Matt Edwards weiß als Radio Slave, wie man Popproduktionen mit neuer Drastik aufmischt. Seine Mashups waren zwar illegal, aber so gut, dass die Major sie lizenziert haben, statt ihn zu verklagen. Jetzt macht er als Rekid ein Album.
Text: Alexis Waltz aus De:Bug 102

Kaum einem Dance-Produzenten ist es in der letzten Zeit gelungen, in seinen Remixen eine derart große stilistische Bandbreite aufzumachen wie Radio Slave aka Rekid aka Matt Edwards: Die Spanne reicht vom innigsten Chicago House bis zur brutalsten Pop-Nummer, von Carl Craig zu Kylie Minogue. Diese Mixe sind aber nur ein Teil seiner musikalischen Aktivitäten.

Als Radio Slave hat Matt Edwards zunächst gemeinsam mit Serge Santiágo Künstler wie Fisherspooner, Jay-Z, J-Kwon, Roman Flügel oder DJ Hell auf seinem Rekid-Label gebootlegt und später auch offiziell geremixt. Als Rekid sind Platten von ihm auf Classic erschienen, jetzt veröffentlicht Soul Jazz sein Debut-Album: Dort erklingen Radio Slaves mitreißende Grooves in einer zurückgenommeneren Form und erhalten durch dramatische Synthesizerfiguren ein mächtiges Gegengewicht. Zuletzt hat er als Matthew E einen sehr interessanten BigBeat-Entwurf entwickelt.

Matt Edwards ist kein Produzent, der an seiner ganz speziellen Baustelle arbeitet, vielmehr wird in seiner Musik ein beachtlicher Teil des musikalischen Geschehens auf eine bestimmte Weise systematisiert: Als wesentliche Pole erscheinen die elektronische Tanzmusik, besonders in Form Chicago House, die HipHop- und R&B-basierte Popmusik und als drittes die elektronischen Soundtracks. Es ist wesentlich, dass keiner dieser hyperprägnanten Formen, elektronische Musik zu produzieren, abgewertet wird und man etwa mit einer in der experimentelleren elektronischen Musik verbreiteten Arroganz auf die Pop-Produktionen herabschaut. Matt: “Ich bin kein besonderer Fan von Grime oder Dub Step. Für mich ist jemand wie J Dilla wichtiger. Im Allgemeinen mag ich Major-HipHop lieber als Indie-HipHop. Es ist extrem, was in einer Produktion von Timbaland oder den Neptunes steckt, da gibt es kaum Vergleichbares.“

In seiner Jugend war neben dem Blade-Runner-Soundtrack-Produzenten Vangelis für den in Süd-London aufwachsenden Matt Electro-HipHop prägend. Matthew streicht die ideale Situation heraus, in der man sich in London in den achtziger und neunziger Jahren befand: Larry Levan hat er im Ministry of Sound erlebt, ebenso prägend waren Sets von Tony Humphries. Carl Craig erwähnt er immer wieder. Heute, wo die Tanzmusik in diverse Subgenres zersplittert ist, blickt er etwas sehnsüchtig auf die Zeit zurück, in der man an einem Abend zugleich Pop, House und HipHop hören konnte. Sosehr er etwa den aktuellen Minimal-Sound schätze, trage doch keiner der aktuellen Dancefloor-Stile eine ganze Clubnacht, findet er.

