Text: Jochen Ditschler aus De:Bug 08

Fax +49-69/450464 – “Die Musik ist die Musik ist die Musik” Jochen Ditschler jochen.ditschler.amt32@stadt-frankfurt.de Manchmal sind die Publikationsprozesse in der Medienwelt ja schon durchschaubar. Ein junger, hoffnungsfroher Act erblickt schüchtern das erste Tageslicht, päppelt sich erst einmal mühsam durch drei Maxi-Vinyl-Editionen, aber dann ist es auch so langsam Zeit für das erste Album, I’m an Artist, honey, da kann man doch auch mal die Promo-Schiene bemühen und schwupps, hat man seine ersten Interviews geparkt. Bei Fax ist das irgendwie nicht ganz so einfach. Seit über fünf Jahren sorgt der 37jährige Frankfurter Peter Kuhlmann für eine ungebrochene Releaseflut von derzeit um die 300 Veröffentlichungen, was es einem ungleich schwerer macht, den geeigneten Punkt zur Bestandsaufnahme auszudeuten. Für das Ansehen des Labels spricht auch die immer länger werdende Liste der Koproduzenten, die sich mittlerweile mit Kuhlmann CD-technisch verewigt haben, u.a. Mixmaster Morris (Dreamfish), Geir Jenssen aka Biosphere (The Fires of Ork), HIA (S.H.A.D.O.), Bill Laswell (Psychonavigation, Outland), Klaus Schulze (The Dark Side of the Moog) und gerade eben wieder Richie Hawtin mit der dritten “From Within”-CD. Das Jahr 1997 brachte für Fax einige einschneidende Veränderungen: Das Fax-Studio siedelte von seiner bisherigen Wirkungsstätte im Dachgeschoß eines Frankfurt/Bornheimer Altbaus nach Traben-Trarbach über, was die Anzahl der blauen Flecken der Musicmakers wohl entscheidend verringern wird, außerdem kann man mit dem Selbstgebrannten von Onkel Heinrich dann gleich die Fertigstellung des nächsten Produktes begießen. Ansonsten bietet sich so endlich auch räumlich die Chance zur Verwirklichung der langgehegten Musikschulen-Träume. Den Segnungen des Internets zum Trotz zur Feier des Tages ein Face-to-Face-Interview aus dem nebelverhangenen Moseltal; Peter, Dein Traubensaft ist immer noch der Beste! B: Weißt Du eigentlich, wieviel CD’s oder wieviel Stunden Musik Du so in den letzten 5 Jahren auf uns losgelassen hast? PK: Das Problem ist, wenn ich ganz ehrlich antworten soll, daß mir keine Zeit bleibt, das nachzuhalten. Ich habe am Anfang natürlich einen besseren Überblick gehabt; jetzt ist es so wie mit dem lateinischen Grund- und Aufbauwortschatz. Wenn man die Vokabeln nicht weiß, dann weiß man wenigstens das Buch, in dem man sie findet. Bezüglich der Häufigkeit der Veröffentlichungen gibt es nicht nur positive Stimmen. Die Beschwerde, die am häufigsten kommt, betrifft nicht die Musik, darüber bin ich sehr froh, sondern geht eher in die Richtung, daß ich gleich CD-Ständer mit verkaufen müßte, wenigstens einmal im Jahr. Nun ja, es geht jetzt jedenfalls mit großen Schritten auf die 300 zu, davon bestimmt inzwischen an die 200 auch CD’s, bei der 300sten werden wir dann auch mal wieder läuten. Ich hab damals angefangen mit 2mal 12″-Vinyl pro Woche, mit dem Sublabel kam ich dann irgendwann auf 3 plus sporadisch Compilation-CD’s. Als dann viele gemeckert haben, haben wir die Sache etwas umgestellt. Sven Väth meinte sogar, wir würden die Musik kaputtmachen mit unserem hohen Output. Da bin ich halt hergegangen und habe gesagt, OK, jetzt bringe ich nur noch eine CD pro Woche heraus. Unterm Strich, wenn einer rechnen kann, sind das dann praktisch vier Vinyl-Scheiben pro Woche, nur für die Allgemeinheit war das auf dem Papier angenehmer zu lesen. Eine CD pro