F Comm ist die Mutter aller französischen Technolabel. Laurent Garnier und Eric Morand halten auch weiterhin an ihrer Raveromantik fest, musikalisch lassen sie eher alles locker.
Text: Oke Göttlich aus De:Bug 49

Romantik in Rave-Moll
Über den Dächern von Paris mit F-Comm

Es sind simple wie klare Bilder, die sich nach einem Besuch bei Frankreichs erfolgreichstem unabhängigen Label F Comm ins Gedächtnis brennen. Laurent Garnier und Eric Morand stehen auf dem Dach des Rex-Clubs und erfreuen sich – obwohl sie ihn schon mehrere Male genießen durften – an dem fantastischen Ausblick, den dieser Ort bietet. Ganz Paris ist von hier oben aus zu überblicken, und die beiden Labelbetreiber sprechen für das Fernsehen über ihr gemeinsames Werk.

Paris’ raving Times

Sieben Jahre liegen hinter F Comm, und die beiden haben viel über die bewegte Vergangenheit zu berichten. Dabei darf der Rex-Club durchaus als Geburtsort des Unternehmens bezeichnet werden, in dem jeden zweiten Donnerstag im Monat Laurent Garnier hinter den Plattentellern steht. Anfang der Neunziger feierte Eric hier zu den Platten, die schon damals der junge Laurent auflegte. Dessen berühmte Raver-Hymne “Wake Up” und die auf diesen Titel folgenden “Wake Up”-Parties im Rex bedeuteten den Anfang der Rave-Geschichte in Paris. “Am Anfang mussten wir dem Clubbetreiber alles erklären. Wir hatten vor, Derrick May und Kevin Saunderson einzuladen. Nachdem wir ihm erklärt hatten, das es so ist, als ob die Beatles und die Rolling Stones gemeinsam aufträten, wäre es ihm auch egal gewesen, wenn die beiden Bobo und Toto geheißen hätten,” freut sich Laurent Garnier noch heute über die Ahnungslosigkeit des Clubchefs. Er ließ Eric und Laurent dennoch gewähren und sollte sich später über die erfolgreiche Partyreihe freuen. Hier lernten sich Laurent und Eric kennen. Eric, der damals als Label- und Repertoire-Manager bei der großen französischen Firma Fnac unter anderem dafür verantwortlich gewesen ist, dass Labels wie Warp in den frühen 90ern in Frankreich zu kaufen waren, wirkte so lange auf Laurent Garnier ein, bis dieser ein Album machte und Eric selbst seinen Job bei Fnac gegen einen bei seinem eigenen, neuen Label austauschte. F Comm war geboren, und “Shot in the dark” war Frankreichs erstes angesehenes Technoalbum.
“Es ist vor allem aus einer wahnsinnigen Wut heraus entstanden, die sich bei mir entwickelt hatte. Niemand wollte diese Musik, die ich auflegte, ernst nehmen, und so entstand dieses sehr wütende Album”, erklärt Laurent und fügt hinzu, dass Musiker nur dann gute Alben machen, “wenn sie eine gewisse Aggressivität in sich verspüren.” Eine Aggressivität, die sich vor allem aus der Ignoranz und Kritik von Seiten der Politik und den Medien gegenüber einer Musik entwickelte, die in unmittelbarer Folge den Drogenkonsum verharmloste. Ab da an ging es für Eric und Laurent um die Ausbreitung ihrer Musik in Paris ohne Limits. Sie setzten sich mit Vertretern der Stadt an einen Tisch, um den Versuch zu unternehmen, den Umgang der Politiker mit dem komplexen Thema Techno zu verbessern. Eine Attitüde, die aus alten Rave-Zeiten bis heute überlebt hat. Inzwischen nutzt F Comm unter anderem die zwei Radiostationen für elektronische Musik in Paris, Nova und FG, um in einer Debatte mit einer gewachsenen Lobby im Rücken über die aktuelle Gesetzesänderung zu diskutieren, die die Polizei dazu legitimiert, bei illegalen Parties die Anlage einzusacken. Raverromantik 2001. Denn tief im Herzen lebt die wilde Party bei Eric und bei Laurent sowieso weiter.

