Die Werbetreibenden stecken in der Krise, weil die Online-Umsätze einbrechen. Der gemeine Surfer muss es ausbaden: In der Misere werden die Onlinewerber jedoch verdammt kreativ und probieren aus, was der Code so hergibt. Von fliegenden Kühen bis zu Pop-Down-Fenstern, die listig im Hintergrund warten: Anton Waldt sondiert die Werbe-Lage.
Text: anton waldt | waldt@lebensaspekte.de aus De:Bug 50

Not macht erfinderisch
Die Online Werbung muckt auf

Schwarze Kühe
Auf der Yahoo-Frontseite flogen schwarze Kühe, die anschließend einen “Ford-Explorer” erscheinen ließen, Oracle ließ unterdessen auf der “New York Times”-Seite für seine neue Datenbanksoftware umständlich eine Rakete landen und Microsoft verdeckte sogar ganze Sites mit einem Vorhang, der sich erst nach einigen Sekunden öffnete, um für Windows XP zu werben. Dass bei diesen Aktionen der Text nicht oder nur mit gehörigen Verzögerungen zu lesen war, stieß nachvollziehbarer Weise auf wenig Gegenliebe beim gewöhnlichen Surfer. Die Werbeagenturen dagegen verbuchen diesen Unmut schlicht als Kollateralschäden im Ringen um die Werbeform von Morgen. Eine Reihe weiterer “kreativer” Varianten der Onlinewerbung haben sie sich bei der einzigen E-Commerce-Branche abgeguckt, die von Anfang an Gewinne schrieb: Den Pornosites. Als besonders heißer Trend gelten derzeit “Pop-Downs” – also Werbefenster, die sich unter dem aktiven Fenster öffnen. Nachdem dieses Format jahrelang Schmuddel-Sites vorbehalten war, greifen jetzt auch seriöse Anbieter darauf zurück. Als bekanntestes Beispiel gilt die “New York Times”. Offensichtlich erfahren die Pop-Downs von vielen Nutzern eine erstaunlich hohe Aufmerksamkeit, da sie oft erst relativ spät und überraschend beim Schließen des Browser-Fensters entdeckt werden und dann neugierig machen. Diesen Schluss lässt jedenfalls der Erfolg der bisher mäßig bekannten Site “X10.com” zu: Der Webcam-Onlinehändler schaffte es mit Pop-Downs in die US-Top-Ten der meistbesuchten Sites von Jupiter Media Metrix.

Lustig am Boden zucken
Ursache für die Experimentierfreude der Online-Werber und der Bereitschaft, mit den Aktionen im Zweifelsfall Kunden massiv zu verärgern, ist eine Doppelkrise: Zum einen kommt die Werbung im Netz nicht aus ihrem Nischendasein heraus, ihr Marktanteil am gesamten Werbeaufkommen dürfte in absehbarer Zeit nicht über zwei Prozent steigen. Seit dem letzten Herbst geht das Werbeaufkommen im Netz sogar zurück, 2001 wird Online weniger umgesetzt als im Vorjahr. Mit diesem Rückschlag zeigt aber auch gleichzeitig die eigentlich schon altgediente Weisheit Wirkung, dass der klassiche “Banner” mit 480 mal 60 Pixeln völlig unakzeptable Aufmerksamkeitsraten erfährt. Die Werbetreibenden haben in dieser Situation eigentlich nichts mehr zu verlieren. Darum probieren sie aus, was das Zeug hält. Die Sites, auf denen sich die Werber austoben, stecken wiederum in der Regel selbst in der Krise. Sie haben auf einen boomenden Online-Werbemarkt gesetzt, nach dessen Ausbleiben Mitarbeiter müssen sie nun entlassen oder sogar schließen. Das zweite angepeilte Standbein der meisten Sites mit aufwendig produziertem Inhalt ist ohnehin schon verfault und abgefallen: “Content-Syndication”. Die Belieferung von E-Commerce oder sonstigen -Seiten, die ihre Attraktivität durch aktuellen Inhalt aufpeppen wollen, funktioniert partout nicht. Spätestens seit der “Spiegel” seine Content-Syndication-Abteilung dicht gemacht hat – weil zwar viele den tollen Inhalt haben, aber niemand dafür zahlen wollte – ist die Luft auch aus dieser Geschäftsidee gründlich raus. Den Inhaltsanbietern im Netz bleibt also nichts anderes übrig, als auf Gewinne zu verzichten [wie die De:Bug oder die Öffentlich-Rechtlichen] oder an Werbung zu spielen, was sie bekommen können. Der Höhepunkt der blinkenden und über den Text morphenden Werbebildchen steht also noch bevor. In Branchenkreisen spricht man euphorisch davon, dass die Online-Werbung jetzt “ganz neu erfunden” wird, und das geht eben mit einer Menge Trial-and Error einher. Allen, die ohne Nervenverluste weitersurfen wollen, sei die Info-Site “Kill your PC” ans Herz gelegt. Neben aktuellen Werbesauereien gibt es dort eine Übersicht zu allen Antiwerbetools [“Webwasher” etc.], die das Wort und das Bild vom Sponsor einfach ausblenden.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.