FairTrade kümmert sich seit dreißig Jahren um eine angemessene Entlohnung von Lebensmittelproduzenten in den Entwicklungsländern. Dieses Modell soll jetzt auf kulturelle Produkte ausgeweitet werden, allen voran Musik. Peter Rantasa tritt den steinigen Weg an.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 118

Mehr Geld, mehr Respekt
Das FairTrade-Logo für Musik

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Kapitalismus und Konsum sind ja im Grunde der Monotheismus der westlichen Welt. Jeder glaubt dran und wenn nicht, taugt es wenigstens als Totschlagargument. Der Kapitalismus ist ein geschlossenes System, da kommt so schnell keiner raus, Pech gehabt. Kein Wunder, dass sich Widerstand gegen die Party der absoluten Liberalisierung immer mehr auch innerhalb des Kapitalglaubens formuliert. Niemand könnte behaupten, dass sich die Codes des Kapitalismus nicht umschreiben ließen. Eines der etabliertesten Mittel des ungläubigen Konsumenten, Aspekte der Gerechtigkeit einzuführen, scheint da der Einkauf. Von Hardlinern als Wohlfühlkonsumismus oft kritisiert, aber letztendlich doch wirksam, sind Organisationen wie FairTrade, die beim Einkauf versprechen, dass der daheim gebrühte Kaffee dem Kaffeebauern angemessen bezahlt wird. Für kulturelle Güter gibt es ein solches Logo bislang nicht, obwohl die Tendenz, bei Indies zu kaufen, schon seit Jahrzehnten fest zur Musikkultur gehört. Aber wir alle wissen, ein kleines Label kann ebenso ein Gangster sein wie ein großes, und ein überprüfbares Logo auf der CD oder neben dem Download, das uns sagt, ja, hier wird der Musiker nicht über den Tisch gezogen, fehlt eigentlich schon immer. Peter Rantasa vom Musikinformationszentrum Austria (MICA) hat sich auf den steinigen Weg durch die weltweiten NGO-Versammlungen, die UNESCO und die WTO gemacht, um genau das endlich zu realisieren und den dreißigjährigen Vorsprung von FairTrade gegenüber den Kulturgütern – allen voran Musik – aufzuholen.

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Die Idee für FairMusic liegt ja auf der Hand, aber wann genau kam es dazu?

Die erste Idee dazu hatte ich vor ca. drei Jahren, als die Diskussionsprozesse um die UNESCO-Konvention zum Schutz kultureller Vielfalt sich intensiviert haben. Diese Konvention ist letztes Jahr beschlossen worden und wurde erst vor kurzem ratifiziert. Ich war über den internationalen Musikrat (IMC) in die Stellungnahmen und Prozesse eingebunden. In dem Zusammenhang, in dem es um einen Ausgleich zwischen Kultur und Wirtschaft geht, habe ich überlegt, ob es nicht funktionieren könnte, das Modell und die Erfahrungen von FairTrade auf den Bereich kultureller Güter zu übertragen.

Wie lange hat es an Recherche gebraucht, um zu entscheiden, dass das wirklich gehen könnte?

Der erste Schritt war, bei den NGOs – mit denen ich ja verbunden bin -, zu prüfen, ob es passt. Dann gab es vor zwei Jahren eine Testpräsentation bei der WOMEX in Newcastle, bei der sehr viele Veranstalter und Labels aus den Ländern der 3. Welt waren. Es gab eine sehr positive Reaktion. Danach habe ich dann mit der FairTrade-Organisation Kontakt aufgenommen und mir sehr genau angesehen, wie die Kollegen das dort mit ihren 30 Jahren Erfahrung machen.

Wie war das Interesse von deren Seite?