Woche wurde auch irgendwann zuviel, und dann habe ich zurückgeschraubt auf eine CD alle 2 Wochen, ich halte jetzt auch meine Pausen ein, es gibt ‘ne Sommerpause und ‘ne Winterpause, und so haben mich die Vertriebe und die Leute, die FAX-Tonträger verkaufen müssen, ein bißchen an die Kette gelegt. Das Ergebnis ist teilweise für mich unerfreulich. Ich weiß nicht, ob ihr das nachvollziehen könnt, aber ich komme einfach aus dem Tritt, wenn ich nicht permanent am Produzieren bin. Zu Beginn war es ja so, daß alle zwei Tage ein anderer DJ zu mir kam, Montag und Dienstag kam der Pascal für Hearts of Space, Mittwoch und Donnerstag kam der Christian für die neue Sequential, nächste Woche ging’s dann weiter und als ich dann mit allen gearbeitet hatte, fing die neue Serie an. Da ist man richtig drin, alles klar, wieviel und wie schnell, was für ein Set, 909, 808, was Experimentelles, dann hat man ganz schnell die Tracks gemacht. Das hat nichts mit uninspiriert und Fließbandarbeit zu tun, sondern eher mit einem flotten Arbeitsablauf. Ich war und bin sehr gut organisiert. ‘Ne CD pro Woche ist für mich schönes und angenehmes Arbeiten, und eine CD alle 2 Wochen ist Askese, wie zusammengebundene Hände. Wenn ich längere Zeit, also so zwei Wochen, nichts gemacht habe, findet man erst einmal alles, was man produziert, ganz toll. Dann hört man sich das am nächsten Tag an und sagt sich, “mein Gott, da fehlt ja noch die Hälfte”. Hätte ich jetzt aber nach der From Within mit Richie Hawtin direkt weitergemacht, dann wäre alles im Fluß geblieben und Christian hätte noch 5 Produkte vor Weihnachten bekommen. Damit wäre er sicherlich nicht ganz einverstanden gewesen. Ich würde lieber wieder mehr herausbringen, ich habe auch teilweise wieder Möglichkeiten gefunden, um mehr herauszubringen, vor allem die Abkopplung des Sublabels hat mir das ermöglicht … B: Abkopplung? PK: Ja, das Sublabel ist zwar schon noch existent, wird aber nur noch selten genutzt, nur noch für Sachen, für die ich wirklich will, daß sie als FAX akzeptiert werden. Wenn jemand aber einen höheren Output hat und alle ein, zwei Monate etwas herausbringen will, muß ich Nein sagen und eine eigene Pipeline dafür finden. B: Stichwort Hardtrance, da laufen je gerade aktuell relativ viele Soundmuster, die man bei Euren früheren VÖ’s oder von EYE-Q und MFS auch schon verfolgen konnte. Nun hattest Du im letzten Jahr die History of Frankfurt-Hardtrance-Compilation auf PIAS oder die 4Voice 6. Ist das nicht nervend, wenn da jetzt diese ganzen Trittbrettfahrer mit Eurem Sound die fette Kohle einfahren? PK: Was mich ein bißchen traurig stimmt ist, daß die Leute, die unseren Hardtrance-Sound von 92 adaptieren, nicht ein bißchen mehr auf melodische und harmonische Qualität achten. Es war halt so, daß unsere Tracks, gerade die 4Voice-Geschichten, immer aus mindestens fünf bis sechs verschiedenen harmonischen Schichtungen verschiedener Instrumente bestanden haben, die jeweils ineinander übergriffen, sich abwechselten etc.. Es war mir immer ein Vergnügen, solche Sachen zu entwickeln, die einfach klingen, aber doch ziemlich kompliziert waren. Es wäre nun aber dumm von mir, als jemand, der zusammen mit DJ’s und anderen Beratern einen Trend ins Leben gerufen hat, diese Initialzündung gegeben hat, zu sagen, ich finde es doof, daß andere sich auf den Zug draufsetzen. Ich bin da eher stolz, und je mehr Waggons an einem Zug dranhängen, desto größer ist der Zug, prima, nur