Keine Gnade für Hartz-IV-Nazi-Pack
Text: Anton Waldt aus De:Bug 116


“Ex Drummer” ist das Spielfilmdebut des Belgiers Koen Mortier, es basiert auf einer Vorlage des Autors Herman Brusselmans. Der Film soll in der zweiten Oktoberhälfte über Legend Films in deutsche Programmkinos kommen – wenn die Bundesprüfstelle mitspielt.

“Ex Drummer” ist die große Kinoverstörung der Saison: Ekel erregende, blutige und deprimierende Ereignisse fügen sich zu einer flotten Geschichte. Der wuchtig-quirlige Videostrom fährt den Zuschauer mit Schmackes an die Wand und hinterlässt dabei dieses spezielle Gefühl großer Zeitgeist-Stimmigkeit. Was erst mal ziemlich irritierend ist, angesichts des rasanten Splattermärchens von der belgischen Waterkant, das der Werbefilm-Routinier Koen Mortier in seinem Spielfilmdebüt erzählt.

exdrummer2.jpg

Zu Beginn sitzt der erfolgreiche Schriftsteller Dries Vanhegen in seinem Designer-Penthouse über dem Strand von Ostende und erzählt von einer vermeintlichen Belästigung durch dahergelaufene Strolche. Als prominenter Zeitgenosse sei er ja bereits an die Zumutungen der unmöglichsten Leute gewöhnt, erklärt Vanhegen, aber diese drei speziellen Vögel hätten ihn doch glatt umgehauen: Ein Naziskin mit Sprachfehler, ein schwuler Hooligan mit steifem Arm und ein tauber Altrocker wollen den Yuppie als Drummer für ihre Band gewinnen. Und zwar nur für einen einzigen Gig beim “Punk-Festival in Laffinge”, und außerdem nur unter der Voraussetzung, dass sich der Autor der ersten Bandregel unterwirft, die da lautet: Alle Mitglieder haben eine Behinderung.

Rückwärts in den Sumpf

Der Schriftsteller bittet sich zwar Bedenkzeit aus, aber man ahnt, dass er das Abenteuer suchen wird, und prompt schwant Böses: Vanhegen und seine Loft-Lebensgefährtin werden in schlechte Gesellschaft geraten! Und in der nächsten, rückwärts laufenden Sequenz werden unsere Befürchtungen noch einmal gründlich potenziert: Der Naziskin ist auch ein notorischer Frauenschlächter, dessen Wohnung auf dem Kopf steht.

exdrummer3.jpg

Der schwule Hooligan mit dem steifen Arm hält seinen Vater ans Bett gefesselt gefangen. Der taube Altrocker schnupft Speed vor dem Fußballspielen, damit seine Blutgrätschen knackiger kommen. Und so geht es immer weiter abwärts in den Unterschichthorror, Vanhegen steigt natürlich als Drummer in der Behindertenband ein, wobei er als Behinderung geltend macht, dass er gar nicht Schlagzeug spielen kann. Als Mann des Wortes verpasst er seiner Band zudem noch einen passenden Namen: “The Feminists”.

Menschenmüll

Regisseur Mortier erklärte anlässlich der “Ex Drummer”-Vorführung im Rahmen des “Fantasy Filmfestes” in Berlin, dass die erste Filmhälfte darauf angelegt ist, dass der Zuschauer sich amüsiert – natürlich nur, um sich am Ende umso gründlicher zu schämen. Und ohne zu viel zu verraten, kann man sagen, dass diese Strategie ziemlich glatt aufgeht, mit jeder weiteren Drehung schraubt sich die Handlung in neue, zynische Untiefen. Mit jedem Akt erbärmlicher Sexualität, mit jeder willkürlichen Grausamkeit und mit jedem unnötigen Schicksalsschlag führt “Ex Drummer” weiter ins Herz der Finsternis: Was macht man in unserer postindustriellen Gesellschaft mit Menschen, die weder schlau noch hübsch sind?

exdrummer4.jpg

Männer, die ob ihrer wirtschaftlich entwerteten Muskelkraft nur noch als Bedrohung wahrgenommen werden. Wo bislang noch jede Kriminalstatistik weiß: dass der Testosteron-Bodensatz vor allem seinesgleichen prügelt. Gleichzeitig bleibt dem asozialen Abschaum als letzte, gesellschaftlich relevante Aufgabe nur seine Rolle als gruseliger Statist in medialen Ekelformaten. “Ex Drummer” exerziert diese Logik bis zum galligen Ende, die Verlierer klammern sich verzweifelt an ihren pervertierten Unterhaltungswert, während das Leben für den Loft-Bewohner immer einfacher und interessanter wird.

Spucke im Gesicht

Bereits nach den wenigen Vorführungen beim “Fantasy Filmfest” wurde “Ex Drummer” auch hierzulande schon fleißig rezensiert und dabei fast durchgehend mit “Trainspotting” verglichen. Dieser Vergleich ist allerdings ziemlich sinnlos, denn für das verzweifelte belgische Personal gibt es die Hoffnungsschimmer, an die sich die Trainspotting-Junkies noch klammern können, schlicht nicht mehr. Und wo die individuellen Lebenswege nur ins Nirgendwo führen, gibt es konsequenterweise auch keinen kulturellen Optimismus durch Rave: “Ex Drummer” ist daher ein Punkfilm. Und zwar Punk im Sinne seiner ersten Eruption, gegen friedliche Hippies, kopflastige Artschool-Bands und jeglichen Pop-Glamour. Punk ist in “Ex Drummer” eine permanente Publikumsbeschimpfung, die selbstverständlich mit Rotzen in Musikergesichter beantwortet wird.

exdrummer5.jpg

Und als zentraler Track des äußerst schmissigen Soundtracks schält sich die Hardcore-Version der “Feminists” von Devos “Mongoloid” heraus, die jede Zweideutigkeit des Originals vermissen lässt:

Mongoloid he was a mongoloid
Happier than you and me
Mongoloid he was a mongoloid
And it determined what he could see
Mongoloid he was a mongoloid
One chromosome too many

Belgier sind nicht amüsiert

In Belgien ist “Ex Drummer” laut Regisseur Mortier vor allem auf Ablehnung gestoßen, was dem Spielfilmneuling allerdings eher zu gefallen scheint: In Flandern geht es demnach tatsächlich oft so deprimierend zu, wie im Film dargestellt. Weshalb Mortier auch davon ausgeht, dass seine Landsleute weniger geschockt als beschämt sind. Aber vielleicht ist das auch nur Wunschdenken des Filmemachers. Denn “Ex Drummer” basiert auf einer Vorlage des Schriftstellers Herman Brusselmans, der Mortiers erklärtes Idol ist.

exdrummer6.jpg

Brusselmans Gewalt-, Sex- und Drogendarstellung galten bislang als unverfilmbar, zudem scheint der Autor keine mediale Gelegenheit auszulassen, die belgische Öffentlichkeit zu beleidigen. Auf Deutsch sind von Brusselmans übrigens bisher nur die Werke “Zigarettenasche im Gefrierfach” und “Das schöne kotzende Mädchen” erschienen, die aber beide nicht mehr lieferbar sind. Dass außerhalb Belgiens kaum jemand das reale Vorbild für den Schriftsteller in “Ex Drummer” kennt, dürfte dem Film unterdessen eher zum Vorteil gereichen, weil so der gewünschten, produktiven Identifikations-Verwirrung nichts mehr im Weg steht.
http://www.exdrummer.com

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.