Text: Tim Stüttgen aus De:Bug 104


Fags & Mags

Recht gelungen schick sind sie, die kleinen feinen schwulen Magazinchen zur Zeit. Ob der Amsterdamer Klassiker Butt, die neue deutsche ästhetische Topadresse Basso (Berlin) oder die australische Komposition “They Shoot Homos, Don´t They?“: Gut sehen sie aus, gesund, Hochglanz trifft auf Subtilität. Passendes Format: klein, eher A5 als A4, cooles Zeug (nicht nur) fürs Coffee-Table, natürlich ein paar Schwänze (aber nicht zu viel) und etwas Poesie (aber nicht zu lang), seitenweise Interviews mit lakonischen stylishen Nichtigkeiten (gerne überlang) und ein bisschen Star-Showoff zwischen bildender Kunst und krediblem Nerdismus, bestem Lofi-Layout und topnotch Photography. Nix Neues, nix Revolutionäres, nix ultrapolitisch Aufgeladenes, aber ganz sicher auch nix Gehaltloses, diese Hefte, welche einem mehr als einen glücklichen Abend bescheren können. Es macht Sinn im Jahre 2006, wenn man nicht schon dabei ist, anzufangen, Gay Magazines zu sammeln.

Schwulsein, das kann man beim Durchblättern schnell mal so dahinsagen, tritt hier geschmacklich formbewusster denn je auf, in subtiler Adäquatheit und fast minoritärem Format. Was soll man auch sonst machen, wenn alle großen identitären Schlachten ausgefochten scheinen (was sie natürlich nie sind)? Nicht die schlechteste Option: Erst mal was runterkommen. Daher das kleine Format, die Lässigkeit, die Betonung von sozialer Spur statt pathetischer Wahrheit, die distanzierte Gelassenheit in Sachen Style und ein Mikro-Rest an queerer Negation.

Ich mag eigentlich jedes dieser Hefte. Ich könnte sie jeden Tag durchblättern, sie entspannen und unterhalten. Ist das nur die Reaktion auf die gelungene Redaktionsarbeit cleverer Redakteure der Kunstschul- und Design-Elite und ein funktionierendes Format? Nö. Nicht nur. Diese Hefte scheinen was auf die Reihe zu kriegen und durchzuarbeiten, was sich in den letzten Jahren sehr verändert hat, ja, eine Krise durchlief. The Thing called schwule Identität.

Wieso gerade die und gerade das? Eine hochtrabende These. Sinn macht sie erst, wenn man etwas tiefer in die Verschiebungen eintaucht, die sich seit der für die schwule Kultur merkwürdigen Gleichzeitigkeit aus intensiver Mainstreamisierung und der Etablierung der akademischen Queer-Theorie-Achse in Sachen Dekonstruktion ergeben haben.

Wackliges Fundament
Denn durch all den Trubel ist die schwule Sache in den letzten Jahren nicht gerade stabiler geworden. Gayness scheint überall und nirgends ein etwas fragiler Punkt für jeden identitären Zusammenhang. Auch wenn man immer noch potenziell aufs Maul bekommen kann, wenn man abends im falschen Laden mit dem richtigen Typen knutscht, wirken die Oberflächen weicher gewischt, aufgeräumter, unumkämpfter. Natürlich ist das eine Lüge, aber eine wirksame, mit Impact. Offensichtlich scheint die Integration erfolgreich beendet, es geht um Heirat, Karriere. Und der bessere Friseur, Designer oder Indielabelmacher ist der Schwule doch sowieso, das weiß auch mittlerweile meine Oma. Medial wurden recht große Umbrüche mit immer kleinerer Schockwirkung inszeniert, die ein aufrechter Sozialdemokrat wohl als die normale Entwicklung der ach so modernen westlichen Welt beschreibt: Guido Westerwelle tauchte endlich mal mit seinem Partner in der Öffentlichkeit auf und kaum ein Boyband-Star kam drumherum, sich auf den femininen Flow der Timberlake-Moves zu beziehen.

