silbergraue Facette dieses Minitempels für moderne Kunst, den der Luxusuhrenmacher mit Weltruhm hier errichtet hat, wirkt gegenüber dem historischen Friedhof von Montparnasse auf der anderen Straßenseite wie ein Diktat der Moderne. Die Sängerin, Komponistin und Bandleaderin von ESG scheint mit ihren Bluejeans, den weißen Turnschuhen, knappen 1,40m Größe und fast fünfzig Jahren ähnlich deplaziert eingerahmt von altem Europa und Ledercouch. Neben ihr sitzen ihre Tochter Nicole und ihre Nichte Christelle, die für Bass bzw. Gesang verantwortlich sind. Renées eine Schwester Marie ist für Percussion zuständig, die andere, Christelles Mutter Valerie, spielt Schlagzeug. Und wie! Am Abend zuvor sind die Damen aus Anlass ihres neuen Albums ”Keep on moving“ einige Stockwerke tiefer zwischen den Bildern von Tadanori Yokoo aufgetreten.

Während die Aufmerksamkeit als durch HipHop sozialisiertes Kind der 90er allzu gerne bei den genial einfachen Basslines dieser Musikgigantinnen hängen bleibt, merkt man live wesentlich schneller, dass der eigentliche Innovationsmotor zwischen HiHat und Becken eingezwängt im Hintergrund sitzt. Wie bei so vielen herausragenden Künstlern ist Valerie Scroggins ein relativ ruhiger Typ, wenn man sie persönlich trifft; offensichtlich spart sie sich ihre Energie für ihr Instrument auf. Nicht nur, dass die kleine New Yorkerin in Sachen Präzision und Timing jede Drum-Machine an die Wand spielt; ihr Sound ist phänomenal und so nur mit Jazz- oder Rock-Größen vergleichbar, die in ihrem Leben mit Sicherheit mehr Anerkennung bekommen haben. Hier und da setzt’s noch ein paar Takte Soli obendrauf, ohne dabei aber nur einen Millimeter von der straighten Funklinie abzuweichen. Überhaupt sind ESG live eine Melange aus Uhrwerk und Intuition, wie man sie so nur von Jazz-Bands gewohnt ist. Kein Wunder, dass diese Tatsache für die Bandleaderin einen Tag später immer noch die Hauptrolle spielt: “Timing ist wirklich wichtig. Was wir hauptsächlich erreichen wollen, ist doch, dass wir live auf der Bühne genau das hinkriegen, was wir auf die CD pressen. Ich hasse es, wenn ich Platten höre, mir dann den Künstler live anschaue und er/sie sich dann ganz anders oder überhaupt nicht wie auf der Platte anhört.“
Nach “Step off“ (2002) und der Best-of-Compilation “A South Bronx Story“ (2000) ist dieses schon der dritte Longplayer, der bei SoulJazz in London erscheint. Davor liegt eine fast zu lange Geschichte. Ursprünglich entstanden ist ESG, weil Mutter Scroggins ihrer Töchter von den Straßen der South Bronx fernhalten wollte. Also kriegte jede ein Instrument in die Hand gedrückt und man machte sich dran, große Stones-Klassiker nachzuspielen. Haupteinfluss war zu diesem Zeitpunkt, d.h. Ende der 70er, noch ”Don Kirschner’s Rock Concert and Soul Show“ im Fernsehen, eine Funkrock-Version von “Top of The Pops“. Dann kam der legendäre Talentwettbewerb, den die Mädels zwar nicht gewannen, in dessen Folge sie aber von Ed Bahlmann für sein Label 99 Records (of ‘Liquid Liquid”-Fame) gesignt wurden. Mit Bahlmann ging’s in die Punk Clubs von Manhattan, über The Factory und Paradise Garage bis ins Vorprogramm von The Clash und Gang of Four. Genau wie “Moody“, “UFO“ und “My love for you“ zeichnet die neuen Tracks vor allem ein Attribut aus: Zeitlosigkeit. Für ESG hat sich, was die Musik angeht, in 20 Jahren nicht viel geändert: “Nein, überhaupt nicht. Sogar wenn wir ‘Moody’ live spielen, was ja ein wirklicher Klassiker ist, flippen die Zuschauer jedes Mal aus, und dabei ist es ganz simpel: nur Bassdrum und Percussion. Nein, wir haben das in den frühen 80ern gespielt und wir spielen es immer noch 2006.“

