wiederbelebungsversuche von alten krautrockhelden.
Text: j. m . costa aus De:Bug 02

FAUST
von J. M. Costa (JMCosta@compuserve.com)

Faust (die Gruppe) und Nosferatu (der Film). Wie passend, wie reizvoll! Meilensteine in der Kulturgeschichte der pop-industriellen Gesellschaft, Monumente abendländischen Avantgardismus, tote oder immer noch lebendige (wer weiß?) Echos einer anderen Ära, so weit entfernt…

Es war die Eröffnung eines Blood and Magic Filmfestivals in Berlin. Sommerliche Temperaturen, Bram Stokers Jahrhundert, im Schloßhof des Grafen von Podewil, eine erlesene und differenzierte Schar von Zuhörern und -schauern und authentische Helden des… Krautrock(?), um die restaurierte Version von Nosferatu (Murnau, 1922) live zu vertonen. Vollständig und mit 16 statt der üblichen 24 Bilder pro Sekunde. Ganz langsam. Ganz seriös.
Leider machte das Wetter nicht mit. Trotz der Wärme drohte Regen und so wurden Apparatur und Event in das Theater verlagert. Drinnen war es heiß. Sehr heiß sogar. Man kann jetzt die rhetorische Frage stellen, ob diese Änderung den Abend irgendwie vermasselt hat. Aber, was will man denn? Eine Vampir-Krach Party mit lauwarmer Gemütlichkeit, auf grünem Gras unter dem Sternenhimmel? Come on!
Ja, dieses Theater war eine Hölle, wo man sitzen, schweigen und nicht rauchen sollte. Und es war auch gut so. Auf der Bühne und vor der Leinwand – der typische Faust-Kram. Trommeln, Metalle, Glöckchen, Synthesizer, Gitarre… Gründlich verstreut, überlagert von einer Art Spinnennetz, das ein paar eleganten und gruftigen Damen stille Vorfreuden bereitete.
Natürlich mußte man auch warten. Während dieser Phase konnten die Zeitgenossen von Faust – eine beachtliche Minderheit – ihren jüngeren Begleitern über die Schlachten des vorletzten Jugendkrieges berichten.
Damals, als Leute wie Faust so konsequente Verweigerer waren, daß sie die 68er Revolution ohne weiteres verpassen konnten. Im Norden, inmitten der Nebel zwischen Bremen und Hamburg, als Kommune in einem Schulhaus bei Wümme isoliert.
Es waren psychedelische Zeiten. Sehr surreal, sehr chaotisch und Faust fanden ernsten Spaß an Ritualen, Aktionen, Surrealismus, chemischen Erfahrungen und daran, eine ziemlich seltsame Art Musik zu machen.
Eigentlich wollten sie überhaupt keine Karriere machen. Man musizierte einfach so, ein wenig aus Langeweile, ein wenig als Therapie, aber überwiegend aus einem kreativen Bedürfnis. Es war ein Kritiker, Uwe Nettelbeck, der sie entdeckte und ihre verrückten Tonbänder nach Hause ins Studio mitnahm, um ein erstes Album zusammenzubasteln, das 1971 in durchsichtiger Hülle, ebensolchem Vinyl, dem Röntgenbild einer Faust und ohne weitere Angaben, über Polydor (!!!!!) eine Handvoll Läden in Deutschland und England erreichte.
Die Platte traf den Zeitgeist besonders hart, obwohl das damals sehr wenige wahrnahmen. Der Inhalt war naiv, zart und brutal, eine Mischung industrieller Geräusche und herkömmlicher Instrumente, die solchermaßen malträtiert wurden, daß es sehr weh tat. Und dazwischen eine Art Kinderlied von einer niederschmetternden Fragilität.
