Text: oliver köhler aus De:Bug 01

THE CREATIVE SOURCE

Drum and Bass ist im Grunde eine Mafia, es hat seine Godfathers, seine Player und Runner, seine Geächteten und seine Dons. Irgendwann wird man mal nachforschen müssen wie die Mafia über die Italienischen Communities der Staaten ins Hollywoodkino gerutscht ist, und von dort in die entlegensten Gebiete unserer geheiligten Subculturen. Oder ob es vielleicht doch anders lief. Und Cover wie das von Strictly Business heute nicht vielleicht mehr sind als ein aufwühlen und recyclen von Zeichengeschichte, von einer Nostalgie des geschniegelten schmutzigen Geschäfts.
Fabio jedenfalls ist ein Godfather, zusammen mit Grooverider. Davon ist jeder überzeugt. Wer immer etwas über Drum and Bass sagen wird, er wird auf die beiden hören wenn sie ihr Veto einlegen. Vielleicht in kleinen Kämpfen gegen sie arbeiten, aber auf jeden Fall anerkennen, daß sie es sind, die eine ganze Ära von Drum and Bass geruled haben, und noch rulen. Fabio ist Geschichte, er weiß das Geschichte anders ist als sie früher mal war, und er weiß wie genau das inszeniert, davon zeugen nicht nur die dezenten halbnackten Model-Photos die eine zeitlang von ihm durch die Presse schwirrten. Und er weiß wie hart es sein kann einmal nicht die Schiene eines harten darken Sounds zu fahren die alle Jahre wieder mal das neuste und einzige sein soll. Fabio ist der Meister der Melodien, der Godfather, auch wenn er es selber mit Sicherheit nicht so sieht, und die für Drum and Bass jeden Monat immer wieder so wichtige andere Seite, die aus dieser Musikrichtung etwas lebendiges, sich ständig weiterentwickelndes erst entstehen lässt.

Fabio: Let It go!

fabio: Eigentlich wollte ich immer Sänger werden. DJ zu werden war das letzte an das ich gedacht habe. Hätte man mir gesagt, daß ich in zehn Jahren DJ bin, hätte ich diejenigen wohlmöglich ausgelacht. Das einzige, was ich wirklich wollte, war auf irgendeine Art und Weise in die Musikbranche hineinzurutschen. Zwar setzte ich mich mit dem Gedanken des Produzierens auseinander (ich hatte Baß und Schlagzeug gelernt), aber um mich dem Singen zu widmen hatte ich einfach nicht den Nerv. Ins DJen bin ich reingeschlittert, als mich ein Freund fragte, ob ich nicht bei seinem Piratensender, Phaze One im Süden Londons, einspringen könnte. An dem Abend hatte er nämlich niemanden, der die Show machen konnte. Er wusste, daß ich eine gute Plattensammlung hatte, – ich war nämlich gut befreundet mit Colin Dale und habe auch meinen Anteil an Trainspotting geleistet – aber zu dem Zeitpunkt hatte ein DJ nichts mit dem Prestige zu tun wie heute (damals, vor zehn Jahren bedeutete DJ sein, eine Mobildisko besitzen, große Sonnenbrille tragen und so Sachen wie “This is Lionel Richie sagen!”). Ich erinnere mich noch, wie ich auf dem Weg zum Studio mir dachte, daß ich eigentlich gar keine Lust darauf hatte, diese Show zu machen! Als ich beim Sender ankam, sagte ich ihm, er solle die Sendung doch selber machen. Er setzte mich in den Stuhl, zeigte mir, wie man das Mischpult bedienen sollte und ließ mich da mit meiner Nervosität. Als ich mich langsam daran gewöhnte, mit den Geräten umzugehen, wurde ich zusehends relaxter. Fünf Stunden später, am Ende der Show konnte ich meine Klappe nicht mehr halten! Als ich fertig war, boten sie mir eine Show tagsüber an. Damals spielten wir alles: Jazz, Soul, Funk, Hip-Hop, frühe House Stücke, usw. Irgendwann bekamen wir dann Tapes aus den Staaten, Leute wie Derrick May! WOW! Wir waren völlig von ihrer Mix-Technik begeistert. Somit wurde die nächste Phase eingeleitet: Mixing.

