Journalismus stellt sich die nächste Existenzfrage. Was muss im Kontext der neuen digitalen Devices mit den Inhalten passieren, damit es eine Zukunft für Print im neuen Gewand gibt? Streift man aber die Sorgenbrille ab, so kann man feststellen, dass Journalismus sich vielleicht in einer der spannendsten Phasen in seiner Geschichte befindet. Mercedes Bunz erklärt wieso.
Text: Mercedes Bunz aus De:Bug 140

2010 könnte das Jahr werden, in dem man endlich ein digitales Format für Magazine erfindet. Bislang sind journalistische Angebote im Netz ja vor allem auf stündliche Breaking News ausgerichtet und Magazine hatten es schwer da mitzuhalten. Es fehlt ein eigenes, anderes Format. Das könnte jetzt besser werden, denn neulich kam das iPad. Alle waren aufgeregt. Die Verlage besonders. Man hofft, dass Apples iPad für die Printwelt die gleiche Magie entfaltet wie iTunes für die Musik. Moneten-Magie sozusagen. Ist digitaler Journalismus jetzt endlich verkaufbar?

Es scheint zumindest, als hätte Steve Jobs das vor. Nachdem er Apple von einem Computerhersteller über iTunes zu einem Musikvertrieb und über das iPhone zu einer Telefonfirma umerfunden hat, wurde ihm gerade scheinbar langweilig. 100 Millionen Kreditkarten-Daten sind bei iTunes gespeichert, die kann man doch besser nutzen! Die New York Times zitierte eine interne Quelle mit den Worten: “Steve glaubt an die alten Medienfirmen und will, dass es ihnen gut geht. Er glaubt daran, dass die Demokratie eine freie Presse braucht und diese nur existiert, wenn sie sich trägt.” Das klingt doch schon einmal so, als hätte er ein Geschäftsmodell für Journalismus im Sinn.

New York Times & New Tablets
Bei der Präsentation des iPad folgte ihm auch flugs einer der digitalen Köpfe der New York Times, Martin Nisenholtz, auf die Bühne und präsentierte die erste Zeitungs-App für das iPad. Nach nur drei Wochen Entwicklungszeit natürlich: Man bekam das iPad in einem Geheimtreffen bei einem Italiener in New York von einem Penne-essenden Jobs kurzerhand zugesteckt, und bastelt jetzt weiter. Der ersten iPad App merkt man ihre Zeitungsherkunft deutlich an. Es gibt ein mehrspaltiges Design, aber auch die digitale Interaktion über Multitouch und Videos sowie Diashows – alles integriert natürlich. Ein Teil des Menüs hat man vom Online-Auftritt übernommen, prinzipiell wirkt es aber magaziniger, denn definitiv liegt der Fokus ebenso stark auf dem Visuellen wie auf dem Text.

Neben der New York Times haben sich diverse Firmen schon eine Weile auf die Ankunft des heiligen Tablets vorbereitet. Condé Nasts digitale Vordenkerin Sarah Chubb kündigte als erste an, gleich mehrere ihrer wichtigsten Magazine auf dem iPad schon beim Release im März fertig zu haben: Wired, Vanity Fair und GQ. Und Sports Illustrated von Time Warner hatten ihr Konzept für eine Tablet-Zeitung eh schon vor dem iPad vorgestellt. In den USA ist man also vorbereitet, erst im Dezember hatten sich die fünf größten Zeitschriftenverlage zu dem Projekt “Next Issue Media“ zusammengeschlossen, das als iTunes für Magazine bezeichnet wurde und ein gemeinsames Angebot, Werbeverbund und die Abstimmung der technologischen Entwicklungen auf der Agenda hatte. Gut, das erübrigt sich nun, aber nur teilweise.

Vielleicht wird 2010 dank iPad das Jahr, in dem die Zeitschriften endlich ein digitales Format für sich erfinden. Im Web kann das nicht funktionieren. Während im WWW Bezahlangebote für PCs scheitern, tun sie das nicht unbedingt auf ihrem mobilen App-Ableger, dem iPhone. Dort sind Leute bereit, für digitale Inhalte zu zahlen. Um dahin zu kommen, müssen alle ihre Hoffnung auf den Erfolg des iPad oder ähnliche Formate setzen. Die 1,5 Millionen verkauften Kindles sind nach den ersten Schätzungen der Analysten von Apple schon im ersten Jahr zu verdreifachen.