Aus dem Bass heraus

Während die Dance-Produzenten heute immer spezieller werden und oft fast ausschließlich Tracks in einem bestimmten, selbst entwickelten Stil veröffentlichen, ist es erstaunlich, wie viele Stile Matt bearbeitet. Dabei gibt es auch bei ihm so etwas wie einen Trademark-Sound: Ein ganz bestimmtes, extrem swingendes Groove-Pattern, das die technoide Linearität und den mitreißenden Funk von Chicago House in einen extrem subtilen, computerbasierten Sound überträgt. Chicago House hatte die Vision, ganz einfache, elementare Rhythmen nicht nur als Basis, sondern als Hauptbestandteil der Musik zu sehen. Dieses Vorgehen übernimmt Matt und seine besondere Pointe liegt vielleicht darin, dass jene bestimmte Rhythmusfigur meistens aus dem Bass heraus arbeitet und gegenüber den Beats eine ganz besondere Spannung erzeugt: “Die Stille ist in meiner Musik genauso wichtig wie der Sound“, erklärt er. Am Radio-Slave-Remix von Carl Craigs “Darkness“ wird deutlich, warum es nichts Nostalgisches in dieser Musik gibt: Matt stellt dem Original eine fluffige, abstrakte Modernität entgegen, die den Detroit-Sound zerbricht. Auf dem Rekid-Album “Made in Menorca“ ist es beachtlich, wie unterschiedliche Intensitätslevel hier auftauchen und dass die Tracks auch ganz von den Melodien getragen werden können. Matt setzt aber keine durchgehenden Flächen ein, die ja tendenziell ein tranciges Zukleistern zur Folge haben, sondern durchaus mächtige Sounds, die aber immer nur punktuell und in sehr strengen Loops auftauchen und auch immer eine starke rhythmische Wirkung haben. Es ist nie möglich, in das Melodische einzutauchen, vielmehr wirkt es als ständige Verunsicherung.

Während die ewigen Dance-Remixe eines Armand Van Helden oder Felix Da Housecat etwa von einer Nummer von Britney Spears oft kaum anders als hilflos klingen, weil der Prägnanz der Pop-Produktion kaum etwas entgegenzusetzen ist, gelingt es in den Radio-Slave-Remixen, den House-Groove und die Cutup-Techniken als echten Gegenpol zum Song zu etablieren: Kylie Minogues “Slow“ wird seine Subtilität genommen, die Nummer erhält eine ganz andere Drastik und eine neue Zähigkeit. Gwen Steffanis “Holla Back Girl“ und “Seven Nation Army“ von den White Stripes werden fast zu Techno-Nummern. Nancy Sinatras “Bang Bang“, das aus dem Soundtrack von “Kill Bill“ bekannt ist, scheint im Remix neben dem Groove herzulaufen, in den hinzugefügten Elementen wird jede Metaphorisierung des Songs vermieden. Trotzdem erscheint die Version absolut zwingend.

Major machen mit

Dass die Radio-Slave-Remixe, die zunächst als Bootlegs erschienen, auch bald legal veröffentlicht werden konnten, spiegelt eine veränderte Haltung der Majors wieder: Während man deren Hersteller in den Neunzigern schärfstens verfolgte, wird die Mashup-Szene heute eher als ein Talent-Pool angesehen, der kostenlos Remixe anfertigt, von denen die besten ausgesucht, lizenziert und offiziell veröffentlicht werden können. Durch die guten Kontakte von Matts Manager konnte sein zunächst inoffizieller Remix von Kylie Minogues “Slow“ offiziell erscheinen. Auch das Netz hat dabei geholfen, einen besseren Kontakt sowohl mit den Majors als auch mit einst elitär abgeschotteten Musiker-Zirkeln herzustellen. Über MySpace habe Matthew mittlerweile fast alle seine Musiker-Helden persönlich kennen gelernt, unter anderen John Ciafone von Mood II Swing oder Norm Tally von Detroits Beatdown Brothers. Das ist eine extreme Veränderung, wenn man bedenkt, wie extrem spärlich einst der direkte Austausch mit Detroits Musikszene war.

Was steht bei Matt Edwards in der Zukunft an? Nach zwanzig Radio-Slave-Mixen ist das Remix-Projekt erst einmal ausgereizt. Der nächste Bezugspunkt ist New York: Während der befreundete Dave Taylor von Solid Groove gerade dorthin gezogen ist, um Tracks für Künstler wie Mya zu produzieren, will Matt dort mit Joel Martin von Whateverwewant Records arbeiten. Die beiden nennen sich Quiet Village Project und es sind bereits einige ultra-entspannte Disco-Tracks erschienen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.