Running with the ‘Rider (Teil Eins)

fabio: Der Typ, der Phaze One leitete, hatte auch einen Club, Mendoza’s. Dort habe ich Grooverider kennengelernt! Die Situation war ähnlich: seine regelmässigen DJs waren andersweitig beschäftigt und er brauchte unbedingt zwei DJs für seien völlig verrückten Plan, an einem Mittwoch Abend um 3 Uhr morgens einen illegalen After-Hour Club zu öffnen. Angeblich würden so- und soviel Leute aus dem West End (Londons Einkaufs- und Clubviertel) kommen. Sechs Jahre führte er schon Mendoza’s: der Club war nie voll. Selbst am Wochenende hatte er Schwierigkeiten dreißig Leute reinzukriegen, wie wollte der jemals an einem Mittwoch um 3 Uhr morgens einen einzigen Gast reinlocken? Hinzu kam noch, daß ich mit diesem Grooverider, der immer etwas arrogant rüberkam, auflegen sollte. Ich wollte eigentlich mit Colin Dale zusammenarbeiten, aber der konnte gerade nicht… Also standen wir um 3 Uhr in Medoza’s und haben gewartet. Als um 4 Uhr noch niemand da war, fingen wir an, unsere Platten ins Auto zu packen. Groove hatte nämlich einen vollen Arbeitstag vor sich (Grooverider war Computer Experte) und mußte um 7 Uhr spätestens wieder aufstehen. Wir standen gerade oben am Auto, als eine Handvoll Leute auf uns zulief, kurz darauf noch ein paar, dann zwanzig, dreißig, irgendwann rannte eine ganze Horde auf den Club zu. Alle schrien sie nach Musik, mehr Musik. Groove und ich holten unsere Kisten aus dem Auto raus, gingen runter in den Club und spielten bis 6 Uhr abends am darauffolgenden Tag. Es war unglaublich! Leute kamen und gingen! Die einen sind dann nach Hause, sind duschen gegangen, brachten ihre Kinder in die Schule und kamen wieder in den Club. Wovon wir Zeuge waren, waren die Anfänge der Ecstasy Kultur, nur wußten Groove und ich das nicht! Wir dachten uns nur: “Solange sie tanzen, spielen wir!” Mendoza’s wurde sehr schnell ein regelmäßiger Termin. Die Leute kamen immer nach den West End Clubs, Spectrum, Shoom (die ersten Acid House Clubs in London): montags, dienstags, jeden Abend… Groove und ich teilten uns die Arbeit. Wenn ich an der Tür stand, legte Grooverider auf. Jede halbe Stunde wechselten wir uns ab: Tür, Auflegen.
Zwischen mir und Groove besteht seit diesen Tagen eine Art spirituelle Verbindung, etwas ganz Tiefes, das über eine Freundschaft hinaus geht. Vielmehr eine psychische Bruderschaft. Wir haben harte Zeiten erlebt, Groove und ich. Wir haben auch die Kehrseite mitgemacht…

ACIEED!

fabio: Uns war es egal, wieviel Geld wir bekommen. Wir haben auf Sunrise Parties (Anm. D. Red.: die ersten Großraves in Großbritannien, fanden in den Feldern der Gemeinden kurz vor London statt) für vierzig Pfund aufgelegt. Wir haben niemals gedacht, daß diese Geschichte eine Zukunft haben würde also genossen wir die Zeit, denn wir wußten nicht, was genau passieren könnte. Damals trieben wir uns an den Grenzen der Legalität herum: kaum eine Party war wirklich genehmigt. Wir sind in Lagerhäuser eingebrochen, haben Sound Systems auf Bauernhöfen aufgestellt – die wußten auch nicht was los war, als sie Mitten in der Nacht von 10,000 Tanzende in ihrem Hinterhof geweckt wurden. Wir mußten vor der Polizei flüchten, mit Plattenkisten; ich bin sogar mal in ein Graben gefallen, aber es hat Spaß gemacht. Es war eine ganz besondere Art verrückter Energie!

