Dubstep im Weitwinkel
Text: Multipara aus De:Bug 151

FaltyDLs Sound ist inzwischen unverkennbar: eine spezielle, immer etwas unruhig-aufgekratzte Drum-Programmierung, in der 2step neu aufblüht, und die mit ihrem zischelnden Funk und afrokubanischen Einflüssen auch den House-Sound seiner Heimatstadt New York in sich trägt. Einzig die Kickdrum ist oftmals nur ein Percussion-Instrument unter vielen und nicht die treibende Kraft. Dazu Garage-Vocals, die durch die Tracks geistern wie Déja-Vus vergangener Nächte, ein Planet-Mu-typischer Sinn fürs Melodische, ein subtiler Umgang mit Bass und eben eine stilistische Integrationskraft, die einer offensichtlich großen Liebe zu Musik aller Art entspringt.

Debug: Was mich am neuen Album am meisten überrascht, ist der Einsatz von Sängern. Vielleicht zu Unrecht, denn als Samples tauchen Gesangsschnipsel ja oft in deinen Stücken auf, aber sie wirkten bisher nie so konkret.

FaltyDL: Ich wollte mit Sängern arbeiten, um den Graben zwischen einem elektronischen Instrumentalalbum und den Hörern noch besser zu überbrücken. Und ich wollte die Herausforderung, mit anderen Musikern zusammenzuarbeiten. Normalerweise sample ich Vocals und biege sie mir dann zurecht, das habe ich diesmal weniger gemacht. Ich mache ja die ganze Zeit Instrumentals. Da höre ich oft freien Raum und will den dann mit Vocalsamples füllen. Diesmal hab ich solche Räume einfach noch weiter geöffnet, um richtigen Vocals Platz zu machen. Anneka hatte ja schon mit Ital Tek, Starkey und Vex’d gearbeitet, das ging über die Planet-Mu Connection.

Debug: Auch sonst zeigst du auf “You Stand Uncertain” neue Facetten, nach dem zentralen Titeltrack etwa wechselst du mehrmals das stilistische Hemd, schaust bei Jungle und in Detroit vorbei. Ist diese Öffnung einer Folge der zahlreichen Remixe, die dir letztes Jahr anvertraut wurden?

FaltyDL: Zunächst einmal: Remixe sind eine Ehre, weil da jemand deinem Urteil vertraut und deinen Stil schätzt. Ich mache das auch wirklich gerne. Letztendlich helfen dir Remixe auch dabei, deinen eigenen Stil zu entwickeln und zu verfeinern. Und das ist doch das Wichtigste. Man muss in sich hineinhören, dann kommt das ganz automatisch. Meine eigene Musik, aber auch die, die ich einfach so höre, sind doch Teile eines größeren Ganzen. Das gilt auch für die Remixe, auch wenn die mir Sounds liefern, auf deren Verwendung ich selbst nicht kommen würde, und sich deshalb auch nicht vorhersagen lässt, wie sie am Ende klingen werden.

Debug: Deine Einzel- oder 12″-Tracks legst du zupackender an als die auf deinen Alben, die viel erzählerischer und atmosphärischer wirken. Im digitalen Zeitalter werden Formate ja zu einem Anachronismus. Welchen Stellenwert haben sie trotzdem für dich?

FaltyDL: Letztes Jahr habe ich sehr viel Zeit damit verbracht, Alben zu hören. Ich finde es wichtig, sie zu mehr zu machen, als zu einer bloßen Sammlung von Tracks, auch wenn das Zusammenstellen lange dauern kann. Mike von Planet Mu und ich hängen sehr an Vinyl und ich hoffe, dass es überlebt. Wichtiger finde ich da allerdings Bücher, die sind tatsächlich in Gefahr, in Vergessenheit zu geraten. Es wäre eine Schande, wenn meine Kinder nicht mehr wüssten, wie Bücher aussehen!

Debug: Auch wenn du heute vor allem aus einem Post-Dubstep-Blickwinkel wahrgenommen wirst: Deine Wurzeln reichen ja weit über britische Elektronik hinaus. Zu HipHop etwa, was ich aber kaum heraushöre; Jazz dagegen viel eher. Was hast du von HipHop gelernt? Oder von Miles Davis?

FaltyDL: HipHop ist in meiner Musik zuweilen eher eine Haltung, eine gewisse raue Attitüde. Die musikalische Form tritt da in den Hintergrund.
Miles Davis: Da haben wir einen bad mother fucker! Ich sample ständig seine Platten. Jede Woche.

Die meisten Samples verwende ich dann schließlich nicht, weil sie so offensichtlich sind. Die Freiheit in seiner Musik liebe ich mehr als alles andere.

Debug: Für die Einsteiger: Wie erschließt man sich das Werk von so einer Überfigur?

FaltyDL: Ich würde Mitte der Siebziger anfangen, und dann rückwärts gehen. So versteht man ihn am leichtesten. Zuerst ”Big Fun“, ”Live at the Philharmonic“ und ”Dark Magus“, dann zurück zu den Studioalben mit seinen diversen Quintetten.

Debug: Du hast vorhin vom Wunsch gesprochen, mit anderen Musikern zusammenzuarbeiten. Jazz wäre ja eigentlich die klassische kollaborative Musikform …

FaltyDL: Ich hab in der Tat lange in verschiedenen Jazzgruppen Bass gespielt, elektrisch und akustisch. Die elektronische Produktionsweise hat mir aber viel mehr Möglichkeiten eröffnet, obwohl ich mein Setup ziemlich einfach halte und mich weitgehend auf Software beschränke. Aus beidem hab ich viel musikalische Erfahrung gezogen, dafür bin ich sehr dankbar. Ich versuche, nicht zu vergessen, wo ich eigentlich herkomme – das ist sehr wichtig.

Debug: Und wo geht es hin?

FaltyDL: Aktuell bin ich Vollzeitmusiker und total glücklich, dass das funktioniert! Dieses Jahr kommen ein paar 12″s und ich gehe bald das nächste Album an. Aktuell stehen auch wieder Gigs in Europa an. Das ist zwar stressig, aber ich bin so froh, touren zu können: Hamburg, Manchester, Vicenza, San Francisco z.B. waren in der Vergangenheit einfach toll. Und in London freue ich mich immer darauf, mit Luke Vibert Platten kaufen zu gehen!

FaltyDL, You Stand Uncertain, ist auf Planet Mu/Cargo erschienen.

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