Alles wie damals
Heute fragt man sich, wie solche Stilsicherheit denn überhaupt einfach “passieren kann“. ESGs große Stärke lag und liegt im Talent und dem damit verbundenen Selbstbewusstsein. Bei ESG spielt der Bass über Minuten eine einfache, chromatische Linie, ein Halbtonschritt nach dem nächsten, ohne Unterbrechung, konsequent; Da wird gar nicht erst geschaut, respektive gehört, was die anderen machen. In Zeiten, in denen Musik zum Großteil aus Zitaten und Querverweisen besteht, liegt der Gedanke nahe, dass sich die Band analog zu den Punkclubs, in denen sie als schwarze Band aus der Bronx auftraten, bewusst als musikalische Gegenbewegung verstand: “Nein, nein! Wenn wir unsere Musik machen, geht es nur darum, was wir fühlen, was passiert, und natürlich darum, ob es im Endeffekt funktioniert. Auch bzgl. der Lyrics, denn Musik und Lyrics müssen zusammen funktionieren. Wenn zum Beispiel ein wenig Raum notwendig ist, d.h. Stille, dann kommt an die Stelle eine Pause. Einfach weil du dich gut damit fühlst.“ Das ist auch wieder so ein New-York-Ding. Ganz selbstverständlich werden alle äußeren Einflüsse ausgeblendet und man macht das, was einem am nächsten liegt. Vor diesem Hintergrund wirken so einige Elektro-Rock-Verschnitte der letzten Jahre als offensichtliche ESG-Kopie noch ein bisschen peinlicher. Denn auch das hierfür notwendige Selbstbewusstsein scheint für ESG nichts Besonderes zu sein: “Ich denke doch, deine Musik sollte ‘du’ sein, sie sollte ‘dich’ ausdrücken. Das ist auch einer der Gründe, warum wir immer auf Independent-Labels geblieben sind. Majors wollen dich klassifizieren und in ein bestimmtes Genre pressen. Das hat uns nie interessiert. Wir wollten unser Ding machen, auf unsere Art und Weise. Das finde ich ganz generell bei Independent-Labels – die lassen dich einfach machen.“
Neben diesem Geschäftsansatz hatten ESG ebenso musikalisch dem Heute einiges voraus. Radikal wie später nur bei HipHop oder Minimal wurde bei ihnen schon in den frühen 80ern jeder Sound zum Teil der Percussion; Ob Bass, Gitarre oder sogar Vocals, alles wurde zumindest teilweise zum perkussiven Element umfunktioniert. Wer hier einen Masterplan vermutet, liegt erneut falsch: “Wir waren eben große James-Brown-Fans. ‘If James Brown took it to the Bridge, he took it to the bridge’, weißt du. Wir wollten, dass unsere Songs die Bridge selbst sind. Also, wenn wir komponiert haben, sollte es richtig funky sein. Wir haben geguckt, wie wir diesen Funk-Aspekt herausragend, aber eben auch beständig, konsistent machen können; ob es ein Vocal, eine Bassnote ist oder ein Drum-Sound, alles ist ein Teil des Raumes. Auf diese Art und Weise kann ich den Funk spüren, selbst im Weltraum.“ Dabei kann sich Renée ein Grinsen über beide Ohren nicht verkneifen.