Dieses Werk erfüllte alle Bedingungen, um einen Mythos aufzubauen. Dazu kamen unerhörte Ill-Performances in London, ein Vertrag mit der frischgeborenen Virgin, eine neue und besser distributete Patchwork-Platte (‘Faust Tapes’ (1973), die noch vor zwei Jahren in der ‘Jazz’- Abteilung eines -seriösen- Plattenladens zu finden war), Drogen und Familienprobleme.
Die Wirkung von Faust in jener Epoche war vielschichtig. Sicher ungewollt kamen sie mit so heterogenen Gesellen wie Tangerine Dream, Popol Vuh, Neu, Floh de Cologne, Can, Ash-Ra Temple, Kraftwerk oder Amon Düül II unter den Banner des Krautrocks (in vielen Ländern einfach ‘Deutscher Rock’). Daß diese Gruppen fast nur durch eine erste und echte Post-Rock Haltung verbunden waren, fiel damals nicht besonders auf.
Oder eigentlich schon. Heutzutage pflegt man sich nur an die begeisterten Reviews Ian McDonalds im Melody Maker zu erinnern, aber die üblichen Reaktionen der damals dominierenden, vom ‘Progressive-Rock’-Denken geprägten Musikideologie waren überraschend zornig und irritiert. Sogar von Amon Düül II, aber Faust waren die gehaßtesten. Das machte sie erst einmal sympathisch. Und man lernte sie zu lieben.
Beides, Liebe und Haß, wucherten ungeduldig in ihrer Musik. Man hörte musikalische Entwürfe, die sich einfach überlagerten oder abrupt endeten (so wie die DJ Spookies dieser Erde heute auflegen), man hörte Schreie, Maschinen oder Metallgeräusche (prä-Industrial), kleine dumme Melodien oder sich unendlich wiederholende Rhythmen (Minimalismus, später arbeiteten sie mit Tony Conrad als das grandiose ‘Outside The Dream Syndicate’), mehr oder weniger organisierte Tumulte (Noise) und einen frechen, schwarz-naiven Humor, der die Summe der sinngeladenen Albernheiten rechtfertigte (fast wie in Punk).
Das klang wie revolutionäre Trans-Musik. Ungefesselt, magisch und wild – wie das Produkt einer besonders bedrogten und doch gelungenen Nacht. Wer die alten Magazine liest, wird merken, daß selbst die Engländer nichts Vergleichbares kannten. Einige Andeutungen an Zappa, Captain Beefheart und, etwas einfallsreicher, an Leonard Cohen oder Bob Dylan. Man könnte vielleicht noch an bestimmte Platten von Albert Ayler oder Sun Ra denken, um etwas in dieser Richtung zu finden. Aber das wäre es auch schon.
Es hatte schon Experimente im Pop gegeben (Beatles, Beach Boys, Velvet, Pink Floyd, Soft Machine…), aber keiner hatte die Grenzen der Rockstrukturen so durchlöchert, wie diese Kulturterroristen. Ja, das waren sie, unfaßbar jenseits von Zeit, Gut und Böse, wie Engel oder Dämonen… Mysteriös dazu.
1975 war Schluß. Die Antiprofessionellen wollten sich nicht professionalisieren, es gab immer mehr Drogen und Probleme und so verschwanden sie. Einfach so. Bis 1990, als sich Jean Herve Peron, Werner Zappi Niemayer und Joachim Irmler wiedervereinigten. Dann eine tolle Platte mit dem wirklich interessierten Jim O’Rourke (‘Post-Rock meets Post-Post-Rock’), eigenartige und katastrophale Konzerte in den Staaten, Pausen, Abenteuer, weitermachen und… endlich gehen die Lichter aus.
Zappi, kahl, groß und im eindrucksvollen Pennerlook, begibt sich zwischen den Schrott und beginnt einen lethargischen Monolog mit der geschriebenen Einführung des Filmes. Prompt füllt sich die Leinwand mit Grau, Schwarz, Weiß… Ja, der Film flattert ein bißchen wegen der niedrigeren Bildrate, aber die unterschiedliche Färbung sieht schön aus und die Bewegungen wirken tatsächlich eleganter. Die Lübecker Straßen, die Karpaten, das Wasser… und Orlock, der beste Dracula der Geschichte.
