OHNE EINLEITUNGSTEXT LAYOUTEN, wenn zuwenig platz auf seite. sonst kürzen wir.
Text: ralf homann | Ralf.Homann@medien.uni-weimar.de aus De:Bug 52

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Radio.fm
Konzentriertes Nebenbeihören

Wie hat das Radio sich verändert? Lauschen wir wie in einem Kirchenschiff oder plappern wir nebenbei wie im Club? Was machen wir eigentlich, wenn wir Radio hören? Ralf Homann formuliert eine Kritik des Radios. Schließlich ist er der einzige Professor für experimentelles Radio in Deutschland. Ein paar einleitende Überlegungen zur Radiostrecke mit John Peel über Piratenradio, NGO-Fachmann Micz Flor über die demokratische Funktion des kleinen Senders in aller Welt, Pit Schultz über Radioprojekte im Netz und vielen unabhängigen Stationen und Tips. Tune in.

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Konzentriertes Nebenbeihören mag ein Widerspruch sein, für Verfechter ernster Signale. Für mich ist es die Stärke von Radio. Radio ist kein wagnerianisches Festzurren des Hörers in einen Bayreuther Festspiel-Stuhl. Radio ist ein tanzendes Medium, das die Bewegung im Raum erlaubt, das Umherschweifen, das Entwickeln eigener Bilder, Verbindungen und Anschluss-Möglichkeiten. Radio schafft keine hierarchisierenden Räume wie Bildmedien, deren Monitore die Perspektive diktieren. Radio ist aspektivisch. Von der Bildhauerei her kommend ist es diese Flexibilität des Raums, die mich bei Radio begeistert: die Möglichkeit einer radiophonen Plastik im White Cube des virtuellen Hör-Raums und zugleich dessen Perforation hinein in die ganz normale Physik.

Obwohl Radio heute mehr der Ästhetik eines Clubs oder einer Tanzhalle entspricht als der eines Kirchenschiffs oder Schulhauses, wird immer noch ‘psst’ gezischelt und in Stundenplänen geordnet, statt gemixt. Nirgendwo werden so viele Schwarz-Weiß-Filme ausgestrahlt wie im gehobenen Radio-Programm und nirgendwo so viele sinnliche Stimmen zu Pausen-Clowns verdammt wie in den Massen-Wellen. Nur dort können Konzepte der 20er oder 50er Jahre noch als innovativ wiederholt werden, weil unser optisch geschultes Auge es überhört wie alt die Autos, Städte, Landschaften und Denker sind, die durch die Sendung rauschen. Vermutlich können nur noch in den Museen der Bildenden Kunst so viele Tote sich in Aufmerksamkeit erhängen wie im deutschen Hör-Raum.

Zu einer Erfindung der 60er Jahre, die im Westen half, den Sputnik-Schock erzählerisch zu gewinnen: Raumschiff Enterprise. Es dreht im Orbit wie das experimentelle Radio im Äther: Scotti zum Beispiel schwitzt (wet-ware) im Maschinenraum des Sende-Komplex’: Er bevorzugt einfache Technik, die nicht abstürzt, und wartet händeringend auf ein Netz, das allgemein zugänglich ist. Das schreit er immer wieder in die spitzen Ohren von Spock, der mit gehobener Augenbraue seine Meßgeräte überwacht und sagt: “Faszinierend: Du kannst nicht sehen, was jemand hört.” Und dann ist da noch Uhura. Sie sendet nur Töne. Töne, die gerade dadurch Leben, dass sie kein Bild haben. Töne, mit denen dann die Hörer und Hörerinnen ihre Bilder erzeugen. Wer diese Leistung nicht bringen will oder gerade nicht kann, kann ja abschalten und später wieder dazukommen. Ein sehr souveräner Umgang mit dem Dogma der Kommunikationsgesellschaft:
“Ich bin angeschlossen, also bin ich.” Die Stärke des experimentellen Radios liegt gerade darin, daß es so etwas ist wie ein radiophones Eisenbahnspiel, bei dem jeder und jede mitspielen darf. Oberste Spielregel ist: Erst wenn der oder die Letzte durchs Ziel gegangen ist, haben wir gewonnen. Dann kann Mr. Spock, genauer gesagt der deutsche Synchron-Spock, Mr. Weikert, als virtueller Moderator ans Mikrofon treten und Juri Gagarin zitieren: “Sehe Erde, Maschinen arbeiten gut.”
Vorletztens übertrugen meine Studenten im Rahmen der ars electronica etwas, das entfernt an das Geräusch öffentlicher Plätze und das Grundrumpeln der Industriestädte erinnerte. Zu Hause am Radio-Gerät, war meine Tochter zuerst erstaunt. Dann holte sie ihre Barbie-Puppen und spielte Straße. Sie nahm sich dieses Signal, das im Äther herumlag, für einige Stunden. Das ist ein rein taktisches Verhältnis.

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Elektronische Lebensaspekte.