Wir haben Gemeinsamkeiten und Unterschiede festgestellt. Die Gemeinsamkeiten liegen darin, dass ein Qualitätssiegel für den fairen Umgang mit Produzenten und Produzentinnen existiert. FairTrade hat sich bislang allerdings ausschließlich um den landwirtschaftlichen Bereich gekümmert. Erst jetzt gibt es z. B. einen Standard für handgefertigte Sportbälle. Das ist zum ersten Mal ein Produkt, das kein Rohstoff ist. Die Frage war relativ schnell, ob für Musik die gleiche Ausschließlichkeit gelten kann, die FairTrade hat, sich also nur um Entwicklungsländer kümmert. Auch wenn es wichtig ist, diesen Schwerpunkt mit aufzunehmen, lässt er sich bei Musik aufgrund der Globalisierung nicht wirklich durchhalten. Es war für uns also auch nicht notwendig, das FairTrade-Logo verwenden zu können, aber wir wollen ebenso seriös versuchen, die Standards und die Integrität der Verfahrensweisen, wie sie FairTrade in den 30 Jahren gelernt hat, zu erreichen. Deshalb wird FairMusic auch eine längerfristige Angelegenheit.

Wie sieht dieser weite Weg konkret aus? Es gibt das Konzept, das Logo, den Award und auch schon die ersten CDs …

Mozart macht’s möglich

Wichtig war im Werdegang zunächst auch noch eine Finanzierung, da ich das ja nebenher zu meiner sonstigen Tätigkeit mache. Die kam 2006 über das Jubiläum des Geburtsjahres von Mozart. Eine EU-Ausschreibung. Der Zusammenhang: Mozart war quasi der erste freischaffende westliche Komponist. Er hat sich von den Grafen in eine Selbstständigkeit via Fußtritt befördern lassen und sich dann mit Auftritten usw. finanziert. Für uns war die Frage, ob das Verhältnis in diesem Fußtritt ausgedrückt werden muss, ob es ein solches Machtverhältnis sein muss, oder ob es auch fairer geht. Der nächste Schritt war dann, die Netzwerke einzubinden. Auch für den IMC, das wurde gerade in Peking beschlossen, steht das Thema jetzt auf der Agenda. Gemeinsam mit den NGOs wird jetzt bis Januar eine Art freiwillige Selbstverpflichtung, ein Code Of Conduct für Musikfirmen, aufgesetzt. Das kann dann ein Label, das sich für diesen Verhaltenskodex entscheidet, unterschreiben und darf das dann auch kommunizieren. Der zweite Schritt ist dann, den nächsten FairMusic Award international auszuschreiben, bei denen wir Firmen finden wollen, die schon jetzt sehr fair agieren und als Vorreiter, als gutes Beispiel für andere ausgezeichnet werden sollen. Dann geht es daran, die ersten Standards zu entwickeln. Auf der Webseite der FairTrade-Organisation kann man sehen, was genau das heißt. Das sind 4-5 Seiten lange Dokumente, in denen alles genau für jeden speziellen Bereich definiert wird. Für à la carte Downloads sollte das z.B. sehr leicht sein. Das ist dann mehr als ein Code Of Conduct, weil genau überprüft werden kann, ob die Bedingungen eingehalten werden. Es gibt also eine echte Zertifizierungsprozedur.

Es soll also für FairMusic hinterher eine Instanz geben, die das überprüft.

Das müssen wir später sehen. Was ich jetzt sehr schnell sehen möchte, sind CD- und Internetveröffentlichungen, die die Künstler selber als Label machen, die also logischerweise fair sind, die das FairMusic-Logo transportieren. Wichtig ist ja auch, dass sich ein Repertoire aufbaut. Da gibt es auf jeden Fall ein Potential. So ein Logo soll ja für die Label vor allen Dingen auch Wahrnehmung bringen. Wir werden das Repertoire dann auch über die FairMusic-Webseite darstellen. Es ist eben eine Qualitätsauszeichnung.

Wenn jemand nun – einfachste Frage – denkt, er macht “FairMusic”, wie kommt er da ran?

