Gewaltige Nebelmaschine
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 158


Foto: cc-by Robbie Shade

Wie um alles in der Welt ist das eigentlich passiert? Hauntology hat sich im letzten Jahr zu einem kleinen Star unter den Buzzwords der elektronischen “Musiktheoretiker” entwickelt. Mittlerweile gab es sogar schon erste Zusammentreffen im Kunstbetrieb unter dem Banner des neu erhobenen Tons der Geistlichkeit in der Musik. Hauntology ist hip, eine merkwürdige Wendung.

Ist k-punk mit seinem Blogpost von 2006, “Hauntology Now”, wirklich Schuld? Oder schieben wir wieder mal Simon Reynolds alles in die Schuhe? Und wie kam es eigentlich dazu, ausgehend von der komplexen, wenn auch typischen Geste Derridas (der hat’s erfunden, 1993, in seinem Buch “Spectres De Marx”) über recht konsequente Anfänge bei k-punk, sich mit Witchhouse und Retromischmasch zu einem höchst beliebigen und stinktoten “Alles ist Retro”-Chor und einem Neuaufguss vom “Ende der Geschichte” mit einer Portion technologieinduzierter Nostalgie so zu vermischen, dass man mittlerweile Begriffe lesen muss wie Hauntology-Scapes für eine spezifische Soundsästhetik in einer Bewegung, die Derrida die Fußnägel aufrollen würde?

Dabei hätte, mitsamt der “Neuen Internationalen” und den 10 Plagen des Kapitals, die Pop-Hauntology eigentlich viel besser in die Kreise der Occupy-Bewegung gepasst. Hantologie (das ist die große französische Schwester) ist zunächst mal laut Derrida eine Heimsuchung der Ontologie, aber auch ihre Grundbedingung, ebenso wie die der Theologie; beide übersteigend und mächtiger, und nebenher ein Begriff, den Derrida in typischer Geste aus seinem unerschöpflich produktiven Hut der Homonyme zaubert. Hantologie und Ontologie klingen gleich, ersteres ein “Kunstwort”, das das zweite immer schon affiziert, nicht zuletzt durch die bei Derrida immer gültige Prävalenz der Schrift.

Die Geister, die Derrida (dazu gehört zentral natürlich der Kommunismus) ruft, kommen weder aus dem Jenseits, noch sind sie in sich definierbar, vor allem aber rufen sie einem nicht aus einer bestimmbaren Vergangenheit ein breiiges “Zitatpop” zu. Ein Fehler, den man bei Derrida von Anfang an immer gerne macht, denn von bestimmter Unbestimmtheit zu Beliebigkeit zu rutschen, war immer schon der denkfaulste Gestus schlechthin. Gerade die Nicht-Präsenz der Geister verlangt nach Derrida deren Zeitlichkeit, Historizität und Einzigartigkeit zu betrachten. Letztendlich ist Hauntology eher als Kampfbegriff gegen jegliche Art von “Ende der Geschichte”-Neo-Evangelismus gedacht, aber selbst im Guardian findet man dieser Tage eher das Gegenteil. Ernstgenommen ist Hauntology also eins dieser Wörter, die sich selbst abschaffen, oder wie Nathan Jones vom Mercy mal meinte, eine gewaltige Nebelmaschine, die einerseits Banalitäten die Glorie von Theorie verleiht, andererseits aber durchaus produktive Tunnel quer durch verschiedenste Genres erlaubt. Bleiben wir also noch ein paar Monate dabei, streiten uns um die Definition, denn jenseits von neuen Genrebezeichnungen sind Neologismen, aber vor allem Konzepte in der Musiktheorie ja eher eine aussterbende Kunst. Und wie sonst, wenn nicht durch Kunst, sollen clevere Musikanten heute ihren Nebenverdienst sichern?

Aus dem Special in De:Bug 158: FAZIT 2011

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

2 Responses