Digitale Magazin Formate
Die Chancen für Magazininhalte im Netz stehen aber noch aus anderen Gründen gut. “Leser sind mit den bisherigen Formen des Lesens im Netz unzufrieden,“ erklärt Jack Schulze von der Londoner Designagentur Berg, der kürzlich für den schwedischen Verlag Bonnier ein digitales Magazin-Format entwickelt hat. “Im Web liest man Journalismus am Bildschirm im Büro oder neben der Arbeit und befindet sich meistens unter Zeitdruck. Zudem ist der Web-Journalismus sehr textlastig. Magazine hingegen entfalten ihre Attraktivität durch ikonische Bilder und eine starke visuelle Sprache.“

Für Bonniers Popular Science, das eine Auflage von 900.000 hat, hat Berg die Lesegewohnheiten untersucht und festgestellt, dass heute Inhalte in diverseste Kanäle aufgeteilt werden. “Per RSS-Reader kann ich zwar mit vielem Schritt halten, aber gleichzeitig überfordert das Verfahren auch die Leute.“ Denn Leser, so hat man bei Berg festgestellt, beenden gerne etwas. “Kein Wunder. Man stelle sich vor, man bekäme am Montag nicht nur die eine Zeitung, sondern auch die ungelesenen Teile der Zeitung vom Wochenende davor dazu. Grauenvoll.“
Schulze glaubt, dass es für ein zurückgelehntes Lesen, bei dem man sein Tablet-Device vollkrümelt, durchaus Bedarf gibt.

Ihre Version der digitalen Zeitung kombiniert das Magazin mit dem Webauftritt. Wenn man annimmt, dass iTunes demnächst auch Zeitschriften-Inhalte verkauft, gibt es jedoch noch ein ganz neues Problem. Bislang setzte die Deadline und das Verkaufsdatum dem Journalismus eine natürliche Grenze. Magazine haben schon aus diesem Grunde einer längeren Produktionszeit immer schon einen eher längerfristigen Blickwinkel auf die Dinge gepflegt. Behält man den jetzt für das Netz bei? Oder ist das im Zeitalter digitaler Schnelligkeit ein Unding?

Ein Algorithmus = viele trendy Themen
Ein wichtiger Punkt : Wann und wie bietet man die Inhalte an? Was ist die Marke, wie kuratiert sie im Netz Content? Verkauft man als Magazin Artikel von Autoren wie Musikstücke von Künstlern, oder doch eher Themenschwerpunkte, bzw. sogar eine Zusammenstellung von Aspekten wie Magazine das bisher getan haben? Und wann kann sie der Leser kaufen? Immer am ersten Montag im Monat? Ist das nicht unnatürlich? Vielleicht nicht. Vielleicht muss sich der Journalismus, um zu überleben, mehr denn je von der Idee der “News“ verabschieden.

Zumindest ist in den USA eine Firma mit diesem Konzept extrem erfolgreich: Demand Media. Hierbei wird untersucht, wonach User im Netz suchen, und stellt dafür Antworten her. Ein komplexer Algorithmus kalkuliert Suchabfragen sowie das Surfverhalten auf den eigenen Seiten und spuckt aus, was gewusst werden will. “Journalisten haben schon immer nach der Geschichte gesucht, die die Leser fesselt. Wir betreiben keinen Journalismus, aber wir machen uns dieses Prinzip zunutze und haben dafür einen Algorithmus entwickelt,“ sagt Richard Rosenblatt, CEO von Demand Media. Der Algorithmus spuckt aus, wonach die User suchen, und die Autoren von Demand Media geben ihnen Antworten. Doch hier schaut niemand auf trendy Themen, im Gegenteil. Ein zweiter Algorithmus berechnet, wie erfolgreich der Artikel prinzipiell sein kann. Produziert werden nur nachhaltige, länger gültige Stücke für den Long Tail.

Was nur im Moment interessiert – News zum Beispiel – hält Rosenblatt für finanziell uninteressant. Zu vergänglich. Firmen wie Demand Media oder Howcast liefern so genannte “How-to“-Stücke in großer Stückzahl, und im Netz herrscht Bedarf. Die Firma hat mittlerweile 500 Angestellte und beschäftigt 7000 aktive Freelancer, die pro Tag 4500 Videos und Texte herstellen, sagt Rosenblatt. Ihr Content ist so dermaßen erfolgreich, dass sie unter den Top 20 der größten US-Webseiten angekommen sind, neben Google und Facebook.

Damit hat der Journalismus ein weiteres Problem. Schon immer wurden investigative Geschichten und aufwendigere Reportagen von anderen, werbefreundlicheren Teilen querfinanziert – durch so genannten Service-Journalismus. Jetzt wird dieser Journalismus von jemand anderem hergestellt. Noch produziert Journalismus im Modus der “News“ und für den Moment. Das muss jedoch nicht so bleiben. Der Journalismus wird sich neu erfinden und 2010 wird sein entscheidendes Jahr sein. Wenn man sich die Ohren ein wenig zuhält und das Gejammer herausfiltert, stellt man fest, in seiner Geschichte gab selten eine aufregendere und spannendere Zeit.

Aus dem Special in De:Bug 140: PRINT: UNTER DRUCK

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Elektronische Lebensaspekte.

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