Eine der schönsten Hooklines der letzten Jahre, der zärtliche Blick auf den Typen auf der Straße mit der strammen Jeans, dem man ein “Too straight to be straight“ anhängt, kann langsam aber sicher im zunehmenden Maße durch ein “Too gay to be gay“ ausgetauscht werden. Eines ist nämlich klar: Schwule Touches in Mode und Musik, die angebliche Verweiblichung der Arbeit von Macker an der Maschine zum einfühlsamen Team-Typen am PC, Kaffee-Commercials und Pizza-Werbungen, alles scheint zu gehen. Solange man, das hatte der Spex-Autor Hanno Stecher mal in seinem Text über Le Tigre angedeutet, natürlich den Jungs nicht beim Ficken zuschauen muss, selbstverständlich.

Verkaufsargument Schwulsein
Das muss man erst mal packen. Während der Mainstream erobert wird und sich eine Reihe enger Klischees als profitable Lifestyle-Optionen etablieren, kommen in der Queer-Theorie die von Judith Butler angeführten, primär lesbischen Philosophinnen daher und dekonstruieren noch den letzten Rest essenzialistischer Kategorien in Sachen Männlichkeit und Weiblichkeit. File under: Identitätskrise. Auf einmal soll es das nicht mehr geben, was die Queer-Theoretikerin Eve Kosovsky Sedgwick “a culture of shame“ genannt hat, sondern nur noch glückliche schwule Karrieren und einfache Outings. Und gleichzeitig soll es auch eigentlich gar keine klaren Kategorien von Männlichkeit und Weiblichkeit mehr geben, irre.

Schaut man sich das Diskurslevel an, ist die Sache eindeutig: Die coole Theorie droppen die Frauen. Zähle mir zehn zeitgenössische Queer Theorists auf und sei froh, wenn du dabei auf ein Viertel Typen kommst. Die deutlich längeren und härteren Jahre in der Unsichtbarkeit haben das Bündnis zwischen Queer und Lesbianismus strategisch fitter gemacht, als es das der Schwulen zur Queer-Theorie möglicherweise je war. Lesbische oder transgenderte Identitäten scheinen zur Zeit als Ikonen sowohl mehr Underground und theoretisch versierter, ob auf der Lesung oder auch auf der Bühne: Wenn wir beispielsweise von interessantem Drag reden, wird der Großteil davon zur Zeit von Kings und nicht Queens performt. Mittlerweile gibt es die ersten schwulen Drag Kings, die nachts aus den Darkrooms – for men only! – geschmissen werden. Gar nicht so einfach zu handeln, dass selbst in Homokontexten Männlichkeit nicht mehr nur den Schwulen gehören soll.

Wo Weiblichkeit noch immer mit Schwäche identifiziert wird und deren Dekonstruktion als Maskerade, Artefakt, Inszenierung mittlerweile Usus ist, hat der King in den letzten Jahren den Spieß umgedreht und nicht nur die “kredible Männlichkeit in Frauen“ (Judith Halberstam) so sichtbar wie schön und stolz gemacht, sondern damit gleichzeitig den sonst als so authentisch wie mächtig kodierten Topos der Männlichkeit einem Realness-Faktor beraubt, den eigentlich schwule und straighte Biomänner untereinander verhandelt haben.
File under: Männlichkeit im Zeitalter ihrer performativen Reproduzierbarkeit.

Wie reagiert die schwule Kultur darauf? Mit boyisher Devotion den klugen lesbischen (Mutter-)Denkerinnen gegenüber oder mit stiller Ignoranz und dem Verharren im eigenen Rainbow-Kaffee. Oder mit dem Wissen, gesellschaftlich immer noch die größeren Vorteile zu haben und die besseren Strukturen, und, vielleicht am eindeutigsten das neue Ding, mit einem erneutem Aufstocken der Männlichkeit, Reinszenierung und Genießen. Das ist natürlich nicht nur doof, sondern teilweise auch einfach sexy, lustig und gut so. So beispielsweise, wenn in der ersten Ausgabe von “They Shoot Homos Don’t They?“ Bruce La Bruce, eigentlich auch ein großartiger Macker alter Schule, das erste Interview des Heftes mit dem Latino-amerikanischen Homogangster-MC Deadlee eröffnete, um mit ihm über die Homoerotik der G-Unit und seinen Spuckfetisch zu sprechen. Bei Bruces letzten Besuch im Berliner Club Berghain, wo auch immer weniger andere queere Identitäten neben den muskelbepackten Ledertypen zu entdecken sind, betonte er auch immer wieder, dass er am Begriff “queer“ im Gegensatz zu “Fag“ wenig politisches, gar subversives Potenzial mehr entdecken könne. Deswegen fühle er sich auch hier ganz gut.