würde ich mir mehr musikalische Qualität wünschen. Es ist natürlich einfach, mit dieser Beat- und Melodie-Kombination zusammen mit schönen Flächen, das kann man natürlich ganz leicht ganz seicht an ziemlich viele Menschen verkaufen. Aber manchmal ist es ein bißchen intelligenter, auch aus einer einfachen Melodie musikalisch etwas wirklich Interessantes zu machen, daß selbst Leute, die etwas mehr “advanced” sind, dies für sich interessant finden können. Ich muß ehrlich sagen, daß Richie Hawtin auf mich aufmerksam wurde durch die 4Voice-Veröffentlichungen, sein persönlicher favourite ist die 4Voice 4. Und Richie ist nicht unbedingt dafür bekannt, daß er auf irgendeinen 08/15-Sound steht. So etwas ehrt mich, daß jemand, der viel länger in diesem Techno-Business drinsteckt, sagt: “Das ist so interessant, mit dem Mann möchte ich etwas zusammen machen.” Die anderen Kopisten, die da Hunderttausende oder Millionen abräumen, zu denen kann ich nur sagen; die haben jetzt ihre Million, sie sollen sorgfältig damit umgehen, denn es kommt nicht mehr viel nach, wenn man nicht musikalische Qualität sucht. B: Wo war denn für Dich der Knackpunkt, daß Du dir gesagt hast, die irgendwie ja auch tanzflächengeneigte Hardtrance-Schiene ist es für Dich nicht mehr? PK: Tanzorientierte Geschichten bringen mir nur insofern was, wenn ich etwas Neues erfinde. Ich habe die 4Voice 6 aus Spaß an der Freude gemacht, ich werde vielleicht sogar noch einmal eine zweite 4Voice-CD herausbringen, weil es mir einfach Spaß macht. Ich habe im Hardtrance-Bereich 60 oder 70 Platten gemacht, ich glaube, das ist genug. Für mich ist es viel interessanter, in anderen Musikbereichen weiter zu experimentieren. B: Wie beurteilst Du eigentlich im nachhinein diese Advisor-Idee, die gerade in den Anfangstagen durch die Einbindung der DJ’s Fax volle Clubkompatibilität eingebracht hatte, inzwischen aber eher dem Koproduzententum gewichen ist? PK: Ich bin da auch im nachhinein sehr glücklich mit. Ich habe Berater, DJ’s und Produzenten, Möchtegern-DJ’s, wie auch immer, mit dazu genommen, die mich beraten konnten, wie ich die Musik gestalten muß, damit sie im Club läuft. Was nicht gleichbedeutend damit ist, daß sie mir sagen mußten, wie ich Musik machen muß. Es ging mir darum, meine eigenen Ideen clubfähig zu machen, und das ist ja auch gelungen. Der einzige Streitpunkt, gerade auch mit Christian, war von Anfang an die Melodie. Und der größte Verdienst von Maik Maurice seinerzeit war, daß er mich einfach die 4Voice 1 hat machen lassen, wie ich wollte, nämlich mit einer entsprechenden Melodie drin. 4Voice 1 war dann auch der Knackpunkt, weil ich mit der Einbindung der Melodie Erfolg hatte. Danach konnte mich niemand mehr davon abbringen, in fast allen anderen Hardtrance-Sachen auch eine Melodie einzubauen. Nur war ganz klar, daß dieses Modell in dem Moment auslief, als ich mit Ambient Erfolg hatte, was ja schlußendlich meine ureigene Musik ist. Gerade wenn man die 5-Jahres-Compilation nimmt, hört man ja, wo ich herkomme, was ich früher gemacht habe. Im Ambient-Bereich brauche ich keinen Advisor, da kann mir nur jemand, der mit mir zusammenarbeitet, ein richtiggehender musikalischer Kollaborateur, die Arbeit sehr erleichtern. Zu zweit ist der Entscheidungsfindungsprozeß ein viel kürzerer, da heißt es, findest Du das gut, ja – nein, pengpeng, und dann geht’s weiter. Wenn man alleine vor der Maschine sitzt und von Selbstzweifel zerfressen ist