DiY ist fair

Das ist noch ein wenig kompliziert, da ich eins nach dem anderen machen muss. Wer seine eigene Musik veröffentlicht, für den ist es am einfachsten, der kann mich über die FairMusic-Webseite kontaktieren. Für den Hörer ist der Unterschied nicht so eindeutig, weil solche Labels natürlich normalerweise so gebrandet sind wie ein normales Label auch. Wo Künstlerverträge etc. notwendiger sind, ist es natürlich schwieriger, da braucht man erst mal die Standards und den Code Of Conduct. Zunächst mal ist es für mich auch wichtig, dass die ganzen Geschichten um dieses Thema erzählt werden und sichtbar bleiben. Wir bemühen uns ja auch um Lobbying im Musikbereich, weil das wirtschaftliche Vorteile für die fairen Künstler bringen kann. Und diese fairen Verträge münden ja letztendlich irgendwann in einem Urhebervertagsrecht. Die UNESCO sagt ja auch, dass sie Kulturwirtschaften finanziell fördern kann. Das aber auch für kleine Labels und Produzenten tatsächlich realisieren zu können, ist für uns ein wichtiges Thema.

Im Grunde ist das alles ja eine Erweiterung, dessen, womit du dich beim Musikinformationszentrum Austria befasst.

Es ist eine Fokussierung der Themenstellung, ja. Manche sagen, das kommt zu spät, aber ich denke, genau jetzt ist es richtig. Man darf nicht vergessen, dass es bei den Vereinten Nationen verschiedene Bereiche gibt. Die WTO, die Liberalisierungen verhandelt, hatte ja kulturelle Güter und Dienstleistungen auf den Verhandlungsplan der DOHA-Runde (WTO-Konferenz 2001) gesetzt. Die ist jetzt gescheitert. Wenn so etwas erst mal liberalisiert ist, dann kann der einzelne Staat dort eben auch nicht mehr fördernd eingreifen. Das war für die Europäer ein großer Schlag, weil deren gesamte Kulturförderung auf einmal zur Disposition stand. Als Gegenmodell auf UNESCO-Ebene war der Schutz der kulturellen Vielfalt angestoßen worden. Und beides sind Völkerrechtsinstrumente, die zwischenstaatlich gelten. Das zeigt diese Balance zwischen Kultur auf der einen und Wirtschaft auf der anderen Seite. Und ein Kernpunkt dieser Gedankenwelt in der UNESCO ist der duale Charakter, dass die “Handelsware” Kultur nicht nur in wirtschaftlichen Fakten ausgedrückt werden kann, weil Werte und Identitätsfragen da drin stecken. Hier eine Balance in der Diskussion herzustellen, ist das Thema der UNESCO-Konvention. Als zweiten Grund, warum es für uns jetzt auch besonders sinnvoll erschien, war, dass der Strukturwandel der Musikwirtschaft durch das Internet, das mittlerweile einen beachtlichen Teil des Marktes ausmacht, eine große Chance birgt. Mit über 10% des Marktes reden wir ja von einer signifikanten Größe, bei der man gut nachfragen kann, ob das zu einer Verbesserung der Situation der Künstler und Produzenten führt. An den bisherigen Vertriebssystemen gibt es ja genügend Kritik und wir sehen jetzt auch schon Akteure, die neue Modelle nutzen, und die man deshalb auch herausstellen kann.

Irgendwann brauchst du aber auch eine größere Organisation, allein zur Überprüfung.

Das ist ein wichtiger Schritt. Das MICA wird ja aus EU-Mitteln finanziert, also kann ich das noch mittragen, aber je internationaler es wird, desto weniger kann es eine Aufgabe der MICA sein und da wird es dann eine Übergabe an eine internationale Organisation geben müssen, sei es der internationale Musikrat oder eine andere, die das dann aufbaut und sich um eine weitere Finanzierung bemüht.

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Elektronische Lebensaspekte.