From Techno to Everything

Laurent Garnier mimt den Stadtführer und zeigt, welche Sehenswürdigkeiten vom Dach des Rex aus zu sehen sind. Er verharrt für einen Moment an der Spitze des französischen Zentralismus, dem Eiffelturm, schüttelt den Kopf und murmelt etwas von dem “großen Schatten des Filterhouse, der über der Stadt liegt.” Über Daft Punk, Air und wie sie alle heißen wird sonst nicht gesprochen. Kein gutes Thema für ein ehrenhaftes und kämpferisches Independent-Label, das längst majorhafte Züge in sich trägt und nach dem phänomenalen Chart-Erfolg von Mr.Oizo (Flat Beat) auf der langen Suche nach dem erneuten Hit mit Szenecredibility ist. Ein dezenter aber wichtiger Hinweis auf die sich entwickelnde Konkurrenzsituation unter den großen französischen Labels. Selbst wenn Eric Morand mit gleichmütiger Gelassenheit darüber spricht, dass “es F Comm egal ist, ob man 2000 oder 2 Millionen Alben verkauft, wir können beides”, merkt man doch, wie sehr die Labelphilosophie “Electronic without limit”, die aus Veröffentlichungen wie St.Germain, Frederic Galliano und den aktuellen Album-Debüts von Readymade, Llorca und Alex Kid herrührt, auch als die Absicht gelesen werden will, eine größere Masse an Leuten für elektronisch produzierte Musik anzusprechen. Die Erfolge von Air und Daft Punk hätten sie gerne auch bei F Comm gefeiert. Gerade nachdem man bei F Comm früh das Potential erkannte, dass außerhalb von Techno in der elektronischen Musik steckte. St. Germains “Boulevard”, auf dem Jazz, Blues und HipHop wunderschön mit House kombiniert wurden, bildet mit Garniers ’”Shot in the dark” und Oizos “Analogue Worm Attack” eine der drei Säulen, auf denen F Comm inzwischen sein schönes Altbaubüro im zentralen neunten Viertel von Paris aufgebaut hat. Es sind die Säulen Techno, Elektro und eklektischer Fusionhouse, die durch diese Veröffentlichungen für Aufsehen in Paris und auch international sorgten. St.Germain wurde direkt von Blue Note eingekauft und hinterließ insofern ein großes Loch bei F Comm, als dass nun fast komplett ohne den populären Housesound gearbeitet werden musste. Das übernahmen nun die anderen Labels, die mit Air, Daft Punk, Alex Gopher usw. vor allem in Sachen Dance-Musik erfolgreich waren. “Da wollten wir nie hin, wir wollten geschmackvolle elektronische Musik veröffentlichen, und selbst der Kontakt zu Daft Punk 1995 führte zu keiner Veröffentlichung, weil wir ihre Musik nur für durchschnittlich befanden”, sagt Eric rückblickend. “Es kam mir so vor, als ob sie eine Single veröffentlicht hätten und dann wieder woanders hingegangen wären. Darauf haben wir keinen Bock. Wir lassen unsere Künstler lange reifen und wollen sie langfristig an uns binden.” Aus diesem Grund fiel Eric auch der Weggang von St. Germain sehr schwer. “Wir haben 18 Monate versucht, ihn davon zu überzeugen, bei uns zu bleiben,” erklärt Eric und gibt zu, “schockiert” gewesen zu sein, als er F Comm verließ.
Die Suche nach Ersatz führte über Künstler wie Elegia (neues Projekt: The kick inside), Nova Nova (die sich inzwischen getrennt haben und in Zukunft Soloalben planen), A Reminiscent Drive, Scan X und Avril (neues Album für 2001), die aber alle nicht den Erfolg in der Szene und auf dem Markt feiern konnten wie St. Germain. Jori Hulkkonen aus Finnland und Aqua Bassino aus Schottland waren die ersten nicht-französischen Künstler auf dem Label, die dass Repertoire auch musikalisch erweiterten.

Der Erfolg des Beliebigen

Das Prinzip No Limit wurde nun immer präsenter und F Comm beliebiger. Von außen immer noch als ein Techno/House-Label betrachtet, war es das aber schon lange nicht mehr. Die bisweilen aggressive wie politische Stimmung verschwand mehr und mehr aus den Tracks des Labels, obwohl momentan The Youngsters wieder aggressiveren Techno präsentieren. Ansonsten sind die letzten und demnächst kommenden Veröffentlichungen der inzwischen 140 Releases sehr stark von einem Compilationcharakter durchsetzt. Llorca mischt Housebeats mit manchmal sehr penetrantem Barjazz und wandelt auf den erfolgreichen Spuren St.Germains. Leider fünf Jahre zu spät. Readymade bringt einen starken experimentellen Ansatz in das Labelgefüge und kann neben 2Step auch HipHop und Glitch, lässt aber trotz sehr interessanter Produktionsweisen einen zusammenhängenden Faden vermissen. Und Aqua Bassino und Alex Kid fusionsdaddeln sich in die Gehörgänge eines jeden Familienmitglieds. Langsam geht es F Comm neben immer wieder guten und überraschenden Veröffentlichungen dann doch immer mehr um ein breitgefächertes Publikum. 10.000 verkaufte Alben von Llorca in Frankreich und Italien unterstreichen das eindrucksvoll. Wie lange der Spagat zwischen ambitioniertem Indie und finanziell erfolgreichen Halbmajor noch gelingt, werden die nächsten drei Jahre bis zum 10.Geburtstag zeigen. In der Zwischenzeit freuen wir uns auf eine neue Mr.Oizo-Single in diesem Jahr und kommenden Charterfolgen von F Comm. Man steht eben doch lieber mit sympathischen Leuten über Paris als mit marktschreierischen Produktvertretern irgendwelcher ahnungsloser Majorcompanies. Dem Rave sei dank.

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Elektronische Lebensaspekte.