Kollateral erschüttert
Text: Anton Waldt aus De:Bug 158


Bild: Der “Shopping Totem” des Fotokünstlers David Welch stammt aus der Serie Material World, die sich programmatisch mit der Entfremdung in der modernen Warenwelt beschäftigt.

Als im März in Japan die Erde bebte, hat das nicht nur den Glauben an die Beherrschbarkeit von Atomenergie erschüttert, sondern auch das Globalisierungs-Credo “Just in Time”, kurz JIT. Dieses sagt, dass Rohstoffe oder Bauteile genau dann geliefert werden, wenn sie in der Produktion benötigt werden, weil das supereffizient ist. Mit dem Beben kamen die optimierten Lieferketten weltweit so heftig wie nie zuvor ins Stocken. Ganze Autofabriken standen still und willige Konsumenten wurden ihr Geld nicht los, weil es nicht genug iPad 2 gab. Nun sind Produktionszwangspausen und verhinderter Konsum Todsünden der Industriegesellschaft, weshalb die Folgen des Bebens für die Lieferketten ganz genau untersucht wurden, wobei zwei Erkenntnisse gewonnen wurden: Die Lieferketten sind durch beständiges Auslagern von Produktions- und Verarbeitungsschritten so komplex geworden, dass kein Unternehmen die ganze Kette im Blick hat.

Die zweite Erkenntnis: Es gibt trotz Globalisierung geografische Flaschenhälse, weil sich hochspezialisierte Hersteller oder Dienstleister eben gerne clustern. So konzentrierten sich 90 Prozent aller Produzenten des Spezialkunstharzes, mit dem Chips auf Handyplatinen geklebt werden, in der vom Beben verheerten Region Nordjapans. Große Unternehmen haben aus diesen Erkenntnissen bereits Konsequenzen gezogen. Für den Festplattensektor kam diese Erkenntnis übrigens zu spät: Die Flutkatastrophe in Thailand hat fast die Hälfte aller Produktionsstandorte für HDDs lahmgelegt, weil diese sich in Industriegebieten nördlich von Bangkok konzentrieren. Und schon einen Monat nach der Flut steigen auch die Preise.

Aus dem Special in De:Bug 158: FAZIT 2011

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