Erinnerungen löschen, das macht dem großen Kino derzeit offenbar Freude. Doch nachdem weder Ben Affleck noch die maue Story von ”Paycheck” das Thema nur annähernd befriedigend in Unterhaltung verwandeln konnten, lehrt uns jetzt Jim Carrey das Vergessen in Sachen Liebe. Jim? Und Elijah und Kate? Vergessen wir die Vorurteile, auf Regisseur Michel Gondry und Scriptwriter Charlie Kaufmann sollte man sich doch verlassen können ...
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 82

Erinnerungen platt machen/ Michel Gondrys Eternal Sunshine

“The world forgetting, by the world forgot: Eternal sunshine of the spotless mind! Each prayer accepted, and each wish resign’d.” So schön fließende Sätze von Alexander Pope geben dem zweiten Kinofilm vom Clipfachmann Michel Gondry den Titel. Auf Deutsch wird er uns weniger geschmeidig als “Vergiss mein nicht!” untergeschoben.

Geschichte
Die Idee ist, dass die Sonne wieder im Hirn von denjenigen erstrahlt, die alle unliebsamen Erinnerungen, speziell Beziehungskatastrophen komplett vergessen haben. Die Sonne, eine schrillbunte, ist für Joel nur in Gestalt von Clementine (Kate Winslet) existent. Bis dahin war alles öde wie der Wintermorgen in Coney Island, wo er hinfährt, nachdem er so gar keinen Bock hat auf Arbeit. Der Einsame findet eine ebenso Einsame. Die ist ein blauhaariges Quirlie, die den Depressiven aus seiner verhangenen Lethargie schubst. Etliche Beziehungsphasen und zahllose Streitereien später hat Clementine Joel satt und lässt ihre Erinnerungen an ihn operativ auslöschen. Eine Brachialverdrängung. Einfach so, von einem Arzt und seinen slackenden Freaks (Elijah Wood und Mark Ruffalo) als Gehilfen. Darauf will Joel trotzig das Gleiche. Die Erinnerungen werden noch mal für Joel durchlebt und platt gemacht, also in seinem Hirn zerstört, nebst dem Hirngewebe, das es enthalten hat. Nur merkt er später, dass er sich damit selbst von seinen schönsten Erlebnissen ausschließt.

Erzählmodus
“Eternal Sunshine…” ist eine kleine Trickserei mit Flashbacks, die auf der Zeitachse hin- und herspringt. Denn im Zuge der Non-Linearität wird alles auch zur veränderbaren Jetzt-Zeit. Oder vielleicht auch nicht. Mehr darf nicht verraten werden. Ein bisschen Komödie ist der Film, ein bisschen tragisch und ansonsten ein Liebesfilm, der viel mehr fragt als beantwortet: Sind Erinnerungen etwa kleine, emotional aufgeladene Fetzen, die im Gehirn herumfliegen und ab und an getriggert werden, wenn die Außenwelt Assoziatives bereitstellt? Was macht einen Menschen aus, wenn nicht sein gefühlter Haushalt an Erinnerungen? Was bedeutet es, wenn die Erinnerungen verschwinden? Gibt es so was wie Schicksal oder eine Vorbestimmung, die einen immer wieder an bestimmte Menschen geraten lässt? Ist das dann der beste oder der schlechteste Fall? Auf jeden Fall ist “Eternal Sunshine” ein sicherer Lieblingsfilm mit einer der schönsten Liebeserklärungen der jüngsten Filmzeit.

Regie
Gondrys Debüt “Human Nature” ging daneben: Die alte Geschichte vom Urwaldmenschen, dem die Zivilisation eingeprügelt wird, schien mit Gondrys originell chaotischen Umsetzung nicht zusammenzupassen. Mit “Eternal Sunshine” scheint die Stilistik und die springende Narrative, die man schon aus Gondrys Clips kennt, nun auch auf Filmlänge zu funktionieren. Das Drehbuch ist wieder von Charlie Kaufmann, das ist der Autor von lieblichen Verrücktheiten wie “Adaptation” oder “Being John Malkovich”, wo er schon in anderen Hirnen erfolgreich herumgepfuscht hat. Ein Motiv, das ja auch perfekt zur Clipwelt von Michel Gondry passt, zum Beispiel wenn Gondry zum Beispiel traumartig im Clip “Deadweight” für Beck normale Annehmlichkeiten einfach umdreht, Bewegungen rückwärts laufen lässt, Kontexte vertauscht. Bei “Eternal Sunshine” ist das ebenso kein Problem, wenn Jim Carrey von einem öffentlichen Raum direkt eine Küche betritt, weil er gerade von diesem Raum erzählt hat und es total logisch ist, wie das Gesagte gleich umsetzt wird. Überhaupt hat sich Jim Carrey als Joel (feine Besetzung!) dunkel in sich zurückgezogen, wie die Räume, in denen er sich aufhält. Die sind genauso abgehangen wie er. In seinem Gesicht sind alle Gefühltheiten weg gewischt, keine Spur mehr von der Hysterie seiner Spaßfaktor-Komödien wie “Ace Ventura”, “Cable Guy” oder als der weihnachtliche Grinch. Er hat nicht mal mehr die traurige Nachdenklichkeit seines Komikers in Milos Formans “Der Mondmann”.

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Elektronische Lebensaspekte.