Auch die Musik beginnt sich langsam aufzubauen und die Vorgehensweise ist rasch zu erkennen. Faust behaupten, den Film vorher nicht gesehen zu haben, der Unbefangenheit wegen, aber das ist schwer zu glauben. Sie haben ihn in große Segmente geteilt, um darüber für sie typische Muster zu spielen. Rhythmisch oder fließend, laut oder leise, akustisch oder synthetisch. Beliebig ausdehnbar, wie man merkt.
Spätestens nach eine Viertelstunde scheint klar zu sein, daß man heute nichts überwältigendes erleben wird. Das hier ist kein Faust-Konzert. Eine Gruppe, die auf Unberechenbarkeit basiert (neulich haben sie ein Schaf als akustischen Botschaftträger benutzt) leidet unter den Zwängen der recht beeindruckenden Filmstruktur. Sie hätten auch freier und zügelloser agieren können, ihre eigene Interpretation dieses Kampfes zwischen Gut und Böse riskieren und dadurch eine echte Auseinandersetzung mit dem Film statt einer einfachen Untermalung wählen können. Aber sie haben den linearen Respekt gewählt.
Das Beispielhafte an Faust war und bleibt ihre Freiheit und die Art, wie sie verschiedenste Quellen in einen irren Dialog zu führen. Das fehlte hier, wie auch die Elemente Gesang und Zerstörung. Selbst als Niemayer nochmals ans Mikrofon trat, um ein bedrohliches ‘Warum hast du die Blumen getötet? Die schönen Blumen!’ zu flüstern, passierte nichts. Und das Zerschlagen einer Glasscheibe klang wie eine müde Pflichtübung.
Diese Hemmung und die um ein Drittel längere Dauer des Filmes trugen den Abend ein wenig mühsam vor sich hin, nicht unangenehm (außer der Hitze), aber auf eine nicht sehr packende Weise. Weil sie sich keine Absurditäten erlaubten, klang das auch nicht nach Faust, obwohl da eine unendliche Gitarre in bester Steve Hillage Manier auftauchte, bemerkenswerte Percussion mit Ansätzen von Wut, elektronische Klänge und Säge-, Ketten-, Eisengeräusche… Ja, sehr siebzigermäßig… Für viele noch Zukunftsmusik.
Faust, im Gegenteil zu Can, waren und bleiben eine Nicht-Musik Gruppe. Ihre Erfolge liegen weniger in einer bestimmten ‘Verschiebung’ des Sinnes spezifischer Musikmaterialien, als in einer generellen Attitüde gegenüber der Kunst. Ihre besten Alben sind eine Reihe einzelner und niemals fertiggebrachter Ideen, später von anderen zusammengebastelt oder, wie im Fall Tony Conrad, durch einen Musiker mit klaren Vorstellungen geleitet.
Die Frage ist, ob das auch zeitgemäß bleibt. Ein dummes Rätsel: Faust ist, selbstverständlich, in sich zeitgemäß. Aber diese absolute Allgemeinheit hilft nicht weiter. Lohnend wäre das Erkunden, an welchem Ort der Gegenwart sie agieren. Sicher nicht im Mainstream, sei er so Underground wie er will. Andersherum scheinen sie absolut nicht bereit zu sein, sich selbst oder ihre Vorstellungen in irgendeiner Weise zu ändern oder zu ‘aktualisieren’.
Allerdings, um von Buddha zu lernen, braucht man nicht orange zu tragen. Faust haben viel bedeutet und heute lehren sie weiter, wie alte Schamanen, die über Urängste und Leidenschaften wachen können. Ein wenig wie Nosferatu. Nur, heute abend war der Vampir stärker.

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Elektronische Lebensaspekte.