über ein bestimmtes musikalisches Element, dann braucht es schon ein bißchen länger, bis man da durchkommt. Da ist der Faktor 3 das Gängige. B: Welche Rolle hatten eigentlich bei dem Auseinandergehen der Advisorschaften die feinstrukturierten, irgendwie ja schon fast bürokratischen Studiobelegungspläne gespielt? PK: Also, mit dem bürokratisch, das hör ich nicht gerne, es ist für mich keine Bürokratie, wenn jemand gewohnt ist, einfach zu arbeiten für sein Geld. Wenn jemand sich zwei Tage hinsetzt, und von mir dann 3.000 Mark kassiert, dann ist mir das verdammt scheißegal, ob dem an dem Tag eher danach ist, mit seiner Freundin durch den Park zu gehen. Das ist ein verdammt guter Lohn für ein paar Stunden dasitzen, ‘nen Tee trinken und sich mit mir darüber zu unterhalten, wie ich die Musik mache. Es ist ja noch nicht ‘mal vonnöten gewesen, daß derjenige, der dann bei mir sitzt, musikalische Einfälle haben mußte. Und deshalb hab ich kein Verständnis dafür, wenn Wochen vorher ein Termin ausgemacht wurde, derjenige dann dazu einfach nicht erscheint, oder, was noch das Schärfste gewesen ist, mit jemand anderem an dem Tag produziert. Denn ich hatte das ganze sehr strukturiert angegangen mit dem Zeitplan, und da habe ich jede Veränderung gehaßt, das gebe ich zu. Es ist einfach, an Geld zu kommen, es ist einfach, ein großes Auto zu haben, das ist alles gar nicht schwierig, aber Zeit kann ich mir nirgends kaufen. Ich werde mit jeder Minute, jeder Stunde älter, und alles, was ich nach hinten raus schiebe, kann ich nicht mehr rückwirkend in die Vergangenheit setzen. Wenn ich jetzt eine Produktion ausfallen lasse, kann ich die nicht einfach später nachholen, sondern die kommt einfach später raus. Und dann haben diese Idee schon hundert andere gehabt. Ich bin der festen Überzeugung, daß niemand Ideen für sich alleine gepachtet hat, das sind Dinge, die liegen in der Luft, da klaut keiner vom anderen. Wenn Edison nicht das elektrische Licht erfunden hätte, dann hätte vielleicht 10 Jahre später ein anderer es erfunden, aber jemand hätte es erfunden. B: Hast Du mit Deinen Alt-Mitstreitern noch Kontakt, oder hat sich das verloren? PK: Manche Kontakte habe ich ja von mir aus abgebrochen. Deshalb ist es nicht so, daß die Leute, die dann auf einmal wieder mit mir zu tun hatten, gerade bei dieser Hardtrance-History, jetzt nicht mehr mit mir reden wollten. Es war ja eher eine Sache, daß ich mich in eine andere musikalische Richtung entwickelt hatte. Es ist vielleicht so, daß wie in Ehen sich auch einmal Krisen einstellen, und daß da doch die Zeit manche Wunden heilt. Es gibt eigentlich nur einen Fall, wo ich sage, daß ich mit dem keine Lust mehr habe zusammenzuarbeiten, und bei 40 verschiedenen Musikern ist das doch eine ganz erfreuliche Bilanz. B: Und wer ist das? PK: No comment! B: OK, Themenwechsel,. Siehst Du Fax nach Deinem Umzug nach Traben-Trarbach immer noch in einem Frankfurter Kontext? PK: Fax ist und bleibt ein Frankfurter Label, mein Umzug an die Mosel ist ja nur ein Umzug der Werkstatt. 