Ok, Berlin kann - neben dem unsäglichen Vorteil, dass man seinen Wodka auf 3 Sterne auf dem Balkon kühlen kann - einem innerhalb von 2 Wochen einen Grundkurs in die abenteuerlicheren Gefilde von HipHop geben. Und, den hatte ich dringend nötig, denn ich begann schon dran zu glauben, es gäbe Fernseh-HipHop und Underground-HipHop. Geheilt von diesem Schwachsinn ich bin. Nelly-Fan werd ich wohl erst mal bleiben.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 67

Sascha Kösch hängt seine Hose auf Halbarsch – und sich mitten rein ins Live-Erlebnis Hip Hop.

REAL DRAMA
Mr. Lif, El-P, und RJD2 schafften es hierzulande in den Knaack Club, eher eine Konzertlocation und typische Kleinstadtumlandundergrounddisse. Als Support kickte ein DJ von den Analphabeten vorweg sympathisch krasse Tracks im (zwanzig Jahre später offensichtlich immer noch üblichen) DJ-Stil: nächsten anscratchen, rein damit, Tempo egal. Was immer gut sein kann, wenn die Tracks stimmen, und sie taten mehr als das. Einen 4/4 Junkie bringt das allerdings nicht zum Tanzen (ich rede nicht von mir), und auch die Versammlung aus Kids quer durch Indie-Szenen, HipHop-Fundamentalisten und das eine R&B-Chick lungerten erst mal in den Ecken. Schließlich ist HipHop vor allem Repräsentation, weshalb man auch was drüber sagen kann, wenn man sieht, und vor allem was. Support Nr.2 waren die heimischen Moabit, die die ersten Kopfnicker auf den Plan riefen mit ihrem Highspeed-Rap zu electroiden Beats mit dezentem Raggaverschnitt. Leider fehlte dem Ganzen genau das, was für mich essentiell ist, der rabiate Umgang mit Samples, vielleicht auch weil die Industrie das gar nicht so gerne sieht. Dafür waren sie aber so professionell, als hätte man sie samt Tanzstunden und Armeverschränken, offene Handflächen werfen etc. gecasted und man versteht wie bei sämtlichen Amis auch nur Bruchstücke. Und dann, die erste Erleuchtung in meinem Grundkurs. Denn RJD2 übernimmt seine drei Decks. Und Posen hat Pause. Was da so aussieht wie ein durchschnittlicher Computernerd oder Plattensammler hinterm Hardwax-Tresen schafft es, die Platten in Tools zu verwandeln, aus denen gradlinig Tracks entstehen, in dem alle Einflüsse zusammengeballt explodieren zu einem Stück Musik, in dem es nicht nur egal ist, ob Rock, Soul, Reggae, Rare Groove, 7″, Originaltracks, Tracks, in denen die gleichen Samples verwendet werden, auf dem Plattenteller liegen, sondern all das in einen Flow gerät, in dem nicht ein einziger Ton fehl am Platz wäre. Wer sein Album gut fand, der wird ihn als DJ vergöttern. Ich kann mich nicht erinnern, in den letzten Jahren jemand so auflegen gehört zu haben. Boston verwandelt HipHop nicht einfach nur in eine Party, sondern in ein akribisch hypereuphorisches, begnadet offenes Ding. HipHop halt, wie man es sich immer vorgestellt hat. Dann rumpeln El-P und Lif auf die Bühne, der eine dick mit weißem Handtuch über den Schultern und einem ausgeprägten Hass auf sein Land, der andere mit Bananen-Rasta, Background Musik, die auch immer leiser wurde, weil die MCs sich nicht hören konnten, wie üblich, und ständig dem Mischer zuriefen lauter zu machen, und rappten samt Crowdpleaserspielchen quer durch ihre letzten Alben. Das Publikum war dezent dabei, hätte aber gerne noch mehr Statements gegen Amerika verkraftet. Von dem, was Def Jux auf Platte ausmacht, blieb soviel nicht, sagte auch Pole, mein ständiger Begleiter in meinem Grundkurs, aber eine Party war’s, und Party sollte es auch sein. Zusammen Gesinnung rausschreien kann nur Sinn machen, wenn man einen globalen Feind hat, der alles zu seinem Feind erklärt hat. Glückliche Zeiten eigentlich.

