Metamovement und die DNA der Protestbewegungen
Text: Ji-Hun Kim aus De:Bug 158


Foto: cc-by David Shankbone

Es ist ein bisschen so wie bei dem Spiel mit den zornigen Vögeln. Die grünen (wie amerikanische Geldscheine gefärbten) Schweine müssen attackiert werden, denn sie haben etwas von uns, was sie sich zu Unrecht angeeignet haben. Das Federvieh klamüsert sich zusammen und vollzieht einen Kampf gegen die Windmühlen, denn am Ende verschwinden die Schweine doch wieder, mit dem Ei.

2011 war das Jahr der Protestbewegungen: der arabische Frühling, Studentenproteste in Spanien und Israel, die London Riots, Slut Walk, Occupy Wall Street, die Liste ließe sich weiterführen. So erfolgsversprechend die Revolten am Tahir-Platz gewesen sind, so lethargisch gelähmt befindet sich die ägyptische Gesellschaft momentan in der Zange der ideologisch getriebenen Muslimbruderschaft und der Armee, die scheinbar nicht daran denkt, ihre Machtposition zugunsten einer neuen eingeforderten Demokratie aufzugeben. Kritische Blogger werden weiterhin stumm geschaltet und müssen sich statt vor Mubaraks Diktatur nun vor dem Militärgericht verantworten.

Die Londoner Vandalen verspielten sich ihre Sympathiepunkte schnell, als sie sich als scheinbar unbedachte, eigennützige Zerstörer ohne politische Idee outeten, das brennende PIAS-Lager im Norden der Stadt war jedem Popliebhaber ein größerer Dolch im Herzen als das mögliche Potential eines integrationspolitschen Rewinds. So unterschiedlich die Intentionen der jeweiligen Bewegungen gewesen sein mögen, gleichsam ähneln sie sich im Grundkonzept. Der englische Autor und Wirtschaftswissenschaftler Umair Haque beschreibt das Phänomen als Metamovement, sozusagen die Bewegung der Bewegungen. Alle Bewegungen teilten sich die gleiche DNA, so Haque, allen sei gemein, dass der Sense of Agency (Sinn für Selbstbestimmung/Handlungsmacht) ausschlaggebend sei. Wenn Leute der Occupy-Bewegung beitreten, so nicht, weil sie unbedingt klamm in der Tasche sind, sondern weil sie sich der Möglichkeiten beraubt sehen, eigene Lebensmöglichkeiten zu erschaffen, Autoren und Akteure ihrer eigenen Schicksale zu sein.

Realität und spiritueller Hedonismus
Dass hierbei immer soziale Netzwerke eine ausschlaggebende Rolle spielen, hat vor allem aber auch damit zu tun, dass gerade Facebook und Twitter ein wichtiges Vehikel individueller Bestimmung geworden sind. Jene Technologien haben gezeigt, dass durch Partizipation, egal welcher Natur, ein direktes soziales Feedback geschaffen werden kann. Es ist also falsch zu denken, dass es sich nur um alternative Nachrichtenkanäle handelt, um sich zu organisieren oder subversiv zu handeln. Das Konzept der jeweiligen Medien selbst ist essentiell für die Denkweise der Beteiligten. Sie sind kein Partikel einer großen Solidarität, wie es noch zu 68er-Zeiten gewesen sein mag. Sie sind selber Knotenpunkt eines Netzwerks, individuelle Stimme und zugleich Akteur eines komplexen Systems. Zum hundertsten Geburtstag des kanadischen Medientheoretikers Marshall McLuhan transzendiert das Medium als Botschaft noch immer durch die Medienwelten (Realität ist eine davon).

Digitale Netzwerke sind zum prinzipiellen Maßstab des realen Aktionismus geworden. Daher sind diese Protestbewegungen auch zu den Protesten der Nerds geworden, jenen digitalen Ureinwohnern, die ihr Leben durch eben diese Teilhabe in Medien definieren. Was diese Protestgeneration kann, sich memenhaft zu organisieren und sich medienwirksam und popaffin zu repräsentieren, ist eine Sache. Dass aber eine große vereinende Ideologie (nicht dass man unbedingt eine bräuchte) und ebenso eine intellektuelle bzw. realpolitische Elite (“Realpolitik” ist neuerdings auch ein Buzzword in den USA) fehlt, die andere Sache. Der Popkommunist Slavoy Zizek nennt die Ideologie jener Generation nicht unpassend Spiritualized Hedonism. Man ist weder Idealist noch Utopist. Im Grunde genommen ist sich jeder selbst am nächsten. Daher wird 2012 zeigen müssen, ob über den Protest hinaus die eigentlichen Ziele, nämlich vermeintlich ignorante, absolutistische Institutionen wie das Staats- oder Finanzwesen auch wirklich partizipativ beeinflussen zu können, ernsthaft verwirklicht werden können. Denn diese Tools geben Facebook und Twitter momentan noch nicht her.

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