37 Jahre meines Lebens habe ich in Frankfurt verbracht, deshalb werde ich immer Musik machen, die auch irgendwie mit Frankfurt verbunden ist. Außerdem ist der wirtschaftliche Hauptsitz immer noch in Frankfurt. Fax ist aus der Frankfurter Musikkultur entstanden, Fax ist auch eines der wenigen wirklich Frankfurter Labels gewesen. Auch wenn es Harthouse Frankfurt hieß, hatte es seinen wirtschaftlichen Hauptsitz in Offenbach, was wir ja alle kennen und was auch nicht zu Frankfurt gehört, worauf sowohl die Frankfurter als auch die Offenbacher Wert legen (Gelächter). Es ist halt so, daß die Musik und die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Künstlern von verschiedenen Erdteilen dieser Welt gezeigt haben, daß die Musik von Fax nicht an einen bestimmten Ort gebunden ist, aber ein Label, was von Frankfurt aus agiert, hat dort einfach seine Adresse und hat dann wie in meinem Fall auch noch dieselbe Fax-Nummer. Solange sich die Fax-Nummer, mein Markenname, nicht ändert, solange wird Fax auch immer eine Frankfurter Plattenfirma sein. B: Das Vertriebsbusiness für Fax wird inzwischen ja durch Christian von EMC übernommen. Wie klappt denn diese Geschäftsehe? PK: Mit Christian habe ich meinen Einstieg in die elektronische Musik der heutigen Zeit gefunden. Von all den Leuten, mit denen ich zusammengearbeitet habe, war Christian einfach der loyalste Freund und Mitarbeiter. Ich hab ihn ja im Boy Records Frankfurt als Plattenverkäufer kennengelernt, der auch gerne noch seine Großmutter dazu verkauft hätte. Damit war für mich eigentlich sehr früh klar, daß, wenn ich irgendwann einmal mich vertriebsmäßig ein bißchen autarker gestalten wollte, Christian der Mann sein wird. Dabei war wichtig, daß Christian auch die Möglichkeit hat, andere Plattenfirmen zu vertreiben, es wäre ja auch langweilig, wenn 150 Vertriebsleute für 150 verschiedene Labels anrufen. Sicher wird immer eine kleine Abstimmungsarbeit zwischen uns existieren, weil wir beide wissen, daß es sehr wichtig ist, daß sich ein kleiner Vertrieb nicht im Einerlei der nicht ganz zeitlosen Techno-Veröffentlichungen verzettelt. Es gibt keinen Grund, Dinge mit ins Programm aufzunehmen, die heute hop und morgen ex sind. Insofern muß ich aber sagen, daß meine Erwartungen an die Privatisierung des Vertriebes durch Christian sogar noch übertroffen wurden, und ich bin sehr stolz darauf, daß wir diesen Weg gegangen sind. Denn alle Vertriebe, die ich bisher hatte, konnten Fax Records einfach nicht handlen. Viele haben sich sehr viel Mühe gegeben, sei es Neuton und vor allem N.E.W.S., aber die mußten irgendwann erkennen, daß man meine Produkte nicht verkaufen kann wie Lieschen Müllers Techno-Track vom Wochenende. Unsere Musik ist zeitlos, und da kann man nicht sagen, ich will nur die neueste und die kaufe ich zehnmal. B: OK, lassen wir jetzt mal das Business links liegen, wie laufen eigentlich bei Dir kreative Prozesse ab, spielt sich das nur in Deinem Kopf ab oder verarbeitest Du bei Deinen Kompositionen auch externe Reize? PK: Beides! Ich bin, sag ich mal, der Prototyp einer sehr seltenen Spezies. Ich bin sehr emotional, bin aber gleichzeitig in der Lage, meine Gefühle bis in letzte Detail zu analysieren. Das hilft mir dabei, Eindrücke, Empfindungen und so weiter direkt in Musik umzusetzen, denn es ist nicht ganz einfach, aus dem Bauch heraus die Hände auf das Keyboard zu legen und da kommt dann Musik raus. Oftmals ist es so, daß man dann erst einmal nach dem richtigen Sound sucht und dann die Effekte einstellen muß, das ist alles Kopfarbeit. Es ist immer ein wechselseitiges Ineinandergreifen von ratio und Gefühl. Dann kommt bei mir noch als positiver Aspekt hinzu, daß ich ein Mensch bin, der sehr gerne Dinge mit einem bestimmten strategischen Denken angeht, und ich das auch in Musik umsetzen kann. Diese ganze Vielschichtigkeit, die ich auf meinem