Nach Releases auf Traum und Border Community bringen Extrawelt ihr Debütalbum auf Cocoon heraus. Erkundung der vermeintlichen No-Go-Area Trance inklusive.
Text: Eike Kühl aus De:Bug 129


In “Schöne Neue Welt“ beschreibt Aldous Huxley eine Gesellschaft, deren Bürger durch strikte Konditionierung dem System angepasst werden, einem System, das sich nicht nur durch allgegenwärtige Massenproduktion auszeichnet, sondern sich auch auf eine Drogen-induzierte Glückseligkeit, Hedonismus und Konsumzwang stützt. Ein Schelm, der hier Parallelen zur Techno-Kultur sieht.

Und doch haben Arne Schaffhausen und Wayan Raabe alias Extrawelt, die in den letzten Jahren neben Cocoon auch auf Traum und Border Community veröffentlicht haben, nicht ganz ohne Hintergedanken den Titel “Schöne Neue Extrawelt“ für ihr Debütalbum gewählt:

“Der Titel ist sicher auch eine subtile politische Aussage über den Wahnsinn der Gegenwart in all seinen Facetten. Wir sind mittlerweile leider fast dort angelangt, wo die Zukunftsvisionen der Bücher von Huxley oder Orwell ansetzen. Trotzdem sollen unsere Titel im besten Fall eine eigene Assoziation oder Interpretation hervorrufen, die Tiefe der politischen Message kann dann jeder für sich definieren.“

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Ebenfalls eine wichtige Rolle in Huxleys Werk spielt Trance als Bewusstseinszustand. Vielleicht nicht zufällig ist es der Trance, der seit jeher mit dem Sound des Hamburger Duos in Verbindung gebracht wird. Unter den Namen Midimiliz und Spirallianz kratzten sie seit Ende der 90er Jahre am technoideren Ende von eben jenem – ein Einfluss, der auch in die aktuellen Produktionen von Extrawelt Einzug erhalten hat, wie man uns verrät:

“So sehr umorientiert haben wir uns gar nicht. Die größte Veränderung war die Drosselung des Tempos. Wir sind hier und da vielleicht auch etwas mutiger im Umgang mit den Melodien geworden. Unser Sound wurde damals als Tech-Trance oder Cinematic-Techno beschrieben und war schon fast ein eigenes Sub-Genre, das sich oft angefühlt hat wie eine kleine Techno-Widerstandsbewegung im Psy-Trance.“

Musikalisch hat sich dieser einstige Widerstand bei Extrawelt mittlerweile in eine ganz eigene Dynamik verwandelt, die sich in immer wieder aufbrechenden Flächen, subtilen Melodien und kleinen Breaks zeigt und dabei dennoch stets den Druck und den Drive des Techno beibehält. Das Ergebnis ist ein Album zwischen Endzeit- und Sonnenaufgangsstimmung, ein Album, das weniger im Nirgendwo zwischen zwei Polen schwebt, sondern vielmehr von zwei Seiten gleichermaßen beleuchtet wird.

“Techno ist doch eigentlich, wenn man es im Zusammenhang sieht, recht kaputte Musik, und etwas Schönes fällt doch besonders dann als etwas Schönes auf, wenn es aus seinem hässlichen Umfeld hervorsticht. Wenn man die ganze Nacht nur Beats, Bässe und Ravehooklines hört, dann wirkt am Morgen die erste echte Harmonie wie ein Sonnenaufgang. Die Verbindung der Kaputtheit mit etwas Schönem ist am Ende also kein Gegensatz, sondern eine Synergie.“

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Der Zusammenschluss des Albums funktioniert nicht nur ausgesprochen gut, sondern fasziniert vor allem auch dadurch, das es immer wieder im Zickzack läuft, aber nie die Linie aus dem Auge lässt. Und das, obwohl die Auswahl der Tracks alles andere als einfach war, schließlich galt es, die richtige Mischung zwischen Nostalgie und Futurismus zu treffen, frisch zu klingen, ohne sich dem stereotypen Zeitgeist zu beugen, der so viele Technoproduktionen schon altbacken klingen lässt, bevor sie überhaupt auf Vinyl gepresst werden.

“Es gab am Anfang eine Menge Downtempo-Tracks, die es letzten Endes nicht geschafft haben. Wir haben versucht, die Mischung zwischen Abwechslung und Flow möglichst ausgewogen zu halten. Wir versuchen nicht, den Sound der 90er nachzuahmen oder wieder zu beleben, sondern nur das Gefühl weiterzutragen, welches uns diese Zeit vermittelt hat. Der Unterschied zwischen Techno, Rave, Trance, Ambient und Acid war nur die Uhrzeit, zu der die entsprechende Platte gespielt wurde. Um 12 Uhr auf eine Party zu kommen, wo bis um 1:30 Uhr Ambient läuft, die erste gerade Bassdrum bei 120bpm schon Jubel hervorruft, die Musik sich langsam steigert und härter wird, um sich dann beim Sonnenaufgang in etwas Wunderschönes zu wandeln – das war es damals, was uns begeistert hat.“

Es geht also um die Übermittlung eines Gefühls, und plötzlich scheinen Huxleys Maxime von Community und Identity in einem ganz anderen Licht, schließlich lebt doch auch die Techno-Kultur von den großen Gefühlen, von der Gemeinschaft bei gleichbleibender Erhaltung der eigenen Identität. Nur mit dem dritten Teil, der Stabilität, tut man sich etwas schwer in der schönen neuen Extrawelt. Natürlich, bedeutet Stabilität doch nicht selten auch Stillstand, und das war schließlich nie das Ziel.

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Elektronische Lebensaspekte.