Kaum zu glauben, aber vor ein paar Jahren noch wimmelte es im Grafikdesign nur so vor schrägen und bunten Buchstabensalaten à la Tomato und David Carson. Alle nannten es Innovation, aber richtig gemocht haben das nur wenige. Ausgerechnet drei Niederländer sorgten Ende der Neunziger für Gegenwind und verschafften dem strengen, neutralsten aller Schriftsätze, Helvetica, neuen Ruhm.
Text: Anne Pasqual aus De:Bug 93

Experimental Jetset
Dinghaftes Design

Und entgegen aller Polemiken geht es “Experimental Jetset” nicht um eben diesen stylishen Minimalismus, von dem schon seit den 60ern meist hochprofitable Firmen wie Lufthansa, Saab, Pan Am, Comme Des Garçons und Evian Gebrauch machen. Marieke, Danny und Erwin werden nicht müde, ihre eigenen visuellen Systeme zu produzieren und Konventionen zu unterlaufen. Damit trotzen sie nicht nur einem Schriftsatz wie der Helvetica, sondern Design überhaupt jene utopische Dimension ab, die ihm zeitweilig abhanden zu kommen scheint.

Seit 1997 haben Experimental Jetset u.a. für Droog, dem Centre Georges Pompidou, Purple Institute und Colette gearbeitet, zuletzt schneiderten sie dem Stedelijk Museum Amsterdam ein neues Gesicht. Über die innere Logik von Design, wie Modernismus heute schmeckt und wieviele Welten sich tatsächlich hinter Helvetica-Lettern verbergen können, sprechen Marieke, Danny und Erwin nun hier mit einer Stimme.

Ihr habt euch alle drei während eures Studiums an der Gerrit Rietveld Akademie (Amsterdam) kennengelernt. Was waren die wichtigsten Ideen, die ihr von dort mitgenommen habt?

Experimental Jetset: Durch Linda van Deursen haben wir die Arbeiten von Richard Prince kennengelernt. Was uns besonders beeinflusst hat, ist die Einsicht, dass es möglich ist, Pop-Kultur zu analysieren, ohne sich einer dekonstruktivistischen Ästhetik zu bedienen, wie sie damals im Grafikdesign en vogue war. Außerdem fiel uns ein Buch von Bob Gill in die Hände mit dem Titel ‘Forget All The Rules You Ever Learned About Graphic Design – including the ones in this book’. Sein Ansatz, dass jedes Problem eine Lösung hat , hat uns fasziniert. Denn obwohl es für manche eindimensional und veraltelt klingen mag, gibt es kein schöneres, besseres Model als eben diese Vorstellung, auch wenn feststeht, dass jede Lösung nur weitere Probleme mit sich bringt.

Euer Design-Ansatz steht ja für eben diese Selbstreferenzialität, also den Verweis auf die Sprache des Grafikdesigns mit den eigenen Mitteln. Ihr nennt das auch die Dinghaftigkeit des Designs.

Experimental Jetset: Das Logo, das wir für das Stedelijk Museum CS (SMCS) entwickelt haben, ist ein gutes Beispiel für das, was wir damit meinen. Es verweist sowohl auf die Geschichte des Museums als Institution, als auch auf seine derzeitige Unterbringung in einem früheren Postamt. Zunächst haben wir uns auf die Abkürzung SMCS beschränkt und verwendeten den gleichen Schriftsatz (Univers), der auch im Original-Logo von Wim Crouwel benutzt wird. Die diagonalen blau-roten Streifen, wie man sie auch von Luftpost-Briefumschläge kennt, sind als Bezug zum Postgebäude geblieben. Schließlich haben wir daraus vier unterschiedliche Muster entwickelt. Diese Variationen machen das Logo ebenso zum Zwischending, wie die derzeitige Unterbringung ein Zwischenstadium während des Umbaus des eigentlichen Museums ist. Das Logo enthält all diese Elemente – Geschichte, Form, Proportion – wie ein winzige, geschlossen Blase. Dabei ist es sekundär, ob der Betrachter all diese Referenzen ausmachen kann, denn man merkt auch ohne dieses Wissen, ob etwas funktioniert oder nicht.

Diese funktionale Dimension ist eigentlich etwas, das man in die Modernismus-Schublade steckt. Wie definiert ihr Modernismus?

Experimental Jetset: Die Frage ist natürlich nicht zu beantworten. Aber in unseren Augen hat Modernismus vor allem mit der Machbarkeit der Dinge zu tun, mit der Idee, dass Realität nach bestimmten Regeln organisiert oder zumindest verstanden werden kann. Modernismus ist der Versuch, das Unorganisierbare zu organisieren. Im Unterschied dazu ist die Postmoderne nicht so sehr an der Konsistenz von Systemen interessiert, sondern an deren Zerlegung. Uns interessiert aber gerade Konsistenz. Das ist auch einer der Gründe, warum wir die Helvetica verwenden, weil die Schrift es uns und dem Betrachter ermöglicht, auf Design als System zu fokussieren, den typographischen Layer zu neutralisieren, um das Konzept so klar und pur wie möglich hervortreten zu lassen. Auf diese Weise konzentrieren wir uns auf die eigene Machbarkeit, bzw. tritt die innere Logik des Grafikdesigns hervor.

Was genau ist denn dann die utopische, kritische Dimension im Design?

Experimental Jetset: Wenn du deine eigene persönliche Logik mit einer anderen Logik konfrontierst und dabei eine völlig neue Sichtweise auf diese Systematik entsteht. Oft genug wird das subversive Potential von Design als rebellisch, unvorhersehbar und irrational missverstanden. Wir behaupten aber, dass es der Entwurf von ästhetischen Systemen, die ihrer eigenen Logik folgen, ist, weil sie dich in einen anderen Rythmus werfen und dich die Welt mit anderen Augen sehen lassen. Im besten Fall destabilisiert Design, so dass du den Boden unter den Füßen verlierst.

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Elektronische Lebensaspekte.