Der Bezug auf die Faggyness, der in Heften wie Butt immer noch genießerisch gefördert wird, wenn zum Beispiel Matmos nach ein paar Sätzen Theorie darauf hinweisen, an diesem Ort lieber nur konsequent übers Ficken sprechen zu wollen, bleibt eine letzte beständige Fluchtlinie, die das Minoritäre der Gayness zu fassen vermag. Fag ist der offensive Verweis zum Schwuchteligen und absurd Albernen, zum campigen Trash und latent Deviantem. Ein Hauch irrationale Negation gegenüber heteromännlichen Logos. Diese Haltung, die sich weder ästhetisch noch moralisch so einfach zwischen Gender-Mainstreaming und theoretischer Academia-Elite integrieren lässt, könnte sich in den nächsten Jahren als vielleicht das Comeback unter neuen historischen Bedingungen erweisen.
Insgesamt lässt sich mit dem neuen Männlichkeitshype, der unter verschiedenen Koordinaten in straighter wie schwuler wie lesbischer Kultur vorherrscht, so gleichzeitig Bestes erwarten und Schlimmstes befürchten. Dass alle Formen der Männlichkeit nun alle haben können, ist so lustig wie angemessen, bedeutet aber nicht, dass diese auf einmal die immer beste Option ist – historisch unbelastet ist diese Form nun gerade nicht. Die neue Männlichkeit, welche sich von den tuntigen Anrufungen des Außens emanzipiert hat, trägt so dann auch nihilistische Früchte, die sich im Nachtleben mit dem intensivierten Barebacking-Trend abzeichnen und den australischen Homoartist in “They Shoot Homos 1“ zu dem Punkt kommen lässt: “Ich denke, ich war nie ein schwuler Künstler. Ich würde es hassen, einer zu sein.“

Dass Gayness auf einmal nicht mehr die tragische Essenz noch die psychologisierte Wahrheit des Outings sein muss, nutzen die besten Momente besagter Hefte deswegen gerade so künstlerisch smart und mit der zur Zeit besten Männer-Repräsentation, denen der Mainstream scheiternd hinterherlaufen wird. Genau deswegen erwartet er gerade von dort immer wieder die frischen Impulse. Wenn Männlichkeit auch nur ein Topos ist, der dekonstruiert und zitiert werden kann, finden sich hier die Connaisseure und Spezialisten, die wie gute Kuratoren zeitgenössische Typen wie den Bären oder dem Vincent-Gallo-Lookalike, klassische perverse Stars für das Interview ihres Lebens, stylishe Dandys und spießige Gentlemen. Eine so absurde wie unterhaltsame Reihe, die probiert, den schmalen Grad zwischen innen und außen, schwulem Anderen und emanzipiertem Gesellschaftsteil mit den besseren ästhetischen Claims irgendwie mit Würde und genauen Details in Sachen Distinktion auf die Reihe zu bekommen. Was sich auf der großen High-Society-Bühne schnell als Sellout gestaltet, funktioniert gerade in diesen kleinen Heften also verdammt gut. Gayness ist hier eine Sache des feinen Unterschieds zwischen käuflichem Lifestyle-Angebot und dem letztendlich nicht vollkommen okkupierbaren, besseren Durchblick im Homoalltag. Wenn also Michel Foucault einmal vor dreißig Jahren feststellte, dass die Gesellschaft wohl mehr vom Lebensstil der Schwulen irritierter wäre als vom sexuellem Akt an sich, scheint die logische Verschiebung heutzutage, dass genau diese Angst zur Faszination wurde, die die schwule Kultur wackelnd aber meisterlich für sich einzusetzen versucht. Das kleine schwule Magazin entpuppt sich in diesem Prozess als die smarte Elite eines coolen Wissens, dass alle inspirieren, aber eben nicht jeder haben kann.

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Elektronische Lebensaspekte.