Himmel hoch jauchzend…

fabio: Bis 1992 hatten wir auch den Rage Club im Heaven. Auf einer Lagerhaus Party sprach uns eine Bekannte an: sie habe Beziehungen zum Heaven Management und könne uns dort ein Gig besorgen im VIP Raum. Rage war schon richtig etabliert. Trevor Fung und Colin Favor spielten dort jede Woche; für uns waren die beiden wie Idole! Nach einer Weile wurde aber der VIP Raum zur Hauptattraktion. Und wie immer sind wir durch Glück reingerutscht. Trevor und Colin waren eine Woche in Los Angeles und konnten nicht spielen, so wurde uns die große Tanzfläche überlassen. Das war eine geniale Nacht: wir haben den Club in der Luft auseinandergerissen. Viele hatten Bedenken, das Risiko einzugehen, uns auf dem Haupt-Floor auflegen zu lassen. Nach dem Gig kam der Manager auf uns zu und machte uns ein Angebot, das wir nicht ablehnen konnten. Und obwohl wir eigentlich viel zu viel Respekt vor Colin und Trevor hatten, war der Job unser! Wahrscheinlich lag es daran, daß wir einfach ein kleines bißchen mehr cutting-edge bzw. streetwise waren als die zwei, die sowieso eine komische, leicht kommerzielle Phase hatten. Trevor kündigte, aber Colin spielte noch mit uns, er spielte nämlich Techno. Und das war das Einzigartige an Rage! Daz Saund begann mit Techno, dann spielten wir, dann Colin, dann wir wieder. Es funktionierte. Das Publikum nahm alles auf sich: frühe Detroit Tracks, Chicago House, Breakbeat, alles! Das wird es nie wieder geben und gerade das vermisse ich.
Das größte Problem lag nämlich darin, daß die Beats sich änderten. Zu dem Zeitpunkt war alles um die 120 bpm, also konnte House, Techno und Breakbeat in einem sauberen Set eingebunden werden, ohne daß die Geschwindigkeiten geregelt werden mußten. Aber gerade die Tatsache, daß man wirklich alles spielen konnte, vermisse ich. Wir mußten auch viel härter arbeiten damals. Unser Publikum war extrem kritisch, und wer nicht liefern konnte, wurde gnadenlos abgesägt. Du kannst Carl Cox fragen: er hat dort einen Monat lang aufgelegt. Er hat’s nicht gebracht. Rage war einfach unser Königreich. Ich und Groove haben einfach mehr experimentiert, wir nahmen alles in den Club, was frisch war. Und wahrscheinlich hat das dann auch zum eventuellen Split der Styles geführt. Grooverider und ich fingen an, die Beats zu beschleunigen: wir mischten Hip-Hop Breaks auf 45 in die Tracks rein… Jungle war einfach von sich aus schneller. Nur bildeten sich dann irgendwann zwei Lager: die einen wollten Techno in seiner reinsten Form, die anderen wollten den Jungle Sound. Wir hatten eine Mission. Wir erkannten, daß diese Musik so viel Potential hat, auch wenn sie in ihrer Ästhetik etwas roh war. Diese Musik ist einfach ein ganz anderer Vibe, und als Raucher eigneten sich die Basslines natürlich prima.

Running with the Rider (Teil Zwei)

fabio: Und genau das, was Rage so einzigartig machte, ist das, was meine Arbeit mit Grooverider so erfolgreich macht. Groove richtet sich schon immer nach derselben Ethik: er produziert eine verrückte, zügellose Art Aggression, die dich einfach auf die Tanzfläche zwingt. Ich setze da immer ein Break rein und spiele die melodischere Variante von Breakbeats. Selbst in den Zeiten von Acid House konzentrierte ich mich auf den Detroit Sound, während Groove den strengeren Chicago Acid Sound propagierte. Ich und Groove sind noch nie ein und dasselbe gewesen. Wir decken das ganze Spektrum ab. Es gibt zwei Seiten zu jeder Geschichte und zusammen erzählen wir sie ziemlich gut. Ohne Groove hätte ich nichts von dem erreichen können; er war schon immer eine Inspiration, eine Driving Force! Er arbeitet so hart, sein Kopf ist immer nach vorne gerichtet. Ich habe ihn gesehen als er wirklich gekämpft hat, und ich sah zu, wie er sich durch Ehrlichkeit und harte Arbeit zu der Position hochgearbeitet hat, an der er jetzt ist. Manchmal brauche ich einfach Ruhe, aber Grooverider gibt nie nach und treibt mich weiter voran. Er sagt dann immer, “Komm, Fab, du mußt ein Soldat sein!”. Er ist ein ganz besonderer Freund; oft hat er mich schon am laufen gehalten!

… zu Tode betrübt?

fabio: Ca. 1993/94 hatte ich ganz große Zweifel. Ich war nie so nah dran aufzuhören, aber ich habe es mir oft genug überlegt. Diese Musik hatte keine Richtung. Für Drum’n’Bass war das eine miserable Zeit. Niemand wollte wissen, niemand hat sich für uns interessiert. Da war so gute Musik und die wurde nur von der Presse gedisst: Wir würden nur in Crack-Höhlen spielen, geht nicht auf Jungle Raves, sonst wirst Du erschossen… Richtig schlechte fucking Publicity! Wir wußten nicht mehr, weshalb wir diese Musik spielen sollten. Goldie brachte Angel zu einem Radiosender und die schickten ihn wieder aus der Tür mit der Erklärung, daß sie so etwas nie in ihrem Leben spielen würden. Ich ertappte mich dabei, wie ich langsam sogar glaubte, daß diese Musik Abschaum sei. Vielleicht hatten sie recht, vielleicht war diese Musik wirklich Bullshit. Vielleicht weiß ich überhaupt nicht, wovon ich rede…

