Das Märchen vom Gleichgewicht
Text: Stefan Heidenreich aus De:Bug 158


Foto: cc-by Crispin Semmens

Bei dem, was uns so über das Geld erzählt wird, gibt es ein paar Ungereimtheiten. Aber zum Glück auch ein paar einfache, wenn auch selten verbreitete Erklärungen. Zum Beispiel: Seit einiger Zeit wird uns weisgemacht, wir müssten alle sparen. Besonders die Länder in Europa. Was aber passiert, wenn man spart, sehen wir an Griechenland. Dann gibt niemand mehr Geld aus. Was heißt das für die Kredite? Einfach gerechnet: Hat einer in einem Dorf 100 Schulden. 200 nimmt er im Jahr ein. Macht 50% Schulden. Dann sparen alle, niemand gibt mehr Geld aus. Seine Einnahmen fallen auf 50. Macht bei gleichbleibenden Schulden? Ein Stand von 200%.

Bleiben wir nicht beim kleinen Griechenland, sondern machen das Dorf global. Es gibt drei Parteien – vielleicht auch vier, die Schulden machen können. Industrie, Konsumenten und Staaten. Die vierte wären Banken … das ist noch ein extra Fall. Die anderen drei haben die letzten drei Krisen verursacht. Bei der Internet-Bubble von 2000 hat es sich um eine klassische Überinvestitionskrise der Industrie gehandelt. Dann waren die Konsumenten dran, denen vor der Häuserkrise von 2008 zu viele Kredite aufgeschwatzt worden waren. Und jetzt stecken die Staaten in der Krise.

Instabilitätstheorie
Zurückzahlen? Wenn alle zurückzahlen, passiert im Großen das, was mit Griechenland im Kleinen passiert. Weiter Schulden machen? Aber wer? Das ist eine Frage, die von verschiedenen Theorien ganz verschieden beantwortet wird. Die gängige Wirtschaftstheorie verlangt, Staaten wie Firmen zu behandeln. Wer zu viel Geld ausgibt, geht Pleite. Den Rest richtet der Markt, der dank unsichtbarer Hand immer wieder zum Gleichgewicht zurückfindet. Leider hat dieser Mechanismus letztens in bemerkenswerter Weise versagt. Aber das stört die Mainstream-Ökonomen nicht weiter. Insgesamt hat sich die Disziplin der Wirtschaftswissenschaften, auch und besonders in Deutschland, vollkommen eingeigelt. Alternative Ansätze werden dort nicht gelesen.

Zum Beispiel Hyman Minsky, der schon in den 80er-Jahren eine Analyse künftiger Krisen wie der heutigen vorgelegt hat und das Märchen vom Gleichgewicht durch eine Theorie der Instabilität ersetzt. Oder die in letzter Zeit bekannter werdende Modern Monetary Theory, deren Hauptvertreter der Australier Steve Keen ist. Dessen Ansicht nach nehmen Staaten eine Sonderstellung ein, denn im Gegensatz zu Firmen können sie ihr eigenes Geld drucken. Allerdings nicht das arme Griechenland, das unter der deutschen Euro-Knute steht. Aber man muss nicht einmal die neueste Theorie lesen, um zu dem Schluss zu kommen, dass es ohne zusätzliche Schulden nicht weiter geht. Das wusste auch schon der gute Joe Ackermann. Er hat in seiner Dissertation in bemerkenswert klaren Worten gesagt, dass im derzeitigen Kapitalismus die Profite letztlich aus zusätzlichen Schulden stammen.

Der ganze Streit der letzten Zeit dreht sich im Wesentlichen darum, wer nun diese Schulden machen soll. Wenn sich alle drücken, fährt der Wagen gegen die Wand. Auf die eine oder andere Weise. Was vielleicht nicht das schlechteste wäre, obwohl das Gegen-die-Wand fahren auch sehr unschön verlaufen kann, wie sich zehn Jahre nach der letzten großen Krise von 1929 gezeigt hat.

Vermögen vernichten
Es gäbe noch ein andere Möglichkeit. Nämlich das seit 4000 Jahren aus Babylon bekannte und bewährte Verfahren anzuwenden, die Schulden zu streichen. Allerdings gibt es da erhebliche Widerstände. Das hängt mit einem Punkt zusammen, der in der offiziellen Propaganda viel zu selten erwähnt wird. Schulden sind Vermögen. Was der eine schuldet, besitzt der andere als Guthaben.

Schulden zu streichen heißt daher, Vermögen zu vernichten. Und gegen diesen Schritt wehren sich die Vermögenden, also ungefähr das 1% im Gegensatz zu den 99%, mit allen Mitteln. Hier lässt sich wieder eine ganz einfache Gegenrechnung aufmachen. Es gibt knapp 200 Billionen an Vermögen. Sie wollen mit 5-10% Zinsen belohnt werden. Das macht pro Jahr gut 10 Billionen, die gefordert werden – und in den letzten Jahren mit steigender Verschuldung auch brav aufgebracht wurden. Wenn jetzt auf einmal alle sparen wollen, dann dürfen wir uns auf ein sehr spannendes Finanzjahr 2012 freuen.

Aus dem Special in De:Bug 158: FAZIT 2011

5 Responses

  1. rofl

    Vor ein paar Tagen Occupy geisseln (habter ja schon wieder gelöscht) und jetzt mal ordentlich auf die Banker. Würfelt ihr euer Wertesystem täglich neu aus?

  2. bounci

    Ein Musikmagazin sollte keine Wirtschaftsartikel verfassen.