Aura am Outfit
Text: Ji-Hun Kim aus De:Bug 158


Bild: Apple

Steve Jobs war bei seinen Mitarbeitern nicht immer beliebt. Als er vor langer Zeit mit von Issey Miyake designten Westen vor seine Mitarbeiter trat und vorschlug, diese in Zukunft als Firmenuniform zu tragen, wurde er kollektiv von der Bühne gebuht. “Sie hassten die Idee”, wird Jobs von seinem Biografen Walter Isaacson zitiert. Das Konzept Einheitskleidung, das in Japan mit Konzepten wie Hingabe und hierarchischer Unterwerfung scheinbar einfach funktionierte, ließ sich im individualistischen und Hippie-beeinflussten Silicon Valley schwerlich etablieren.

Trotz des kläglichen Scheiterns der geplanten Stilnivellierung in Cupertino freundeten sich Jobs und Miyake an. Dem Apple-Chef gefielen offensichtlich die klaren Linien und textile Raffinesse des Modedesigners, woraufhin er ihn bat, ihm doch einen Pullover zu gestalten. Wenn schon die Firma nicht auf uniquen Uniform-Style steht, dann verpasse ich ihn mir halt selber, mag er sich gedacht haben. Ein Zug, der auch etwas über den eigenwilligen Menschen Steve Jobs aussagt. Der einen renommierten Autoren beauftragt, eine Biografie zu verfassen, über 40 Interviews mit ihm führt, nur damit seine Kinder mehr über sein Leben erfahren könnten, da sie zu Lebzeiten zuwenig von ihrem arbeitswütigen Vater gehabt hätten. 40 Kamingespräche mit den Früchten seiner Lenden hätten es vielleicht auch getan.

Präzedenzfall des American Dream
Wie auch immer, über 100 Exemplare des mittlerweile legendären Turtleneck erreichten also den Kleiderschrank der Familie Jobs und seitdem wurde in der Öffentlichkeit nichts anderes mehr getragen. “Die reichen bis zum Ende meines Lebens”, erklärte er Isaacson. Die Konsequenz, mit der Steve Jobs seither die Kombination Levi‘s 501, New Balance 991/992 in Grau und eben jenem Oberbekleidungsstück trug, machte diesen scheinbar profansten und unspektakulärsten Style zu etwas Besonderem. Den Designer-Pulli kombinierte er mit der locker geschnittenen Standardjeans und 90-Euro-Laufschuhen. Dazu die Tatsache, dass der Bund des Turtleneck wie bei einem Hemd auch im Regelfall in der Hose getragen wurde, zumeist ohne applizierenden Gürtel, nur als Jobs aufgrund seines Krebsleidens enorm an Gewicht verlor, sah man das Beinkleid durch einen breiten schwarzen Ledergürtel fixiert. Die Pullovergröße blieb indes stets die Gleiche, in den Anfangstagen lagen die Fasern nah am Oberkörper, am Ende wirkte das Designerstück nahezu zeltig und gar nicht mehr so designt. Das machte aber alles nichts. Dieses Triptychon aus Jeans, New Balance und Rolli machte Jobs zu einem der populärsten und ikonografisch prägnantesten Manager aller Zeiten, die priesterähnliche, lithurgische Inszenierung, das ewige Mantra der immerzu gleichen Erscheinung war kalkuliert und unterstützte nur seinen Wiedererkennungswert. “Wenn der Mann mit dem Pulli kommt, wird etwas Großes verkündet”, so der rezipierte Umkehrschluss auf seinen frenetisch gefeierten Keynotes.

War es der glitzernde Handschuh und weiße Socken in schwarzen Lederslippern bei Michael Jackson oder das weiße Gewand mit Haube bei Papst Johannes Paul II., auch bei Jobs wurde das Outfit auratisch aufgeladen. Zudem scheint die gewählte Markenkombination keineswegs ein Zufall. New Balance wurde 1906 vom englischen Immigranten William J Riley gegründet, Levi‘s vom deutschen Einwanderer Löb Strauss 1928 in San Francisco. Jobs, der als Kind einer amerikanischen Mutter und eines syrischen Vaters zur Adoption freigegeben wurde, fühlte sich sein Leben lang als Entwurzelter, seine angebliche Gefühlskälte soll vor allem auf diesem Umstand beruht haben. Alle drei sind indes Präzedenzfälle des amerikanischen Traums, auch Miyake schuf sich ein einzigartiges Imperium trotz prekärer Anfangsbedingungen. So wie wir heute alle ein Stück Steve Jobs auf dem Schreibtisch oder in der Hosentasche haben, so trug Jobs die Historien großer Macher am eigenen Leib. Repräsentierte damit aber gleichsam die Attribute, die auch seine Produkte bestimmte. Frei von unnötigem Ornament, alltagstauglich und in seiner Simplizität frei von jeglichen Modeerscheinungen.

Aus dem Special in De:Bug 158: FAZIT 2011

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