Electrikboy am Lichtschalter
Text: jan joswig aus De:Bug 30


13 ist die Glückszahl von Felix “Da Housecat” Stallings. 13 Jahre seit seinem Vom-Jugendzimmerproduzenten-zum-Hotelsuite-Bewohner-Hiteinstieg “Fantasy Girl”, 13 Tracks auf dem neuen Album “Thee Maddkatt Courtship III: I know Electrikboy” und 13 Minuten Telefoninterview: “Telefoninterviews sind wie Zahnarztbesuche. Mir werden alle Zähne gezogen.

Aber das macht nichts, das ist in Ordnung.” 13 Minuten, in denen man aber schon Entwicklungslinien in ihr Recht und Feinde in Angst und Schrecken versetzen kann: “Electrikboy hat das Licht gesehen.” Die verbohrten Klingklang-Bewunderer in Detroit können sich ja gerne unermüdlich nach Düsseldorf verneigen, Kraftwerk hier und Kraftwerk da. Die wahren Robin Hoods wider die illegitimen Chartsokkupatoren, die sich auch gleich in Personalunion mit König Richard rechtmässigerweise selbst intronisieren, heissen in Chicago Pet Shop Boys und Giorgio Moroder. Provokanteste Kampfthese von Moroder: “Europäische Produktionen sind jetzt technisch so gut wie amerikanische, vielleicht sogar besser.”

Felix “da noch nicht Da Housecat” Stallings verfolgt als 15-jähriger 1986 an der Seite von DJ Pierre mit “Fantasy Girl” folgerichtig die Spur von Bobby Orlando (für Pet Shop Boys das, was Kraftwerk für Detroit ist) zu Jesse Saunders frühen Tracks, “Funk you up” und so, weiter. Italo Disco vom Michigan See. Sieben Jahre später erhält er wieder an der Seite von DJ Pierre vom englischen Progressive-/Trance-Label Guerilla die Möglichkeit, seine Vorstellung von Wild Pitch zusammenzukurbeln. In seinen schlammig über die Ufer tretenden Wild Pitch-Epen seit “Thee Dawn” verlagert Felix das Stöhnen Donna Summers aus Moroders “Love to love you baby” auf das An- und Abschwellen der gefilterten Frequenzen, eher gequälte als lustvolle Erschöpfung.

Das Licht, das er immer wieder beschwört gesehen zu haben, ist ein dunkeloranges Glimmen im Herzen der Finsternis, ach ne, das heisst ja jetzt im Finstern der Herzigkeit, nenne es Doom Pitch. Während DJ Pierre in seinen Wild Pitch-Tracks fröhlich mit der Axt durch den Elbenwald holzt, hastet Felix als Da Housecat, Aphrohead, Wonderboy u.a. geduckt durch die Dungeons unter dem Nebelgebirge (oder wie heisst das bei Tolkien?).

In der dritten Folge von Thee Maddkatt Courtship unterwirft er sich jedoch den Direktiven des Electrikboy, um die elektronische Musik den Industrialites wieder zu entreissen: corporate electronic music still sucks, resümiert die Legende zur Welt von Cinematik, mit der Felix die Musik auf “Thee Maddkatt Courtship III” in den Linernotes rahmt. Etwas delikat, dass Felix Da Housecat ausgerechnet aus der Höhle des Löwen, dem Majorlabel ffrr, deren Logo kompositorisch unübersehbar auf dem Cover neben der Housecat prangt, seinen Feldzug gegen die “Commercialization” führt, an der mittlerweile auch die ehemaligen “Visionary” der elektronischen Musik als Handlanger beteiligt seien. “Visionary” statt “Originator” und “Innovator”? Naja, die Labelwahl als taktische Verbündung, die Infiltrations- und Unterwanderungsmethode, die Musik als geheime Zitrustintenbotschaft auf einer Papstbulle, die sagt, Tod allen, die aus geistigen Überzeugungen Profit schlagen? Oder die postmarxistische Einsicht, dass Musik sich von ihren materiellen Bindungen emanzipiert und Indielabel im übrigen auch nur Kapitalismus im kleinen betreiben? Commercialization als musikästhetische und nicht marktwirtschaftliche Komponente? “The Industrialites” gingen “even to the extent of commercialization”, Electrikboy dagegen “always kept it underground, never let his music down”.

“Underground” ortet der Electrikboy 1999 wieder da, wo Felix Stallings 1986 mit “Fantasy Girl” anfing, wehmütige (Haus-)Katzenjammer-Euroelektronik. Sogar der Jesse Saunders-Partner aus den Achtzigern Vince Lawrence hat einen Hörspielauftritt als Maitre de Club. Der unaugenzwinkerndste Trauerrandelektropop als die Quelle im Garten der guten Fee Morgana, an der sich müde Recken laben.(Ich habe meine Legenden, befürchte ich, nicht so sicher im Griff wie Felix seine zu “Cinematik” und “Electrikboy”.) “Die Achtziger waren die beste Zeit”, und Zuhause ist immer Underground. Die Kindsköpfe DMX Crew oder Les Rhythmes Digitales ziehen sich da freiwillig in ihre Laufgitter zurück.

Auf “The Maddkatt Courtship III” werden mit romantischer Umarmungsgeste alle enttäuschten Idealisten bewillkommnet, die sich dennoch nicht in Retronostalgie zurückziehen wollen. Die Elektrosounds orientieren sich stattdessen angelegentlich mit Breakbeats und 2Step-Beats nach vorne und bleiben dabei peinlich genau diesseits der Grenze zu Drum and Bass. Mit “The Maddkatt Courtship III” schliesst Felix Da Housecat einen Kreis zu seinen Anfangstagen, zeigt aber, dass er auf der Hinterhand schon eine (vielleicht über die Gesamtspieldauer noch etwas unpräsente) Vision für die Zukunft hat: Die Post-Timbaland-Schule aus dem Ursprungsgeist von Chicago-House zu entwerfen.

Aus didaktischen Gründen, kenne deine Feinde, plaziert Felix Da Housecat die Schreckensvision “Cosmic Pop” als den Zuckerwatte-Breakdown zwischen zwei der drei aggressiven Schmirgelpitcher, die der Electrikboy innerhalb der Electropopfreiheitsreminiszenzen durchgehen lässt. “Cosmic Pop? Ich gebe einen piss auf gefilterte Popmusik. Es ist so geisttötend, ein Sample zu nehmen und einen Filter darüberzulegen.” Dass das vorher entstandene “Cosmic Pop” sich wie die Blaupause zu “Get Get Down” von Paul Johnson anhört, darf wohl als ein cleverer Fall von Werkspionage gewertet werden. Oder es gibt doch musikalische Grundreizmuster, die jede von der Tarantel gestochene Musiksoftware bereitwillig auswirft, man muss sie nur lassen wollen.

Wenn nach “My Life Muzik” “Cosmic Pop” von ffrr als weitere Auskopplung bestimmt werden sollte, hätte man einen traurigen Beweis, dass der Weg durch die Instanzen auch in der Kunst entweder zurück am Kiosk (Ebermann) oder auf dem Panzer in die Türkei (Fischer) endet.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.