Label in den letzten Jahren veröffentlichen konnte, kommt aus der ganz einfachen Tatsache, daß ich mich, seitdem ich zehn Jahre alt bin, permanent um Musik gekümmert habe. Meine Plattensammlung ist so umfassend, daß selbst DJ’s wie Mixmaster Morris immer noch daran verzweifeln. Was hier zum Beispiel im Hintergrund läuft, ist Kraan. Ich habe jede einzelne Kraan-Platte, und gerade vor zwei Wochen habe ich mich mit Mixmaster in Berlin unterhalten. Ich kenne diese Musik und ich kenne auch die Musik, die Jimpster spielt, daß ist eine Mischung aus Passport und Kraan, das habe ich ihm dann auch gesagt, und zu Kraan wurde er dann ziemlich ungehalten und meinte: “I don’t have one fucking record!” Ich habe ihm dann nur gesagt, daß er damals von mir vielleicht nicht nur die beiden ersten Kraftwerk-Platten hätte aufnehmen sollen. Das ist der große Akku, aus dem ich meine Ideen schöpfe, nicht aus den Platten selbst, daß ich die auflege und sample, sondern durch die Hörerfahrung, die ich mit diesen Platten habe. Wenn man das so lange Jahre in sich aufgesaugt hat, dann ist Musikmachen, wenn man es als sein Handwerk versteht, nur noch Plug & Play. Und wenn man verstanden hat, daß eine Innovation nicht ein weißes Blatt ist, auf dem man dann als erster Mensch mit einer neuen Tinte einen neuen Buchstaben drauf schreibt, sondern das Musikmachen nichts anderes ist als Worte, die schon alle anderen benutzt haben, in eine neue Reihenfolge oder einen neuen Zusammenhang zu kombinieren, dann sind auch Innovationen sehr einfach zu kreieren. Das Problem ist nur, ich kann heute natürlich ‘ne senegalesische House-Nummer machen, nur ist es dann auch nicht ganz unerheblich, ob das irgendeinen interessiert. Ich mach die Musik nicht in erster Linie für die Leute, aber ich mach sie natürlich auch, daß sie gehört werden kann von anderen, und nicht in zwei Exemplaren unter die Leute gebracht wird, eine muß der Christian hören, weil er ja den Vertrieb macht, und ich höre sie, weil ich sie ja toll finde, und die anderen 20 Promos an Journalisten landen im Papierkorb. B: Was motiviert Dich denn jetzt, nach all den ganzen Releases eigentlich immer noch einen draufzusetzen? Hast Du Angst davor, daß Dir irgendwann Deine Antriebsfeder verloren geht? PK: Nö, ich hab überhaupt keine Angst davor, keine Ideen zu haben, und ich muß ja auch von irgendetwas leben. Und weil ich halt keine billige Techno-Nummer mache, die sich dann 100.000 oder 200.000mal verkauft, bin ich gezwungen, immer wieder neue Musik zu machen, was wiederum zur Folge hat, daß ich dann auch eine Hinterlassenschaft habe, wenn ich irgendwann gehe oder keine Musik mehr mache. Es ist nicht so, als ob es mich nie gegeben hätte. Ob ich jetzt eine Million oder 10 oder 100 Millionen habe oder 500.000 DM im Soll bin, interessiert doch den Musikhörer einen Scheiß, es interessiert die Musik. Die Musik ist die Musik ist die Musik, fertig! B: Würde es Dich mal reizen, etwas mit kompletten Lyrics, meinetwegen auch in so eine Pop-Richtung zu machen? PK: Da hab ich überhaupt kein Problem damit, ich genieße es, manche Remixe für Sabrina Setlur zu machen. Darüber kann man geschmacklich auch geteilter Meinung sein, aber ich kenne nun mal den Moses und den Martin Haas seit langen Jahren und es macht mir äußerst viel Spaß, meine Musik mit deren Musik zu verbinden. Man darf halt auch nicht vergessen, daß meine Eltern von morgens bis abends Soul gehört haben, und das ist nichts