SURREAL COMEDY
Einen Sonntag später waren Anticon in Gestalt von Themselves (Dose One und Jel) und Alias im Bastard. Ein Offshot der Volksbühne, theaternah, und theaternah sollte es logischerweise bleiben. Die Veranstalter hatten sich bemüht, die klassische HipHop-Posse (Angst vor dem Dosenpfand) durch Nichtinfo außen vor zu lassen, was vermutlich auch sonst geklappt hätte, schließlich ist Anticon gerne mal selbsterklärt komplett uncool, und damit meine ich nicht, dass sie auf Noam Chomsky stehen. Voll war es trotzdem. R&B-Chick-Faktor steht aber auch hier unerschütterlich auf 1. Vorhang auf und Alias, selbsterklärter Gruft-HipHopper mit Skimütze, legte seine komplexen introspektiven Zwangsjackenflow-SpokenWord-Texte über unverhältnismäßig melodischen Electronika-HipHop (Anticon sind Boards Of Canada-Fans), den Jel mit seiner MPC, die als Schlagzeug umfunktioniert wurde (ein echter MPC-Virtuose, würde ich sagen), und das andere Tourmitglied mit Lofikeyboard und Harmonika unterstützte. Anstatt das Publikum anzufeuern, kam es an unerklärlichen Stellen ziemlich lässiger Wortakrobatik von selbst aus sich raus. Es geht doch. Nirgendwo ein 1210er in Sicht. Und trotzdem grooven alle quer durch die dezent auf Entzug gesetzten Halbwahnsinnigen in voller Konzentration. Umzug, Aufzug von Themselves. Exit Alias, Auftritt Dose One. Der Rest der Band blieb gleich, hatte sich nur passendere Sakkos mit selbstgemalten Verbotsschildern (die malen gern, ich glaub auch mit Fingerfarben, die vier Säulen des HipHop, ihr wisst schon) auf dem Rücken angezogen. Schwer zu sagen, ob das als Ganzes aussah wie ein B-Movie-Cowboysoftporno, der Versuch einer Laienschauspieltruppe, The Great Gatsby als HipHop-Operette aufzuführen, oder wie die Latterman Show für die anonymen Schizoiden. Dose One krönte eine Art Psychobilly-50er-Jahre-Frisur, für neue Stücke holte er gern ein weiteres Verbotsgemälde (Drogen, schwarze Wolken, schlechte Moves) von der extra installierten Staffelage – ja, ja, wir sind immer noch auf einem HipHop-Konzert, wir sind jetzt nicht heimlich in die Schaubühne gewechselt, ohne euch was davon zu sagen – und wechselte ständig von seinem Fiftys-Micro (Quäkstimme, Transistorradiostyle, Wochenschauansage) zum normalen (immer noch Quäkstimme) und wenn’s ganz arg deklamatorisch kommen sollte, dann zum Taiwanesischen Batteriemegaphon. Die Musik wechselte zwischen urbanen Betrachtungen des alltäglichen Wahnsinns, Medienversatzstücken und -kritik, urplötzlichen, ganz normalen HipHop-Moves, die innerhalb dieser Show fast wirkten, als hätte man sie reingezappt, und natürlich Kindermobile-Minitrax. Hey, doch, das war HipHop, nur in einem Kontext, der nicht ein Klischee (auch keine guten, und schon gar nicht die von Fun) mehr übrig ließ, weil es einfach zu viele ständig de- und recodierte und ins glücklich grinsende Publikum warf.

SCHMERZ
Schmerz und HipHop ist eigentlich kein Thema. Tote ja, Gewalt gern, Pflaster klar, aber Schmerz. Nö. Heavy Metal und HipHop hat hingegen Tradition. Gröhlen und HipHop irgendwie auch. Wir nähern uns dem Dälek-Universum. Schwere Jungs. Doch zu Beginn macht ein ziemlich dürrer Schwarzer mit Afro und MaoT-Shirt ein paar Turntableistenstunts der dritten Art. Die Zunge am Pickup, ab und an Pusten, durch Loopeffekte geschickt und mit dem Tonarm quer über die Platte scratchen, also im 90° Winkel gegen die Normalität. Dann wuchten sich die beiden üblichen Jungs auf die Bühne und werfen sich in ihre dronige, schwerfällige, monströse Version von HipHop, die mindestens ebensoviel von den befreundeten Techno Animals und deren Urvätern, Godflesh, haben. Die Wüste lebt. Ab und an hebt der Rapper den Kopf, blickt in einen von Jesus verlassenen Himmel, stampft so heftig auf, dass man Angst hat, der Microphonständer könnte durch die Bühne gerammt auf der anderen Seite der Erde wieder rauskommen, und der Typ am Laptop hebt für den Extra-Mosheffekt die Hand zum Gruß. Nebelschwaden, und die Raps sitzen trotzdem wie am Steuer eines durch Nevada groovenden Monstertrucks. R&B-Chicks wurden nirgendwo gesichtet. HipHop-Memorabilia waren eher jahrelang gut durchgetragen und geschwitzt. Dafür aber vorab und hinterher sympathische Berlin-DJ-Crews, Frathese Toys, zwei Mädchen aus dem Umfeld der Veranstalter und die Planet Rock meets Hablizel-Crew selbst, die sich quer durch Kid 606 bis Krachbreaks auch mal den ein oder anderen Ragga-Schlager gönnten. Wo’s war? Im Magnetclub. Exjazzladen mit Topfblumenlounge und schwarz parkettierter Kleinstadtbühne.

STUDENTEN
Wer nun denken sollte, dass das doch alles Studentenrap ist, der war nicht bei Spinna und Fat Jon. Pole war, wo nicht? Fat Jon rappt ja auch auf seinem nächsten Album. Aber ob Morr auf dem nächsten Fat Jon-Album rappt, war nicht rauszufinden. R&B-Chickfaktor unwesentlich, aber HipHop-Posse und Elektronikfans clashen ja längst nicht mehr. An diesem Abend im bezaubernden, auf Universal blickenden Seeblickloungeclub Watergate rappte leider niemand. Und DJ ist Fat Jon irgendwie keiner. Scratch, Scratch, nächste Platte reinwummsen. Tracks ziemlich lala. Spinna drehte auf, mixte (wenigstens das) sich danach dann ein ordentliches Studentenset zusammen (auch auf dem Dancefloor) aus konventionellen und oldschooligen HipHop-Tracks (alles mit Sicherheit voll gut beleumundet) und den tiefen Beliebigkeits-Abgründen aus Soul. Alles gesehen? Mit Sicherheit nicht. Aber HipHop hat bis weit jenseits des Mainstream und auch in der Nähe seiner eigenen Grenzen definitiv nach wie vor nicht nur mehr Facetten, als man in seinem Elektronik-Ghetto glauben dürfte, und es wird der Vereinnahmung der hierzulande gut abgesicherten Imperien nicht nur blendend widerstehen, sondern sie auch noch ordentlich aufmischen.

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Elektronische Lebensaspekte.