Breaking the Sound Barrier

fabio: …und dann kam Speed! Für mich konnte es zu keinen besseren Zeitpunkt geben: ich brauchte ein Ventil. Ich bekam soviel Musik, nur meine Arbeit litt. Man redete immer weniger über mich, das Publikum war nicht mehr da, ich wurde nicht mehr so oft gebucht, ich war verloren. Wie per Zufall meldete sich jemand bei mir, der einen Club für Montags abends eröffnen wollte. Ich sagte ihm er soll’s vergessen, dann erwähnte er, daß er nur die ruhigere Seite von Drum’n’Bass featuren wollte. Plötzlich merkte ich, daß dies genau das war, was ich gesucht habe: eine Chance, die Dub-Plates in meinem Koffer zu spielen, die niemand hören wollte. Am ersten Abend tauchten nur fünf Leute auf. Der Veranstalter wollte schon Schluß machen, aber Bukem und ich boten an, für umsonst weiter zu machen. Als ein paar mehr kamen, aber nicht genug, änderten wir den Tag auf Donnerstag. Wir hatten auch einen guten Deal mit dem Club, Mars Bar. Nicky Holloway, der House DJ, war der erste, der mit seinen Freunden kam. Dann kamen nach und nach die Künstler: Photek, Goldie, E-Z Rollers, J Majik, PFM, Source Direct, alles Niemande zu der Zeit! Sie erkannten, daß hier ein anderer Sound lief. Irgendwann waren gar keine normalen Gäste im Club, nur noch Artists. Langsam verbreiteten sich die Drum’n’Bass Gerüchte, viele A&R Leute schauten rein, um sich das anzuhören, Goldie lernte Bj¿rk dort kennen, Oasis kamen und wurden nicht reingelassen. Irgendwann standen 300, 400, 500 in der Schlange vor der Tür.
Von diesem Punkt an ging es mit Drum’n’Bass steil aufwärts. Speed endete leider im Konflikt, es wurde auch durch den Dreck gezogen und implodierte etwas: ein trauriger Anblick teilweise! Danny (LTJ Bukem) wollte seine eigene Sache mit Logical Progression machen und da ich ohne ihn nicht mehr arbeiten wollte, ging ich auch. Speed war trotzdem noch gut zu mir. Speed war da als mein Leben etwas bergab ging und hat bewiesen, daß etwas Großes immer um die Ecke lauert. Groove und ich machen jetzt Tempo und wer weiß, wenn der Sommer sich nähert, werden viele wieder die Melodien suchen gehen. Ich glaube nämlich, daß London eine Enklave für diese Musik braucht. London ist so dunkel und düster momentan und ich will wirklich nicht diesen Weg nehmen. Blue Note hat zwar immer noch diese rohe, satte Energie, die ich liebe, aber ich finde, daß der Samstag Abend in der Leisure Lounge grundsätzlich viel empfänglicher ist.

Hardstep Pressure

fabio: Ich fühle mich nicht unter Druck gesetzt, einer Mode zu folgen. Mein Anliegen ist es, einen Schnappschuß der melodischeren, rhythmischeren Musik zu machen. Meiner Meinung nach verkörpern die härteren Breaks ein Element von Noise mit dem ich wirklich nicht zurecht komme. Ich will nur vermeiden, daß die Musik diesen Industrial Weg geht; ich glaube nämlich, daß das sehr wohl passieren könnte. Ich würde mich nie weigern gewisse Tunes der härteren, experimentellen Schiene zu spielen, siehe Photek oder Krust, zum Beispiel. Bis zum gewissen Grad kann ich mich schon mit harten Tracks anfreunden, mit einigen Tracks dieses Genres aber gar nicht! Ich liebe Grooveriders Sound, und ich kann mich auch wenden und Dannys Sound lieben. Das Problem liegt darin, daß diejenigen, die mit dem Grooverider Sound fahren, den Bukem Sound hassen und umgekehrt. Wieso? Hört Ihr nicht, was hier los ist? Der einzige Grund, weshalb bestimmte Leute bestimmte Sounds hören, ist weil sie Teil einer Clique sein wollen. Vor einem Jahr spielten Danny, ich und Grooverider alle auf demselben Line-Up. Ich habe lange nicht mehr mit Danny aufgelegt. Solange man mich mit den Riders, Metalheadz, usw. assoziiert, werde ich auch, glaube ich, die Leute finden können, die das, was ich spiele und auf Creative Source veröffentliche, auch wirklich hören wollen.

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Elektronische Lebensaspekte.