Entschleunigungstrend oder everything goes?
Text: Christian Kinkel aus De:Bug 158


Foto: cc-by Peter Femto

Paul Virilios Metapher des “rasenden Stillstands” hat sich spätestens vom 11. September 2001 an von der Dystonie zur Epochenerfahrung gemausert, die die Überwindung von Zeit und Raum in den Spähren des Netzes zur intuitiven und gesellschaftlich bindenden Disziplin des sozialen Lebens beförderte. Und so medienparanoid man das Ganze auch einstufen mag, ist der Wunsch nach Entschleunigung kein Einzelfall, sondern bei weiten Teilen der Bevölkerung im Beschwerdekatalog gechartet.

Da scheint es doch eine logische Konsequenz zu sein, dass Musik als gesellschaftliches Sprachrohr den Kanal des Ausdrucks auch in den BPM-Zahlen sucht und nicht mehr nur in Songtexten und Instrumentierungen. Aber dass die zum Hedonismus strebende Clubkultur plötzlich zu einem Ort der kritikübenden Ruhe werden soll, klingt für mich doch eher nach einer bescheuerten Milchmädchenrechnung. Denn BPMs wurden in 2011 endgültig zu Hipness-Prädikaten, die von Geschwindigkeit und ihren Wirkungen überhaupt keinen Plan mehr haben.

In die Schuhe zu schieben ist das – natürlich – dem Dubstep, der die 140 BPM bereits vor Jahren zu einer vermeintlich freshen, aber eigentlich nichts sagenden Angelegenheit machte. Da seine Ausdifferenzierungen auch 2011 nach Sesshaftigkeit strebten und sich von ihrem maßgeblichsten Einfluss zu emanzipieren versuchten, wurde dieses Jahr der Bereich zwischen ca. 132 und 136 BPM zur magischen Platform für zeitgeistige Dancefloor-Entwürfe. Und was auf den ersten Blick nach Entschleunigung aussieht, hat damit genauso wenig zu tun wie Deephouse mit Half-Time.

Jenseits der Geschwindigkeit
Dennoch gab es einen Mann, der die 140 BPM nochmals in den Fokus rückte und ihre Irrelevanz manifestierte. Es geht – natürlich – um James Blake, der Dubstep – wie es Anfang des Jahres so schön hieß – salonfähig und endgültig poppig machte. Das gelang ihm nicht nur durch seinen ach so herzergreifenden Gesang, sondern auch durch sein Streben nach der vollkommenen Entschleunigung. Sein Debütalbum blieb den 140 BPM weitgehend treu und erzeugte dennoch ein Gefühl des zeitlichen Stillstands jenseits der Geschwindigkeit, das sogar zu absurden Tränen im Club führen konnte. Kritik an der Geschwindigkeit der gesellschaftlichen Abläufe lässt sich also durchaus begründen. Doch findet sie gerade nicht auf Basis der BPM statt, da diese nur Fahrkarte für den Dubstep-Hype-Zug sind.

Der Clou bei den 130er Geschichten ist ja jetzt der, dass die Musik im Vergleich zum herkömmlichen Dubstep entgegen der Erwartungen nicht langsamer, sondern schneller wird. Schließlich erzielt Dubstep – ich erzähle euch nichts Neues – seine Wirkung im Streben zur Half-Time und ist damit viel eher bei 70 BPM anzusiedeln, was die 140 – wie James Blake zeigt – zu einem simplen Marketingkonzept werden lässt, weil schneller offensichtlich doch cooler ist. Insofern denken die 2011 endgültig zu Hot-Shit-Bastionen gewachsenen Labels hinter Scuba, Pearson Sound und Martyn keineswegs die Idee der Entschleunigung weiter, sondern machen die Geschwindigkeit in ihren Stilmittelorgien wieder zu einer klaren Angelegenheit, wenn sie die dub-ästhetischen Lücken ihres maßgeblichsten Einflusses mit Techno-, House- und allerlei Breakbeat-Fragmenten stopfen. Im Zuge der Annäherung von Techno bzw. House und Dubstep ist also unabhängig vom ursprünglichen Lager die Musik in ihrer Rezeption schneller geworden und Kritik so fern wie die Walachei.

Auch wenn der vom 2011er Edit-Wahn im Slowhouse genervte Mark E dem Genre um die 100 BPM neuerdings die kalte Schulter zeigt, um sich House im Mid- und Uptempo-Bereich zu widmen, anstatt sich an noch tieferen Gefilden der Entschleunigung zu versuchen, sucht man die Kritik hier vergeblich. Im House wurden BPMs sowieso schon zu Tode dekliniert.

Aus dem Special in De:Bug 158: FAZIT 2011

2 Responses

  1. marvis

    Für mich ist das eine zu pessimistische Interpretation.

    Dubstep hat vielen Leuten doch erst wieder gezeigt, dass BPM kein geeigneter Gradmesser für Härte, Tanzbarkeit oder irgendwas anderes sind. Es gibt brettharte 70 BPM-Dubstep-Brecher und soft dahinsteppenden 174 BPM DnB, dazwischen die ganze Palette von Drumstep, Glitch Hop, Moombahton, Techno, House, Garage undundund.

    Die Techniken, die DJs heute zur Verfügung stehen, erlauben es darüber hinaus, dieses breite Spektrum auch so zu nutzen, dass dabei interessante Sets herauskommen. Wer hat eigentlich beschlossen, dass sich die Musik eines kompletten Abends nur um maximal 3-4 BPM unterscheiden darf? Es muss doch um die Stimmung und den Spannungsbogen gehen!

    Man mag die Variation der BPMs beliebig nennen, aber genau das ist doch der Punkt: Die Geschwindigkeit eines Tracks ist EIN Stilmittel von vielen, das einem Musiker zur Verfügung steht. Wenn aber die erste Entscheidung eines Produzenten ist, die BPM auf 127 (oder wasauchimmer) zu setzen und diesen Wert nicht mehr zu ändern, dann ist das eine sehr künstliche Beschränkung, die die Musik ganz sicher nicht mehr weiterbringt.

  2. Ravin

    ich hoffe doch dass der text ironisch gemeint ist