anderes als House mit ‘ner besseren Idee. Ich kann mir durchaus vorstellen, elektronische Musik mit einer Soul-Sängerin zu verbinden, um daraus wieder eine neue, innovative Musik entstehen zu lassen. Es gibt bei mir keine Grenzen und keine Berührungsängste. B: Was ist für Dich Ambient? PK: Ein Begriff! (Pause) Ein Wort kann nur ein Begriff sein, es kann nie den wirklichen Inhalt, die Gestalt einer Musik ausdrücken. B: Das Presseecho zum 5-Jahres-Jubiläum ist ja ein bißchen spärlich ausgefallen, aber Pressearbeit war ja noch nie so Dein Ding. PK: Medien sind überhaupt nicht mein Ding, ich mag Journalisten überhaupt nicht. B: Ich geh dann jetzt mal besser. (allgemeines Gelächter) PK: Das ist ja auch allseits bekannt. Es ist schon viel Mist geschrieben worden, viele haben gedacht, ich müßte ihnen bis an das Lebensende dankbar sein, daß sie über mich geschrieben haben. Ich sag dazu nur, jeder macht seinen Job. Ich bin ein Verfechter der neutralen Berichterstattung. Wenn man ein Magazin hat, sollte man sich aber auch als ein Medium verstehen, das die Pflicht hat, Dinge, die existieren und in den Interessenbereich des Blattes fallen, zu benennen. Es fehlt mir einfach bei vielen Journalisten die notwendige Professionalität und die enthusiastische Einstellung ihrem Beruf gegenüber. Der Musiker ist oft nur Vehikel, über den man dann seinen tollen Artikel schreibt, was der Musiker sagt, da hört man dann oft nur noch mit einem halbem Ohr zu. Deshalb lobe ich mir die Erfindung Internet, die Möglichkeit, Interviews per E-Mail zu geben, denn hier ist dann ganz klar, wer was sagt. Insofern hat für mich Medienpräsenz einen komischen Nachgeschmack, außerdem bin ich niemand, der sich egozentrisch präsentiert und immer wieder sagt “Schaut her, ich bin ein ganz toller Typ”. Ich versuche durch meine Arbeit zu überzeugen. B: Kommst Du eigentlich neben Deinen eigenen Produktionen überhaupt noch dazu, andere Musik zu hören? PK: Also so in 93 und 94 überhaupt nicht, in 95 teilweise, aber da haben mir dann andere Sachen, und das ist jetzt keine Arroganz, einfach nicht mehr gefallen. Mittlerweile habe ich akzeptiert, daß ich alte Vinyl-Scheiben anhören muß, um Musik mit Spaß zu hören. Heute gibt es nur sehr wenig Musik, bei der ich sagen würde, da lohnt es sich, die Zeit zu investieren. Ich weigere mich nicht grundsätzlich, gehe aber auch nicht auf die Suche und hole mir wie ein DJ jede Woche hundert neue Platten, um auf dem neuesten Stand zu sein. Ich glaube, ich bin nicht darauf angewiesen, auf dem neuesten Stand zu sein, ich versuche eher, teilweise den neusten Stand mit zu beeinflussen. B: OK, letzte Frage, wie willst Du Dein 10jähriges Fax-Jubiläum feiern? PK: Mit Christian! Es hat sich gezeigt, daß es nur eine Person gab, mit der ich konstant zusammenarbeiten kann, er ist die einzige Person, die mich auch über einen so langen Zeitraum noch ertragen kann – was sehr schwierig ist, wie ich zugeben muß. Und ich glaube, wenn wir uns in den nächsten 5 Jahren nicht überwerfen, dann werden wir die beiden sein, die dann auch Grund zum Feiern haben. Anm.: Den kompletten Fax-Katalog mit Samples und allem Drum und Dran könnt Ihr unter http://hyperreal.org/fax ersurfen. Fax Records-Mailorderservice (und jede Menge weitere exzellente Ambient/Electronic Listening-Sachen) über EMC/Christian Thier, Tel. 06039/45406 oder Fax 06039/931566.

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Elektronische Lebensaspekte.