Sampling beleidigt Frauen

Heute gelten sie und ihre Schwestern als der Kern der New Yorker ”No Wave”-Szene und sind bis dato neben James Brown der wohl meist gesampelte Act aller Zeiten – mit wohlgemerkt einem Zehntel an veröffentlichtem Material. Sogar Miles Davis hat sich in den 80ern an der Gitarre aus “UFO“ vergriffen, wie die Familie stolz erzählt. Trotzdem, die Tatsache, dass ESG sehr viel Wert auf ihren Sound legen, was wiederum viel Arbeit, d.h. üben, üben, üben, bedeutet, macht sie nicht nur in puncto Musik zu Schwestern im Geiste mit James Brown und Anhang. Angesprochen auf die Tatsache, dass gerade Funk-Ladies wie Marva Whitney oder Lyn Collins das Sampling ihrer Hooks immer wieder mit der wahnsinnigen Arbeit kontrastieren, die hinter diesem Sound steckt, reagiert Renée Scroggins entsprechend allergisch auf das Sample-Thema: “Manche Leute sagen, dass Sampling ein Kunstwerk ist. Wie kann das ein Kunstwerk sein? Du hast mein Kunstwerk genommen, das mich viel Zeit zum Ausdenken gekostet hat, bei dem ein Konzept im Hintergrund steht, ein kreativer Prozess. Und nun gehst du hin, nimmst es und legst etwas anderes darüber und hast dann etwas geschaffen? Nein! Das ist, als ob du in mein Haus kommst und mich ausraubst. Genau so fühlt sich das für mich an. Die haben mich beklaut, mich meines Eigentums beraubt. Es ist meins! Und ich sollte das Recht haben zu wählen, was ich damit mache. Nur eine Person, die komponiert, kann verstehen, was ich fühle. Ich fühle mich verletzt.“ ESG haben in der Zwischenzeit viel Zeit investiert, um sicher zu gehen, dass sie ihren Teil vom Kuchen abkriegen. Emotional war die EP “Sample Credits don’t pay our bills“ von 1992 sicherlich der Höhepunkt. Aber es geht hier ja nicht nur um Geld, sondern, so Renée, “um den Sampling-Prozess als solchen. Ich mag es einfach nicht besonders. Ich denke, manche Künstler haben sehr hart gearbeitet. Ob das jetzt James Brown oder George Clinton ist. Weißt du, was das Schlimmste ist? Die bedienen sich und dann musst du selbst dich aktiv mit denen auseinander setzen, weil sie abstreiten, dass es im Original deine Musik ist. Du versuchst höflich und nett zu bleiben. Und die sagen nur: ‘Ich habe eure Musik nicht benutzt.’ Wovon zum Teufel reden die? Das ist ‘UFO’, ich habe diesen Gitarren-Sound sonst nirgendwo gehört, ich denke, man kann den überhaupt nirgendwo anders finden. Was mich besonders aufregt, ist, dass es oft ein paar Jungs sind, die Frauen beleidigen. Die dann dafür aber Musik von Frauen benutzen. Das gefällt mir überhaupt nicht! Ich bin eine Frau, ich habe Töchter. Ihr behandelt Frauen geringschätzig und benutzt dafür meine Musik.“
Gut, dass es noch genug unveröffentlichtes Material gibt. ESG werden nicht müde zu betonen, dass sie in den letzten 25 Jahren konstant aufgenommen haben. Auch wenn davon heute nur noch einige Beat-Digger etwas mitbekommen: “Ja klar, es gab da Leute, die haben mir erzählt, dass sie eine ESG-Platte gefunden haben und 300 Dollar dafür gezahlt haben; da habe ich nur “Oh wow! Danke!“ gesagt; das gefällt uns natürlich (lacht). Aber nein, wir haben eigentlich selbst nichts vergessen. Ich habe ein Buch, da steht alles drin; und so kann es sein, dass wir live auch mal etwas spielen, was wir nicht einmal aufgenommen haben, abhängig davon, wie wir uns fühlen und wie die Zuschauer drauf sind. Es ist gut, immer noch die Kontrolle zu haben und nicht irgendetwas tun zu müssen, weil die Plattenfirma oder dein Management meinen, es wäre notwendig. Das Wichtigste ist, wir haben Spaß, auch auf der Bühne. Es ist toll, mit meiner Tochter und meiner Nichte auf Tour zu gehen; sie sehen ein wenig das, wovon wir ihnen immer erzählt haben.”

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Elektronische Lebensaspekte.