Obwohl man Felix Stephan Huber zu den Medienkünstlern zählen kann, er tauchte auf der Documenta Website X auf, gehen seine Arbeiten doch immer weit über den technischen Moment hinaus - angenehm. Mehr als Technik haben ihn auch schon immer Orte interessiert. Seine Arbeit "Reality Check One", in der er liebevoll für ein Videogame den Alexanderplatz nachgebaut hat, wirkt deshalb auch eine ganze Zeit nach ihrer Entstehung immer noch beeindruckend.
Text: Sandra Sydow aus De:Bug 80

In 3-D über den Alexanderplatz
Felix Stephan Huber

Berlin, Alexanderplatz. Nachts. Der Platz wirkt verlassen. Das Hotel wirft ein eigentümliches Licht auf die ganze Szenerie. Es ist 2001. Reality check one. Hier ist nichts real.
Was bringt jemanden dazu, ein gutes halbes Jahr lang Grundrisse und Stadtpläne zu wälzen, um dann am heimatlichen Computer mit Unreal-Engine den Alexanderplatz samt Untergrund anhand von Photos und Videoaufnahmen für eine Installation detailgetreu nachzubauen? Felix Stephan Huber, Jahrgang 57, ist gebürtiger Züricher und lebt momentan in Berlin. Er kam über Photographien und großformatige Photocollagen städtischer Tristesse zu Video und Aufbauten aus sogenanntem Multimedia. In unzähligen, teils internationalen, Einzel- und Gruppenausstellungen sind seine Photographien, Videoinstallationen und Internetprojekte schon zu sehen gewesen.
“Ich bin kein Spieler”, sagt Felix Stephan Huber und präsentierte 2001 eine Installation, in der ein Computerspiel dominiert. “Reality check one” – ein düsteres Spektakel, dessen 3D-Schauplatz der Berliner Alexanderplatz ist. Man begegnet bekannten Figuren wie Lara Croft, Trinity und Spiderman, deren Kommunikationsgrundlagen Filmen wie Matrix, Bladerunner und Ghost in the Shell entliehen wurden. Die Installation besteht aus zwei Sitzgruppen mit Spielkonsolen, dazwischen eine doppelseitige, großflächige Leinwand, auf der das Spiel abläuft. Photographien des echten Platzes, Konversationsfragmente der virtuellen Darsteller auf großen Tafeln an den Seiten und Monitore, auf denen Spielszenen zu sehen sind, rahmen die Sitzelemente ein.

Virtualität ist Alltag
Begibt man sich in das Spiel, wird man Teil der Überschneidung vom real existierenden und gleichzeitig virtuellen Ort. Die Beklemmung des nächtlichen, urbanen Schauplatzes wird körperlich zu einem sehr prägnanten, fast realen Gefühl. Die Grenzen zerfließen durch sein Collagieren von Ab- und Nachbildungen. Die Interaktion mit den Figuren wechselt von Kommunikation zu Shoot-and-Run. Huber selbst wollte anfangs ohne Splatterästhetik arbeiten, sah diese dann aber im Kontext von Populärkultur als unverzichtbar. Hier soll nicht nur Wirklichkeit in Datenform präsentiert, sondern gezeigt werden, wie sich die Technik der Realität nähert und sich letzten Endes alles in neuer Künstlichkeit aufzulösen droht.
Heute: 2004. Seien wir mal ganz ehrlich: Internet und Multimedia sind inzwischen flach getreten und in den Tagesablauf integriert. Nothing new. Jetzt, knapp drei Jahre nach “Reality check one”, gäbe es weit perfektere technische Mittel, um Ähnliches darzustellen. Das weiß auch Huber, dennoch ist diese Installation Teil eines persönlich historischen Kontextes, eben ein Schritt in einem fortdauernden Prozess weiterer künstlerischer Arbeiten. Und mit Blick auf Veranstaltungen wie die Transmediale hat diese Kunstrichtung keineswegs an inhaltlicher Bedeutung verloren. “Mich interessiert das Technische nicht sehr, nur die künstlerische Entwicklung in diesem Rahmen.” F.S. Huber weist in seinen Arbeiten auf die Künstlichkeit unserer Alltagswelt hin, eine Künstlichkeit, mit der wir leben.
Die Schwierigkeit dabei liege oft in Übersättigung und zuviel Input, das habe er an den Ausstellungsbesuchern immer wieder sehen können. Die Reduzierung auf weniger Informationsflut und weniger Eigeninitiative für den Rezipienten sieht Huber als Konsequenz für sich. Seine Arbeit soll moderne Dokumentation sein, die eine andere Sicht auf Jetzt-Zustände aufzeigt. Sie zerrt den Alltag unter künstlichen Bedingungen hervor, zeigt darin Schnittstellen zwischen Virtualität und Realität auf, mischt das Umfeld und seine Abstraktion und verortet eine fortschreitende Künstlichkeit direkt im Gesellschaftsdiskurs.

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Elektronische Lebensaspekte.