Neben Readymade ist Fabrice Lig der andere Franzose auf F-Com, der ein ausgeprägtes Gespür für das clonkige I-Tüpfelchen in Techno hat. Detroit verlagert sich zwar nicht an die Seine, aber dafür gibt es hier mehr Melodie (und die belgischen Pommes sind näher).
Text: olian schulz aus De:Bug 59

Pommes doppelt frittiert
Soul Designer / Fabrice Lig

Manchmal gibt es ein Problem mit der Zuordnung. Neue Dinge kommen auf, die Begriffe verschieben sich und plötzlich klemmt die Schublade. Vor zehn Jahren hätten wir Fabrice Ligs Musik als Techno bezeichnet, er nennt es “Melodic Techno”. “Emotionen spüren”, “von der Musik berührt sein”, “soulfull Productions schaffen” – darum kreist das Universum des Produzenten Fabrice Lig. Sein Schlüsselerlebnis war “Big Fun” von Inner City, weil der Track zugleich sinnlich war und zum Tanzen anregte. Jahre später erteilen Fabrice seine Detroit-Idole den Ritterschlag. Als erster Weißer veröffentlichte er auf KMS einen Remix von e-dancer aka Kevin Saunderson. Ein weiterer Remix (“Greed” für Laurent Garnier) öffnet die Türen von F-Communications. Hier findet Fabrice Lig zu seinem Pseudonym “Soul Designer”: “Es erklärt meine Zielsetzung. Soul, das heißt die Seele der Leute zu berühren. Designer bezeichnet das Konstruieren von Emotionen, ausgehend von einem Nichts, dank der Maschinen. Die gelten als kalt und tot, aber sie verlangen nur danach, sich auszudrücken mit Hilfe des Menschen, der sie bedient!”

Setzen wir Fabrice Ligs Detroit-orientierten Sound in die goldene Mitte, gibt es für ihn auf beiden Seiten einen roten Bereich. Auf der einen distanziert er sich schon produktionstechnisch von zu abstrakt gehaltener elektronischer Musik. “Ich habe eher ein Studio der alten Generation. Ich verwende viele analoge Synthesizer. Ich mag diese physische Seite, an all den Knöpfen rumzudrehen. Niemals könnte ich ‘Mouse Music’ machen.” Auf der anderen Seite des Spektrums (und das mehr um der Anekdote willen) bereitet es Fabrice fast körperliche Schmerzen, wenn er auf der morgendlichen Fahrt zu seinem Lehrerjob im Autoradio E-Gitarren ertragen muss.

GERNE AUCH SESSEL

Mit “Walking on a little Cloud” veröffentlicht Soul Designer sein erstes Album. Die Platte vereint zehn Stücke zwischen Tanzfläche und Ohrensessel. In den härteren Stücken dominieren gerade Beats und Bässe mit treibenden HiHats. Fast ist es, als hörten wir eine fröhlich geläuterte und leicht aufgefrischte UR-Produktion aus den frühen 90er Jahren. Die eigene Note verleiht Soul Designer durch die starke Betonung der Tasteninstrumente. Sie sind der Ausgangspunkt seines Kompositionsprozesses. In den ruhigeren Tracks legen Keyboardflächen ein harmonisches Grundgerüst. Darüber treiben wie improvisiert anmutende, anmutige E-Piano-Passagen.

Mit dem Techno von Fabrice Lig ist es wie mit original belgischen Pommes Frites. Sie sind die kulinarische Spezialität der Brüsseler Fast-Food-Kultur (die Belgier sind stolz drauf). Damit sie so unverwechselbar werden, frittieren sie die Budenbesitzer zwei Mal. Erster Durchgang “Detroit”: Rohe Kartoffelstreifen ins heiße Öl – das sprudelt und spritzt, irgendwann sind sie durch. Raus damit, Fett abtropfen lassen. Zweiter Durchgang, Rezeptur Soul Designer: Nochmal aufbrutzeln das Ganze. Überflüssiges Beiwerk mutiert zum Knackigen. Jetzt sind die Stücke richtig außen-knusprig, innen-weich. Es gäbe zwar eine Menge feiner Saucen am Brüsseler Kiosk. Mit Ketchup und Majo schmeckt es uns aber doch am besten. Keine Experimente, lieber das Traditionelle noch ein wenig verfeinern. Manche Dinge munden besser, je öfter man sie aufwärmt. Merci à vous, maître Lig.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.